Matthias Adrian - einer, der es schaffte auszusteigen

Innenminister Schily zieht positive Bilanz über bundesweite Aussteigerprogramme für Neonazis

Hamburg. Matthias Adrian war Neonazi. Sieben Jahre ist er mitmarschiert. Er kannte nichts anderes als rechtsextremistisches Gedankengut. In seiner Heimat, einer hessischen Kleinstadt, hatte fast jeder etwas gegen Ausländer. Die Eltern waren stockkonservativ, und der Großvater schwärmte vom Dritten Reich.

Er sagte Sätze wie diese: "Mit Hitler war alles besser." Matthias Adrian glaubte ihm. Er liebte den Großvater. Mit 13 begann er die rechtsextreme "Nationalzeitung" zu lesen. Drei Jahre später gründete er seine erste Kameradschaft. Er schrieb Flugblätter, beschmierte Synagogen schändete jüdische Friedhöfe. Mit 21 trat er der NPD bei. Mit Braunhemd und Parteiabzeichen, die dunklen Haare streng gescheitelt, wollte Matthias Adrian Deutschland retten.

Das war vor fünf Jahren. Heute arbeitet der 28-Jährige bei "Exit", einem Berliner Verein, der sich um Naziaussteiger kümmert. Er hilft denen, die raus wollen aus der rechtsextremen Szene.

Bundesweit gibt es rund ein Dutzend Programme für Naziaussteiger, darunter das Aussteigerprogramm des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). Bundesinnenminister Otto Schily zog jetzt eine positive Bilanz: Seit dem Start im April 2001 haben die Mitarbeiter am Kontakttelefon rund 900 Anrufe entgegengenommen. Mehr als 200 Personen davon wollten aussteigen, doch nur 88 seien schließlich in die intensive Betreuung aufgenommen worden, so das Bundesinnenministerium.

Über die Zahl derjenigen, die den Ausstieg letzten Endes geschafft haben, will das Ministerium allerdings keine Angaben machen. Die Hamburger Polizei, die im Rahmen der Aktion ebenfalls eine Hotline geschaltet hat, hält das Projekt für wenig erfolgreich. Hier klingelt das Aussteiger-Telefon so gut wie nie.

Dennoch will der Verfassungsschutz an dem Programm festhalten. Es sei ein "wichtiger Bestandteil zur Bekämpfung des Rechtsextremismus", sagt Schily. Ziel sei es, Führungspersonen aus der rechtsextremistischen Szene herauszulösen und Mitläufer zum Ausstieg zu veranlassen. "Wir sorgen dafür, dass die Kontake zur ehemaligen Szene abgebrochen und Aussteiger vor der Rache ehemaliger Kameraden geschützt werden", so ein Mitarbeiter der BfV. Denn immerhin zehn Prozent der Ausstiegswilligen würden von der Szene massiv bedroht.

So wie Ex-Neonazi Mike, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. Weil er Angst hat vor den braunen Kameraden, die ihn zusammenschlugen und die Wohnungstür eintraten, als er aussteigen wollte. Mike hat den Ausstieg geschafft, so wie "Exit"-Mitarbeiter Matthias Adrian.

"Exit" wurde im November 2000 vom Aussteiger Ingo Hasselbach mitgegründet und finanziert sich von Sponsoren und Spendern. 170 Ausstiegswillige wurden bis heute von "Exit" betreut. 35 von ihnen haben den Ausstieg geschafft.

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