Rassismus-Debatte

Mississippi schafft nach 126 Jahren Konföderierten-Flagge ab

Rassisten? Kampf gegen Symbole der Kolonialzeit

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd hat die Debatte über die Gewalt in der Kolonialzeit neu entfacht. In Belgien und Großbritannien wollen Demonstranten verbliebene Symbole der Unterdrückung loswerden.

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Nach George Floyds Tod trennt sich Mississippi von seiner umstrittenen Flagge. Für viele Afroamerikaner war sie ein Symbol des Hasses.

Washington. Es ist das letzte parlamentarische Kapitel in einem Kulturkampf, der seit Jahrzehnten schwelt. Als letzter US-Bundesstaat hat Mississippi am Sonntag das umstrittenste Stück Stoff Amerikas eingeholt:

Die auch bei Rechtsextremisten, Rassisten, Neonazis und Ku-Klux-Klan-Anhängern beliebte Kriegsflagge der Südstaaten (Konföderierte), die im Bürgerkrieg von 1816 bis 1865 die Sklaverei bewahren wollten und von den Unionisten im Norden geschlagen wurden.

Seit 1894 wehte die Fahne mit dem Emblem der 13 Sterne und den schräg gekreuzten blauen Balken auf rotem Grund über dem Kapitol der Hauptstadt Jackson. Nachdem beide Kammern des Parlaments mit 37 zu 14 Stimmen bzw. 91 zu 23 Stimmen für die Entfernung der Südstaaten-Symbolik votiert hatten und Gouverneur Tate Reeves, ein Republikaner, bereits vorher sein Okay zu einem entsprechenden Gesetz gegeben hatte, wurde die Fahne noch am Nachmittag offiziell eingeholt.

Sie soll durch eine neue Flagge ersetzt werden, über die die Wähler im Südstaat parallel zur Präsidentenwahl am 3. November entscheiden sollen. Ein neuer Entwurf liegt noch nicht vor.

Historischer Schritt in Mississippi – Tod von George Floyd der Auslöser

Dass sich Mississippi parteiübergreifend zu diesem historischen Schritt aufraffte, geht letztlich auf den Ende Mai von Polizisten getöteten Schwarzen George Floyd in Minneapolis zurück. Danach entwickelte sich eine überdurchschnittlich heftige und breit geführte Debatte über Rassismus in Amerika, die immer noch andauert.

Landesweit wurden, zum Verdruss von Präsident Donald Trump, der „Tätern“ mit zehnjährigen Haftstrafen droht, bis heute fast 70 Statuen vom Sockel geholt, die vielfach an Südstaaten-Militärs erinnerten, die im Bürgerkrieg das Recht auf Sklavenhaltung verteidigt hatten.

Dazu kam abermals die Erinnerungskultur auf den Prüfstand. In ihr gilt aus Sicht vieler Afroamerikaner die „Konföderierten-Flagge“ als Verewigung der Ideologie der weißen Vorherrschaft. Verteidiger der Flagge, die gerade im Süden der USA in vielen Alltagssituationen – Aufkleber auf Stoßstangen etc. – als Ausdruck von „südlichem Stolz“ überlebt hat, sehen in dem Tuch einen Teil ihrer Identität, den es zu bewahren gelte; trotz der klaren Beziehung zur Sklaverei.

"Schwarze Kinder sollten nicht in Gefahr leben"
Schwarze Kinder sollten nicht in Gefahr leben

Konföderierten-Flagge für viele US-Amerikaner ein Symbol des Hasses

Dass Mississippi gegen programmierten Protest nennenswerter Teile seiner konservativen Bevölkerung die Wende jetzt einleitet und seine Flagge „bereinigt“, spricht für die Wucht der aktuellen Debatte. Vor fünf Jahren, als der Bundesstaat North Carolina die Südstaaten-Flagge einmottete, nachdem der weiße Rassist und Neonazi Dylan Roof in einer schwarzen Kirche in Charleston neun Menschen erschossen hatte, hielt sich die Politik in Mississippi noch bedeckt.

Auch 2017, als in New Orleans/Louisiana auf Geheiß des damaligen Bürgermeisters Mitch Landrieu mehrere Statuen entfernt wurden, darunter die des konföderierten Oberkommandierenden General Robert Lee und des konföderierten Präsidenten Jefferson Davies, herrschte in Jackson Funkstille.

Dabei war es Landrieu, der in bis heute in Amerika bewunderter Manier das Kern-Argument gegen Denkmäler und Flagge vorgelegt hatte: Danach seien besagte Denkmäler weit nach Ende des Bürgerkriegs mit dem Vorsatz aufgestellt worden, die Versklavung als Wesenskern der Konföderation zu leugnen und die Geschichte zu frisieren; hin zu der wahrheitswidrigen Rebellen-Saga, in der der Süden für die „gerechte Sache“ gekämpft habe.

Die Konföderierten-Flagge sei eindeutig ein Symbol des Hasses – gegen den Norden, gegen den Sieger, gegen Amerika. Und ein Symbol der Einschüchterung der schwarzen Bevölkerung.

Philipp Gunn, der Sprecher des Repräsentantenhauses in Jackson, ein weißer Republikaner, nahm den Ball in gewisser Weise auf. Im Beisein der Abgeordneten, von denen viele Tränen der Erleichterung vergossen, sagte er. „Heute können wir und der Rest der Nation auf unseren Staat mit neuen Augen, Stolz und Hoffnung sehen. Wir haben unser Erbe nicht verraten. Wir werden ihm gerecht.“

Die Hintergründe zum Tod von George Floyd und der aktuellen Rassismus-Debatte