Kapitol-Sturm

Wie Donald Trump das Leben von Wahlhelfern ruinierte

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Dirk Hautkapp
Sturm aufs Kapitol: Trump setzte Pence unter Druck

Sturm aufs Kapitol: Trump setzte Pence unter Druck

Bei den öffentlichen Anhörungen des Untersuchungsausschusses zur Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 standen erstmals die Versuche des früheren US-Präsidenten Donald Trump im Mittelpunkt, seinen Vizepräsidenten Mike Pence unter Druck zu setzen. Trump hatte seinen Stellvertreter dazu bringen wollen, eine Zertifizierung des Wahlsiegs des Demokraten Joe Biden zu blockieren.

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Im Untersuchungs-Ausschuss zum Sturm aufs Kapitol berichten Betroffene von Todesdrohungen und Beleidigungen durch Anhänger von Trump.

Washington. Todesdrohungen am Telefon, per Brief oder via E-Mail, rassistische Beleidigungen, Haus-Belagerungen, Einschüchterungen von Familien-Mitgliedern: Wahlhelfer in Bundesstaaten, die sich dem Druck von Donald Trump und seinen Helfershelfern widersetzten, den Wahlsieg von Joe Biden nachträglich zu manipulieren, sahen sich im Winter 2020/2021 ungeheuren Repressalien ausgesetzt. Einige leiden noch heute unter Angstzuständen und der Sorge vor Verfolgung durch militante Trump-Anhänger.

So erklärte der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhauses von Arizona, Rusty Bowers, in der vierten Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021, dass er es an Wochenenden vor seinem Privathaus regelmäßig mit Demonstranten zu tun bekommt, die ihn und seine Familie geradezu tyrannisieren.

Trump: Republikaner zur Fälschung des US-Wahlergebnisses gedrängt?

"Ich bin als pädophil, pervers und korrupt beleidigt worden", sagte der langjährige Konservative sichtlich um Fassung ringend. Zuvor hatte Bowers geschildert, wie Trump-Mitarbeiter ihn persönlich bedrängt haben, dass Wahlergebnis im Südstaat, das klar für Biden ausging, durch die Beglaubigung einer neuen Wahlmänner-Liste für das "electoral college" nachträglich zum Vorteil Trumps zu verändern, weil es in Arizona angeblich zu Fehlern bei der Stimmenauszählung gekommen sei. An dem verfassungswidrigen Versuch war Donald Trump im Verein mit seinem Anwalt John Eastman unmittelbar beteiligt, sagte die republikanische Parteivorsitzende Ronna McDaniel unter Eid aus.

Bowers weigerte sich damals standhaft, sprach von einem "Zirkus" und bekräftigte, er werde nicht seinen Amtseid für haltlose Behauptungen brechen. "Ich wollte nicht durch Betrug gewinnen", schrieb er in ein Tagebuch, aus dem er in der live im Fernsehen übertragenen Sitzung hoch emotionalisiert vorlas. Bowers, politisch ein Fan von Trumps erster Präsidentschaft gewesen, sprach von einer "tragischen Parodie", die der Ex-Präsident dem Land seit über 19 Monaten aufzwinge.

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Ex-Vizepräsident Pence soll Betrug verweigert haben

Wie weit Trumps Drängen ging, das Wahlergebnis zu kippen, zeigte die Aussage im Ausschuss, dass die Bundesstaaten Michigan und Wisconsin zur entscheidenden Sitzung im Kongress am 6. Januar, die Trump-Anhänger massiv störten, fertige Listen mit gefakten Wahlmännern- und Wahlfrauen nach Washington brachten. So sollte Trump doch noch der Sieg beschert werden. Vizepräsident Mike Pence als Versammlungsleiter habe sich aber geweigert, die gefälschten Dokumente anzunehmen und bei der Auszählung zu berücksichtigen.

Robert Sinners, ein früherer Mitarbeiter der Trump-Kampagne, sagte, er habe sich in Trumps Störmanövern gegen die amerikanische Demokratie wie ein "nützlicher Idiot" gefühlt.

Trump-Anhänger sollen mit Tod gedroht haben

Gabe Sterling, seinerzeit einer der obersten Wahlverantwortlichen im Bundesstaat Georgia, berichtete, wie ihm von Trump-Anhängern mit dem Tod durch Erhängen gedroht wurde. Dem Republikaner stockte mehrfach die Stimme. In Georgia hatte Trump in einem Telefonat mit Wahlleiter Brad Raffensperger das nachträgliche Beibringen von exakt 11.780 Stimmen verlangt hatte, um Bidens Sieg zu neutralisieren. Raffensberger, ebenfalls ein Republikaner, weigerte sich.

Am dramatischsten war der Auftritt der schwarzen Wahlbediensteten Shaye Moss aus Georgia. Sie erhielt mehrfach Todesdrohungen und traut sich nach eigenen Worten seit der Wahl nicht mehr aus dem Haus oder in den Supermarkt. "Mein Leben ist auf den Kopf gestellt", sagte Moss, die nach eigenen Angaben durch Depressionen 30 Kilogramm zugenommen hat.

Ihrer Mutter Ruby Freeman, ebenfalls eine Wahlbeamtin aus Fulton County in der Nähe von Atlanta, wo Trump persönlich einen Hotspot des angeblich gegen ihn gerichteten Wahlbetruges ausmachte und verschiedene Funktionäre namentlich angriff, erging es noch übler.

FBI-Maßnahmen: Nahm Trump Wahlbeamte in Visier?

Nach der Präsidentschaftswahl 2020 kam die Bundespolizei FBI auf sie zu und forderte sie auf, ihr Haus für zwei Monate zu verlassen, weil ihr Leben in Gefahr sei. Unter Tränen erklärte die Afro-Amerikanerin, wie furchtbar es ist, vom Präsident der Vereinigten Staaten persönlich ins Visier genommen zu werden.

Bennie Thompson, der demokratische Ausschuss-Vorsitzende, warf Trump eine "unerbittliche, zerstörerische Druckkampagne" vor. Liz Cheney, die einzige Republikanerin im U-Ausschuss, bedankte sich bei Moss und Freeman für ihre staatsbürgerliche Standhaftigkeit. Sie haben gezeigt, dass sich unsere Institutionen nicht selbst verteidigen, sagte Cheney. "Es sind Menschen, die das tun."

Die Aussagen der Wahlverantwortlichen waren laut US-Kommentatoren der bisher eindrucksvollste Beleg dafür, dass Trump die US-Demokratie tatsächlich aus den Angeln heben wollte. Selbst beim notorisch Trump-freundlichen Sender Fox News hieß es, der Ex-Präsident sei "furchtbar" bei der Anhörung weggekommen und offenbar "unfähig", das höchste Staatsamt auszuüben. Es könnte sein, erklärte mehre Fox-News-Diskutanten, dass Trump rund um den 6. Januar 2021 tatsächlich Straftaten begangen hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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