Texas

Riesiges Flüchtlingslager: USA schieben nach Haiti ab

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Peter DeThier
Überwiegend Menschen aus dem bitterarmen Haiti versuchen, den Rio Grande, den Grenzfluss zwischen Mexiko und Texas, zu überwinden, um in die USA zu gelangen.

Überwiegend Menschen aus dem bitterarmen Haiti versuchen, den Rio Grande, den Grenzfluss zwischen Mexiko und Texas, zu überwinden, um in die USA zu gelangen.

Foto: Jordan Vonderhaar / AFP

Mehr als 10.000 Menschen – überwiegend aus Haiti – campieren unter einer Brücke und drängen in die USA. Doch das Land macht dicht.

Washington. Unter einer Brücke, die die 35.000 Einwohner zählende Stadt Del Rio in Texas mit Mexiko verbindet, campen seit Tagen tausende Menschen, die fast alle aus Haiti geflohen sind. Sie wollen dem politischen Chaos nach dem Attentat auf ihren Präsidenten sowie dem Elend nach dem Erdbeben im August entfliehen. Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben in Amerika endet vorerst an der Grenze zu den USA.

Denn die Migrantenkrise stellt US-Präsident Joe Biden vor eine weitere, schwierige Herausforderung. Für Biden handelt es sich nach dem desaströsen Truppenabzug aus Afghanistan binnen kurzer Zeit um die zweite, politische und humanitäre Katastrophe. Seit Tagen suchen tausende von Migranten unter der sogenannten „Internationalen Brücke“, die Del Rio mit dem mexikanischen Festland verbindet, Zuflucht vor der brütenden Hitze. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel, es herrschen tagsüber Temperaturen von bis zu 40 Grad.

Die meisten Geflüchteten haben nichts mehr

Wir haben kaum etwas zu trinken, einige verdursten“ klagt Jean-Claude Garcon, ein Künstler aus der Nähe der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, der seit zwei Jahren in Chile illegal auf einem Weingut arbeitete, kürzlich aber aber ausgewiesen wurde. Nun sucht er um jeden Preis den Weg in die USA, das für ihn immer noch das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist.

Andere erzählen, dass sie schon vor Jahren aus ihrer krisengeschüttelten Heimat Haiti nach Südamerika geflüchtet seien, nun aber aus Ländern wie Chile und Brasilien abgeschoben wurden, auch nicht in Mexiko bleiben dürfen und in den USA einen sicheren Hafen suchen. Die meisten von ihnen sind mittellos, viele schleppen mit einem Rücksack ein Minimum an Proviant und Bekleidung durch das unwegsame Gelände. Auch sie hoffen in den USA auf einen Neustart.

Biden schickt 2000 zusätzliche Grenzschutzbeamte

Doch kaum einer von ihnen hat einen Reisepass, ein Einreise-Visum oder eine Aufenthaltsgenehmigung - folglich kaum Aussichten auf ein Leben Amerika. Es bleibt nur eine Hoffnung: Irgendwie das amerikanische Festland erreichen. Dann haben sie das Recht, einen Antrag auf politisches Asyl zu stellen und dürfen zumindest vorübergehend nicht ausgewiesen werden.

Dadurch aber gerät US-Präsident Biden unter Druck. Gerade ist Mal das Debakel in Afghanistan aus den Schlagzeilen verschwunden, schon zeichnet sich die nächste, dramatische Krise ab. Nachdem der Bundesgrenzschutz Customs and Border Patrol (CBP) von dem plötzlichen Zustrom an Immigranten auf dem falschen Fuß erwischt worden war, reagierte der Präsident relativ schnell. Er entsandte sofort mehr als 2000 zusätzliche CBP Beamte nach Del Rio.

3000 Menschen werden binnen 24 Stunden ausgeflogen

Das aber geht dem texanischen Gouverneur Greg Abbott nicht weit genug. Abbott, ein konservativer Republikaner, der zudem die Chance wittert, den demokratischen Präsidenten vorzuführen und ihn 14 Monate vor wichtigen Kongresswahlen einer weiteren Blamage auszusetzen, ging rabiat vor: Er blockierte den Zugang zum Grenzfluss Rio Grande. Seit dem Wochenende wurden die CBP Beamten zudem von 1000 texanischen Staatspolizisten unterstützt, die mit ihren Streifenwagen eine lange Straßenblockade bildeten. Das wiederum hatte zur Folge, das die Immigranten nicht einmal mit Lebensmitteln und Wasser versorgt werden können.

Unter der Ägide des Heimatschutzministeriums Department of Homeland Security begann am Wochenende auch die US-Küstenwache, mit ihren eigenen Transportflugzeugen die Einwanderer zurück nach Haiti und in andere Staaten auszufliegen. Bis zu 3000 Menschen sollten binnen 24 Stunden ausgeflogen werden.

Die Menschen versuchen, sich im Fluss abzukühlen

Doch die Krise an der Grenze dauert an. „Ich habe während meiner gesamten Laufbahn so etwas noch nie erlebt, auch nicht annähernd“ erklärt der US-Grenzschutzbeamte Brandon Judd, der unter der Brücke zwischen tausenden von Haitianer steht, die entweder einen schattigen Fleck suchen oder sich im Rio Grande waschen und abzukühlen versuchen.

Zwar versprach Raul Ortiz, Leiter des lokalen CBP Büros, dass alles unternommen werde, um die Einwanderer zu verpflegen. „Auch gehe ich davon aus, dass bis Ende dieser Woche jeder wissen wird, ob er in seine Heimat zurück muss oder mit einem Asylantrag das Recht haben könnte, in den USA zu bleiben“ sagte er.

Republikaner machen Biden Vorwürfe

Wie politisch prekär die Situation aber für Biden werden könnte, das beweist ein Bericht des konservativen Fernsehsenders Fox News. Darin ist ein endloser Strom von Migrantinnen und Migranten zu sehen, die unweit von der Internationalen Brücke und ungeachtet der Grenzsperrung unbehelligt durch einen flachen Teil des Rio Grande spazieren und problemlos in Texas das Staatsgebiet der USA erreichen konnten.

Republikaner werfen dem Präsidenten bereits vor, mit zu laschen Grenzkontrollen und dem Vorhaben, acht Millionen illegalen Einwanderern einen Weg zur Staatsbürgerschaft zu ermöglichen, den Immigrantenstrom wieder beschleunigt und auf ganzer Linie versagt zu haben.

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