Katastrophe

Madagaskar: Wenn Corona und Hungersnot aufeinandertreffen

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Gudrun Büscher
Hitzewelle: In diesen Ländern brennen die Wälder

Hitzewelle: In diesen Ländern brennen die Wälder

Extreme Hitzewellen sorgen auf der ganzen Welt für Unmut. Es entstehen immer mehr Waldbrände und die Menschen kämpfen mit den hohen Temperaturen.

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In Madagaskar haben Millionen nach anhaltender Dürre nicht genug zu essen. Hinzu kommt die Corona-Pandemie. Eine tödliche Mischung.

Berlin. Die Regenzeit ist ausgeblieben im Süden von Madagaskar. Für die Menschen dort ist die schlimmste Dürre seit 40 Jahren eine lebensbedrohliche Katastrophe. 1,1 Millionen Madagassen haben nicht genug zu essen, 400.000 drohen zu verhungern, 14.000 stehen nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) kurz vor dem Hungertod. „So schlimm war es noch nie“, sagt Julius Emmrich, Neurologe an der Berliner Charité und Vorsitzender des Vereins Ärzte für Madagaskar, unserer Redaktion.

„Die Menschen wissen: Wenn sich die Regenzeit verschiebt, gibt es Hunger. Aber in diesem Jahr ist gar nichts gewachsen.“ Jedes fünfte Kind ist unterernährt, manche befürchten sogar, dass es noch mehr sein könnten. „Sie sterben, wenn nichts geschieht“, so Emmrich. Das Vieh sei längst geschlachtet, „die Menschen ernähren sich von Rinde, Heuschrecken, Kaktusfeigen und Lehm“, berichtet der Arzt: „Es ist erschütternd.“

Klimawandel eine tödliche Bedrohung für Menschen in Madagaskar

Im Süden Madagaskars sind 90 Prozent der Menschen Selbstversorger. Jetzt ist ihre Lebensgrundlage zerstört. „Sie haben keine Reserven mehr“, sagt der Arzt. Der Süden trocknet aus. Die Pflanzen zerfallen zu Staub. Dass der Klimawandel eine der Hauptursachen für die Dürre und die Stürme ist, steht für die Experten außer Zweifel. „Menschen verhungern – nicht wegen eines Krieges oder Konflikts, sondern wegen des Klimawandels“, sagt der WFP-Chef David Beasley.

Die Region habe nichts zur Erderwärmung beigetragen, zahle aber den höchsten Preis dafür. „So etwas Schlimmes habe ich noch nicht gesehen“, sagt die zuständige WFP-Regionaldirektorin Lola Castro, die seit fast 30 Jahren in Krisenregionen arbeitet. Hunderte Kinder seien völlig ausgezehrt: „Stille Wesen aus Haut und Knochen.“

Die Hilfe ist inzwischen angelaufen, „aber es sind einfach nicht genug Lebensmittel vorhanden“, sagt Emmrich. Die Wege zu den Menschen seien weit, viele seien viel zu schwach für eine Flucht in den Norden. Selbst die Stellen, an denen Helfer Lebensmittel verteilen, seien oft zu weit entfernt. Der von Menschen gemachte Klimawandel lässt es wärmer werden, es gibt mehr Dürren und Stürme – und in der Folge Ernteausfälle. Bleibt die Regenzeit aus, hat das besonders für die ohnehin wasserarmen Regionen der Welt verheerende Konsequenzen.

Dürre und Corona-Pandemie sind eine toxische Kombination

Zu der Dürre kommt die Pandemie. Mit dem Hunger wurde Covid-19 zu einer toxischen Kombination. „Es gab Szenen wie in Indien“, berichtet Emmrich. „Viele Menschen starben vor den Krankenhäusern, wenn sie sie je erreichten.“ Die Regierung nahm das Virus lange nicht ernst und ließ dann einen Tee herstellen und verkaufen. „Covid Organics“ sollte gegen Corona helfen. Der wirkungslose Trunk half aber nur dem Hersteller. Erst seit Kurzem wird geimpft. „Die Pandemie hat die Ausbreitung des Hungers extrem beschleunigt“, meint der Mediziner.

Noch 2015 hatten sich die Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt, den Hunger weltweit bis 2030 zu besiegen. Nun warnt der Weltklimarat, dass 2050 zusätzlich bis zu 80 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sein könnten – durch ausfallende Ernten, Wassermangel und ständig steigende Preise. Die Weltbank vermutet, dass 270 Millionen Menschen, so viele wie nie zuvor, akut an Hunger leiden oder stark gefährdet sind.

Klimawandel könnte Millionen Menschen zur Flucht zwingen

Bis zum Jahr 2050 könnte der Klimawandel zudem bis zu 143 Millionen Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. In vielen südasiatischen und afrikanischen Ländern südlich der Sahara nehmen Trockenperioden und Stürme zu, bei denen die Menschen oft nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre ganze Existenz verlieren.

Solange sie es noch können, fliehen sie aus den sterbenden Regionen, werden zu Klimaflüchtlingen. Die meisten suchen eine Zuflucht im eigenen Land, aber nicht nur. Das bekommt auch Europa zu spüren: Die Zahl der Senegalesen, Malier oder Nigerianer, die in Booten auf den spanischen Kanareninseln ankommen, steigt stark an.

Hilfsorganisationen sprechen von einer tödlichen Verbindung aus Kriegen, Klima und Corona. Die Pandemie wirke wie ein Brandbeschleuniger von Hunger und Armut, Covid-19 habe in vielen Entwicklungsländern alle Fortschritte der vergangenen Jahre zerstört, Millionen Menschen verarmen lassen: „Corona ist zum Hungervirus mutiert“, sagt Marlehn Thieme, Chefin der Welthungerhilfe in Bonn. Viele Menschen haben während der Pandemie ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren. Gleichzeitig steigen die Preise für Grundnahrungsmittel.

Klimawandel und Pandemie bedrohen Menschen in vielen Ländern

Die Hilfsorganisation Care schätzt, dass auch im Kongo bald weitere sechs Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein könnten, im Jemen weitere drei Millionen. Auch Äthiopien, Somalia, Kenia und Sudan sind im Würgegriff von Klimawandel und Pandemie. In Afghanistan fliehen inzwischen mehr Menschen vor Trockenperioden oder Überflutungen als vor dem Terror der Taliban.

Was in Madagaskar passiert, wenn auch die nächste Regenzeit im Oktober ausbleibt, will sich Julius Emmrich von Ärzte für Madagaskar nicht vorstellen. „Im Augenblick geht es nur darum, die Menschen nicht verhungern zu lassen.“

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