Pandemie

Kommt Corona doch aus dem Forschungslabor in Wuhan?

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Dirk Hautkapp und Fabian Kretschmer
Biden lässt Ursprung des Coronavirus untersuchen

Biden lässt Ursprung des Coronavirus untersuchen

US-Präsident Joe Biden hat die Geheimdienste aufgefordert, schnell einen neuen Bericht über die Erkenntnisse zum Ursprung des Coronavirus vorzulegen. Zuletzt hatte das "Wall Street Journal" über einen möglichen Unfall in einem Viren-Labor in Wuhan berichtet. Demnach seien bereits im November 2019 mehrere Mitarbeiter des Labors erkrankt. Wahrscheinlichstes Szenario ist derzeit aber eine Übertragung von Tieren auf den Menschen.

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Joe Biden beauftragt seine US-Geheimdienste den Ursprung der Pandemie zu klären. Sie haben 90 Tage Zeit für eine eindeutige Analyse.

Washington/Peking. Es ist seit 17 Monaten die Gretchenfrage: Wie kam das Coronavirus in die Welt? Die in den USA zu Zeiten von Präsident Donald Trump befeuerte und von Peking regelmäßig dementierte Annahme, der Erreger könnte durch einen Unfall aus einem Forschungslabor im chinesischen Wuhan entwichen sein, spielte zuletzt eine untergeordnete Rolle.

Ein Grund: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte die Theorie nach einer Vor-Ort-Visite „extrem unwahrscheinlich“ genannt und die bis dahin herrschende Mehrheitsmeinung untermauert: Das Virus soll über einen tierischen Zwischenwirt (Fledermaus etc.) auf den Menschen übergesprungen sein. In dieser Woche hat sich die Debatte radikal gedreht.

Untersuchungen zum Pandemie-Ursprung: China spricht von „Hetzkampagne“

US-Präsident Joe Biden hat seine Geheimdienste unter Druck gesetzt, binnen 90 Tagen in einem neuen Bericht der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Biden erklärte öffentlich, dass das Gros der 17 US-Geheimdienste bisher der Auffassung sei, dass es nicht „genügend Informationen gibt, um zu beurteilen, ob es von einem menschlichen Kontakt mit einem infizierten Tier oder von einem Laborunfall herstammt“. Damit stehen die komplett konträren Arbeitsthesen gleichberechtigt im Raum.

Peking empört über neue US-Untersuchung zum Coronavirus
Peking empört über neue US-Untersuchung zum Coronavirus

Weil Biden Peking für die Wissenslücken verantwortlich macht und dort „mehr Transparenz“ einfordert, reagierte die chinesische Regierung scharf. Sie lehnte nachträgliche Untersuchungen rigoros ab, sprach von einer „Hetzkampagne“ und dem Versuch der USA, von eigenen Fehlern in der Corona-Krise (33 Millionen Infizierte, knapp 600.0000 Tote) abzulenken. In chinesischen Medien wurde die Spekulation aufgewärmt, das Coronavirus sei in Laboren für Biowaffen des US-Militärs gezüchtet worden.

Labormitarbeiter erkrankten angeblich schon im November 2019

Auslöser für den Umschwung war ein Bericht des „Wall Street Journal“ (WSJ), das sich auf seit Januar bekannte Informationen der damaligen Regierung von Donald Trump beruft. Danach seien drei Forscher des Labors in Wuhan bereits im November 2019, also vor dem offiziellen Auftauchen der ersten Corona-Fälle, parallel erkrankt.

Die Darstellung korrespondiert mit Äußerungen Trumps vom Mai 2020. „Ich persönlich denke, sie haben einen schrecklichen Fehler gemacht und sie wollten es nicht eingestehen“, sagte Trump damals über Chinas Verantwortliche. Außenminister Mike Pompeo sekundierte: „Das ist nicht das erste Mal, dass wir als Ergebnis von Fehlern in einem chinesischen Labor Viren ausgesetzt sehen.“ Beweise legte er nicht vor. Lesen Sie hier: New Yorks Staatsanwälte bereiten Prozess gegen Trump vor

Was ins Gewicht fällt, weil die amtierende Regierung den Kern der „WSJ“-Berichterstattung (drei mutmaßlich an Corona erkrankte Forscher) dementiert. Bidens Sprecherin Jen Psaki erklärte, die Informationen stammten nicht von US-Geheimdiensten. Das ändert nichts daran, dass die Laborunfall-Theorie neuen Auftrieb bekommen hat.

Weltgesundheitsorganisation rudert zurück – Forscher kritisieren chinesische Regierung

So hat die WHO die Entsendung einer Expertenkommission nach Wuhan nachträglich als „unzureichend“ bezeichnet. WHO-Chef Tedros Ghebreyesus betonte, den Wissenschaftlern seien wichtige Daten verweigert worden. Außerdem sei der Zugang zum Labor in Wuhan von China stark reglementiert worden. Mit anderen Worten: Die WHO versieht ihren eigenen Befund – wahrscheinlich kein Laborunfall – mit Fragezeichen.

Auch in der Wissenschaft hat sich der Wind gedreht. Vor einem Jahr war klar in der Minderheit, wer einen Laborunfall als Ursache für die Pandemie für möglich hielt. Mitte Mai forderten 18 weltweit führende Corona-Forscher im renommierten „Science“-Magazin eine tiefergehende Untersuchung genau zu diesem Punkt. Ihr Tenor: China mauert und scheut eine „von unabhängiger Seite beaufsichtigte“ Untersuchung.

Bemerkenswert: Zu den Kritikern zählt auch der bekannte Biologe Ralph Baric. Er hat mit dem Forschungslabor in Wuhan und dessen umstrittener Leiterin Shi Zhengli zusammengearbeitet. Dabei standen Experimente im Vordergrund, bei denen Coronaviren gentechnisch verändert werden, um ihre Wirkung auf menschliche Zellen zu beobachten. Auch interessant: RKI: Wo die indische Corona-Mutation verbreitet ist

US-Präsident Biden erwartet kein eindeutiges Ergebnis

Auch der wirkungsmächtigste Corona-Experte in den USA, Präsidentenberater Anthony Fauci, hat seine Haltung gegenüber China neu akzentuiert. Anfangs im Lager derer, die einen Laborunfall für Humbug hielten, sagt Fauci heute: „Man muss weiter untersuchen, was in China passiert ist.“ Was pikant ist, weil das von ihm geleitete Nationale In­stitut zur Seuchenbekämpfung (NIAID) das Labor in Wuhan mittelbar mit sechsstelligen Summen unterstützt hat.

Dass die US-Geheimdienste in drei Monaten ein über alle Zweifel erhabenes Urteil über den Ursprung des Virus fällen können, erwartet Präsident Biden nicht. Er sprach nur von Erkenntnissen, „die uns einer endgültigen Schlussfolgerung näherbringen könnten“. Solange China sich einer alle Informationen bereitstellenden Untersuchung verweigert, stehen die Chancen dafür schlecht.

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