Corona-Pandemie

Ethikratsvorsitzende: Junge Generation „doppelt im Nachteil“

| Lesedauer: 8 Minuten
Alessandro Peduto und Diana Zinkler
Alena Buyx, 43, ist Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, sagt, wir müssen in der Corona-Pandemie ein Restrisiko akzeptieren.

Alena Buyx, 43, ist Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, sagt, wir müssen in der Corona-Pandemie ein Restrisiko akzeptieren.

Foto: Bernd von Jutrczenka / picture alliance/dpa

Alena Buyx warnt vor Spannungen zwischen den Älteren und ungeimpften Jüngeren. Sie appelliert an die Politik, die Lage ernstzunehmen.

Berlin. Die 7-Tage-Inzidenz fällt, das Ende der dritten Welle der Corona-Pandemie scheint in Deutschland näher gerückt. Alles bald wieder so wie vor dem Lockdown? Wenn Geimpfte wieder mehr dürfen, was ist dann mit den anderen, vor allem der jüngeren Generation?

Alena Buyx, 43 und Professorin für Medizinethik sowie Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, ist auf komplexe Fragestellungen spezialisiert. Sie gibt Antworten auf die großen Fragen des Lebens und soll damit Gesellschaft und Politik Orientierung geben. Das Interview mit Alena Buyx, 43, findet per Videokonferenz statt.

Sehen Sie die Voraussetzungen erfüllt, um Geimpften fortan ihre Grundrechte zurückzugeben?

Alena Buyx: Wir haben vom Ethikrat gesagt, je sicherer es ist, dass Geimpfte das Virus nicht mehr weitertragen, desto eher müssen die starken Grundrechtsbeschränkungen zurückgenommen werden, also etwa die Quarantäne. Laut Robert-Koch-Institut ist dieses Risiko ja geringer als bei frisch Getesteten. Das Restrisiko müssen wir dabei akzeptieren. Aber Maskenpflicht und Abstandsregeln sind keine starken Grundrechtsbeschränkungen und sind auch für Geimpfte noch weiter zumutbar, so lange wir sie noch brauchen. Länder wie Israel, die schon fast durchgeimpft sind, haben gerade erst die Maskenpflicht für draußen aufgehoben, das hatten wir in Deutschland nie, nur in einigen Zonen.

Ist es nicht an der Zeit, etwas zu wagen, wenn sich abzeichnet, dass Geimpfte das Virus zumeist nicht übertragen?

Es sind ja nun die Grundrechtseinschränkungen bei Geimpften weitgehend zurückgenommen worden, auch was Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen betrifft. Eine Gleichstellung von Geimpften, Getesteten und Genesenen ist ethisch ohnehin unproblematisch.

Zerfällt Deutschland dann bald in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Auf der einen Seite die Geimpften und Genesenen mit Freiheitsrechten, auf der anderen Seite die Ungeimpften, für die weiterhin die Corona-Auflagen gelten?

Die Ausnahmen bei Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum sehe ich tatsächlich skeptisch. In der Debatte wird häufig vom Impfneid gesprochen. Das ist verkürzend oder sogar ungnädig. Ich sehe wenig Neid. Und es ist ein berechtigtes Anliegen, dass gerade die jüngere Generation, die sich für die Alten und Schwachen hintenangestellt hat, auf einen doppelten Nachteil hinweist: Kinder, Jugendliche, Auszubildende und Studentinnen sind nicht geschützt und dürfen weniger. Geimpfte dagegen haben den doppelten Vorteil: Sie sind geschützt und dürfen mehr. Wir haben also ein echtes Solidaritäts- und Gerechtigkeitsproblem in unserer Gesellschaft und wir erleben eine soziale Spannung. Man muss aufpassen, dass die Spannung nicht zur Spaltung wird. Praktisch wird das auch schwierig: In Familien werden die Eltern künftig schon geimpft sein, die Kinder noch nicht. Im Urlaub müssen Kinder in Quarantäne, Eltern nicht. Es wird also unterschiedliche Freiheiten geben

Rechnen Sie mit Konflikten?

Nein, starke Konflikte erwarte ich nicht. Das Impftempo hat sich stark beschleunigt und die Inzidenzen sinken. Das sollte zu einer gesellschaftlichen Entspannung beitragen. Aber es dauert eben noch eine Weile, bis alle sich impfen lassen können und das erfordert Geduld. Ich wünsche mir da politische Gestaltung und auch gesellschaftliche Rücksicht der Geimpften denen gegenüber, die noch warten müssen.

Sie gehen also von einem Generationenkonflikt aus?

Zumindest wird die ungleiche Belastung der jüngeren Generation zunehmend deutlicher. Die ökonomische und mentale Belastung steigt, die psychischen Folgen sind erheblich. Es gibt Bildungsverluste und Lernrückstände, und viel Leben ist verpasst worden.

Was kann die Politik tun?

Ich erwarte von der Politik, dass sie diese temporär ungerechte Situation ernst nimmt, anspricht und gestaltet. Wenn wir jetzt noch eine Weile Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen brauchen und die Inzidenzen schlecht bleiben, erwarte ich Angebote für diejenigen, die ungeimpft weniger Freiheiten haben. Man könnte die freiwerdenden Testkapazitäten Familien und jungen Menschen anbieten. Tempo beim Impfen und gezielt die Jungen impfen. Es braucht auf jeden Fall große und kreative Förderprogramme für die junge Generation, um die verschiedenen Belastungen und Rückstände zu kompensieren. Und mehr sichtbare Wertschätzung den Jüngeren gegenüber wäre schön.

Wenn ab Juni die Impfpriorisierung aufgehoben wird, sollten dann Jugendliche und junge Menschen stärker berücksichtigt werden?

Ich würde nicht noch einmal eine neue Priorisierung aufbauen. Aber es sollte versucht werden, diese Gruppen bevorzugt zu erreichen. Wir brauchen Angebote vor Ort, in Berufsschulen, Universitäten, auch sollten die Betriebsärzte und Hausärzte rasch die Berufsanfänger impfen.

CSU-Chef Markus Söder hatte Familienimpfungen vorgeschlagen, weil Kinder derzeit stark von Infektionen betroffen sind und damit auch die Eltern. Was sagen Sie dazu?

Familien rasch zu impfen finde ich sehr richtig. Für Kinder sind aber noch keine Impfstoffe zugelassen, das kommt wohl erst im Sommer.

Für eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus müssen etwa 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein. Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten, entziehen sich diesem Ziel. Sollte es nicht vor dem Hintergrund der Risiken eine Impfpflicht geben?

Die Impfbereitschaft steigt kontinuierlich an und ist in Deutschland ohnehin insgesamt gut. Es gibt zwar laute Impfgegner, aber das ist nur eine kleine Gruppe. Dann gibt es diejenigen, die zögerlich sind, die mehr wissen wollen. Das ist verständlich und darauf sollte reagiert werden. Und wenn man Kinder auch impfen kann, ist das ja nicht nur Schutz für die Kinder selbst, sondern trägt gleichzeitig zum Gemeinschaftsschutz bei. Ich bin sicher, das werden viele Eltern gern annehmen. Über eine Impfpflicht müssen wir daher glaube ich nicht reden.

Ist es moralisch verwerflich, sich nicht impfen zu lassen?

Der Ethikrat betont, dass es eine moralische Pflicht ist, sich impfen zu lassen. Aber eine rechtliche Pflicht schließen wir aus.

Es wird immer deutlicher: Infektionen hängen auch vom Bildungsgrad sowie von der sozialen und finanziellen Situation ab. Sind also auch die Hürden, überhaupt an eine Impfung ranzukommen für Menschen aus sozial-benachteiligten Milieus zu hoch?

Das ist ein Problem, was leider mit vielen Faktoren zu tun hat: Mit Sprache, Bildung, Vertrauen, mit kulturellen Unterschieden, aber auch mit Niedrigschwelligkeit. Daher sollte man die sozio-demografischen Unterschiede beim Impfen unbedingt berücksichtigen. Für jemanden, der schlechte Erfahrungen mit staatlichen Einrichtungen gemacht hat oder schlecht Deutsch spricht, sind die Hürden höher. Aber auch die Dichte der Hausärzte ist sehr unterschiedlich, der Zugang zu Betriebsärzten ebenso. Daher sind mehr aufsuchende Impfungen sinnvoll, mobile Dienste, aber auch Impfungen in Gemeindezentren könnten helfen. Denn Verhalten ist ansteckend. Wenn sich der Nachbar oder Freund impfen lässt, machen andere eher mit. Das gilt übrigens nicht nur für sogenannte Brennpunktviertel. Den sozialen Mitmacheffekt können Sie auch bei Impf-Skeptikern in wohlhabenden Stadtteilen beobachten.

Nach dem Latte Macchiato auf dem Wochenmarkt oder nach dem Freitagsgebet also zum Impfen?

Genau dort sollten wir Impfmobile aufstellen. Letztendlich brauchen wir mehr Kreativität bei der Bekämpfung der Pandemie.

Zur Person Alena Buyx:

Alena Buyx ist am 29. September 1977 in Osnabrück geboren. Nach dem Abitur studierte sie Medizin, Philosophie, Soziologie und Gesundheitsökonomie in Münster, York und London. Dabei wurde sie von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert. Sie schloss 2004 mit dem Staatsexamen ab, promovierte 2005 zum Doktor der Medizin, erwarb die Vollapprobation und zugleich den Abschluss in Philosophie und Soziologie (M.A. phil.). Ein Studienaufenthalt führte sie 2008-2009 nach Harvard. Ihre Habilitation erfolgte 2013 an der Universität Münster, womit sie die Lehrbefugnis in Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin erhielt. Nach einer Professur in Kiel, wechselte sie 2018 an die Technische Universität München. Seit 2016 gehört sie dem Deutschen Ethikrat an, seit 2020 ist sie dessen Vorsitzende. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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