Pandemie

Warum sinken die Corona-Zahlen seit Tagen so schnell?

Lesedauer: 6 Minuten
Michael Backfisch und Tobias Esser
Schleswig-Holstein macht ab 17. Mai wieder auf

Schleswig-Holstein macht ab 17. Mai wieder auf

Das Land Schleswig-Holstein will bei stabiler Infektionslage ab übernächster Woche flächendeckend wieder touristische Aufenthalte und Restaurantbesuche erlauben. 1NJ7U6

Beschreibung anzeigen

Die Corona-Neuinfektionen sinken seit Ende April. Sind wir damit schon über dem Berg? Das sind die Gründe für den Infektions-Rückgang.

Berlin. Es ist ein Hoffnungsschimmer am Horizont: Die Kurve der Neuinfektionen sinkt seit über einer Woche deutlich. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten am Donnerstag laut Robert Koch-Institut (RKI) 21.897 neue Infektionen und 250 neue Todesfälle binnen eines Tages. Vor einer Woche waren es 26.158 Neuansteckungen und 277 Todesfälle gewesen.

Bundesweit haben sich im Schnitt 138 Menschen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche neu infiziert. Am Tag zuvor lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 143,1, vor einer Woche bei 169,3. Die dritte Welle scheint gebrochen, der steile Anstieg der Zahlen erst einmal gebremst. Ist es noch eine Momentaufnahme, oder sind wir bereits über den Berg?

Corona: Mitte März warnten viele Experten vor Horrorszenarien

Zumindest gibt es Anlass zu Optimismus. Mitte März zeichnete das RKI noch eine dramatische Kurve. Angesichts der ab Anfang des Monats verkündeten Lockerungen und der aggressiven britischen Virusmutante warnte das Institut für Mitte April vor einer Sieben-Tage-Inzidenz von weit über 300. Andere Expertinnen und Experten hielten gar tägliche Neuinfektionszahlen von mehr als 40.000 für möglich.

Was steckt hinter den sinkenden Zahlen? Ein erster Grund für das Abflachen der Kurve waren die Osterferien. In jener Zeit wurde weniger getestet und später gemeldet. Zudem kam es durch Schulferien und arbeitsfreie Tage auch zu weniger Kontakten. Doch auch nach den Osterferien schossen die Infektionszahlen nicht nach oben.

Sinkende Corona-Zahlen: Wirkt die Notbremse?

Ein Grund könnte die bundesweite Notbremse, sein, die langsam ihre Wirkung zeigt. Sie sieht seit dem 24. April oberhalb einer Landkreis-Inzidenz von 100 eine nächtliche Ausgangssperre und die Rücknahme vieler Lockerungen vor.

Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) ist zumindest der Meinung, dass die Notbremse wirkt. Am Mittwoch verteidigte Braun die Notbremse im Bundestag: "Seitdem wir die Notbremse in Kraft gesetzt haben, sehen wir jetzt eine deutliche Umkehr. Das gibt auch die Hoffnung, dass das Gesundheitswesen seine Überlastung reduziert."

Lauterbach: Ausgangssperren zeigen Wirkung

In der Diskussion um die Notbremse ging es auch um die nächtlichen Ausgangssperren. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich am Mittwochabend im ZDF "heute-journal update" für die Maßnahme aus: "Die Sachlage ist wissenschaftlich umstritten, aber die wissenschaftlich höherwertigen Studien zeigen die Wirkung", erklärte Lauterbach. Die Wirkung der Ausgangssperre zeige sich in Städten wie Hamburg oder Köln, in denen die Sieben-Tage-Inzidenz deutlich zurückgegangen sei.

Auch Gernot Marx, der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), zieht eine positive Zwischenbilanz zur Notbremse: "Wir sind zuversichtlich, dass die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen sinken wird", sagte Marx am Montag der "Rheinischen Post". So habe die Notbremse "aus unserer Sicht also viele tausend Menschenleben retten können."

Kampf gegen Corona: Der Faktor Mensch

Nicht nur direkt, sondern auch indirekt scheint die Notbremse eine positive Wirkung zu haben. Vor ihrer Einführung hatten die Medien über die anschwellenden Infektionszahlen und die sich verschärfende Lage auf den Intensivstationen berichtet. "Die Leute haben wieder mehr Angst“, sagt der Physiker Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität. "Das führt zu bewussterem Handeln."

Auch Hans-Georg Kräusslich, ärztlicher Direktor und Leiter der Virologie am Uniklinikum Heidelberg hält das Verhalten der Menschen für einen wichtigen Baustein in der Anti-Corona-Strategie. Viele hätten sich einfach vorsichtiger verhalten, als die Zahlen noch in die Höhe schossen,sagt Kräusslich gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". "Die persönliche Reaktion der Menschen ist nicht zu unterschätzen." Lesen Sie mehr: Wie Armut in Brennpunkten die Pandemie beflügelt

30,6 Prozent der Bundesbürger bekamen mindestens die erste Impfung

Das wird durch die Ergebnisse von Corona-Umfragen bestätigt, die die Universität Erfurt durchführt: Sie zeigen, dass das gefühlte Risiko in den letzten Wochen deutlich gestiegen sei und wieder fast das Niveau vom Januar erreicht habe. Die Menschen wurden vorsichtiger und hielten Maskenpflicht und Hygieneregeln verstärkt ein.

Doch vor allem das zunehmende Impftempo sorgt für Zuversicht. In den vergangenen sieben Tagen bekamen durchschnittlich fast 670.000 Menschen täglich eine Impfdosis. Bis Donnerstag, 6. Mai, erhielten in Arztpraxen und regionalen Impfzentren 30,6 Prozent der Bundesbürger mindestens die erste Impfung. Über den vollständigen Impfschutz mit einer zweiten Spritze verfügen nunmehr 8,6 Prozent der Bevölkerung.

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist die Impfkampagne das Licht am Ende des Tunnels. Jeden Tag nehme sie mehr an Fahrt auf. "Spätestens ab Juni, das ist in wenigen Wochen, werden alle die Möglichkeit haben, sich um einen Impftermin zu kümmern", sagte die Kanzlerin in ihrer wöchentlichen Videobotschaft am Samstag.

Lesen Sie auch: So wirksam ist der Biontech-Impfstoff bei Kindern

Corona-Impfung: Bereits die erste Dosis minimiert Ansteckungsrisiko

Die Hoffnung der Kanzlerin wird von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen genährt. Mehrere Studien zeigen, dass Biontech/Pfizer und Astrazeneca bereits nach der ersten Dosis die Gefahr der Ansteckung deutlich senken. Bisher stand nur fest, dass alle Vakzine schwere Covid-19-Verläufe verhindern. Doch in welchem Maße sie auch gegen Infektionen und die Weitergabe des Virus schützen, war zunächst unklar.

Eine in England veröffentlichte Analyse legt nun dar: Das Risiko, sich selbst zu infizieren, war bereits zwei Wochen nach der Erstimpfung um 65 Prozent verringert. Da bei den Ansteckungen von Geimpften kaum Symptome und zudem eine geringere Viruslast auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese andere infizieren, noch weitaus geringer.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Politik