Kanzlerkandidatur

Annalena Baerbock: Warum Regierungserfahrung nicht alles ist

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Gudrun Büscher
Annalena Baerbock: "Kämpferisch, fokussiert, willensstark"

Annalena Baerbock: "Kämpferisch, fokussiert, willensstark"

In ihrer Partei gilt sie als kämpferisch, fokussiert und willensstark und zudem als sachkundig besonders in Klima- und Europafragen: Annalena Baerbock ist zur Kanzlerkandidatin der Grünen ausgerufen worden.

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Baerbocks Kandidatur hat eine Debatte ausgelöst. Fehlt ihr die Regierungserfahrung? Nicht unbedingt, wie ein Blick ins Ausland zeigt.

Berlin. Junge Mutter ohne Regierungserfahrung – so wird Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen, nicht selten beschrieben, wenn es um ihre Ambitionen bei der Bundestagswahl am 26. September geht. Klingt da nicht eine gewisse Überheblichkeit mit? Kann man ihr das Land anvertrauen? Schafft sie das?

Das sind Fragen, mit denen sich der kanadische Premierminister Justin Trudeau vermutlich nicht herumschlagen musste. Er war sieben Jahre Mitglied im kanadischen Parlament und erst seit Kurzem Vorsitzender der Liberalen Partei, als er mit 43 Jahren die Wahl 2015 gewann. Er war nie Minister oder Bürgermeister und hatte drei kleine Kinder, als er ins Amt kam. Regierungserfahrung hatte nur sein Vater: Pierre Trudeau war viele Jahre Premier in Kanada. Aber Erfahrung erbt man nicht. Lesen Sie auch: Daniel Holefleisch: Das ist der Mann von Annalena Baerbock

Annalena Baerbock hat keine Regierungserfahrung – wie viele andere

Das weiß auch Kaja Kallas aus Estland. Sie ist seit Ende Januar Ministerpräsidentin des baltischen Landes und die Tochter von Siim Kallas, Ministerpräsident und später Vizepräsident der EU-Kommission. Sie gehört zu der neuen Generation von Frauen, die ein Selbstverständnis leben, von dem ihre Mütter noch träumten: gleichberechtigt, selbstbewusst, stark und teamfähig. Auffällig oft im Norden Europas führen sie die Regierung.

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Kaja Kallas ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Sie war nie Ministerin. 2019 holte sie als erste Frau an der Spitze der rechtsliberalen Reformpartei die meisten Stimmen bei den Parlamentswahlen. Sie weigerte sich aber gegen den Rat ihres Vaters, mit den Rechtspopulisten zusammenzuarbeiten.

Das Wichtigste sei doch, an der Macht zu bleiben, meinte der Vater. Kaja Kallas sah das anders. Sie lasse sich von ihrem Vater gern beraten, treffe die Entscheidungen aber selbst: „Zu glauben, dass hinter dem Erfolg einer Frau ein Mann steht, sei es ihr Vater, Bruder oder Ehegatte, ist ungerecht und beleidigend.“ Kallas ist Juristin und geht joggen, bevor die Sonne aufgeht.

Koalition aus fünf Parteien – alle werden von Frauen geführt

87 Kilometer weiter nördlich regiert in Finnland Sanna Marin. Sie machte 2019 Schlagzeilen. Damals war sie 34 Jahre alt und bildete als jüngste Regierungschefin der Welt eine Koalition aus fünf Parteien. Sie werden alle von Frauen geführt, vier von ihnen sind jünger als 40 Jahre. Die Fotos der Politikerinnen erinnern viele eher an ein Klassentreffen als an eine Regierung, aber das erweckt einen falschen Eindruck: Die Sozialdemokratin Sanna Marin hat sich behauptet und die Koalition in schwierigen Corona-Zeiten zusammengehalten.

Finnland ist vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt sank 2020 nur um 2,9 Prozent, kein Vergleich zum größten Teil Europas. Für 2021 wird wieder ein Wachstum erwartet. Nach hartem Lockdown lockert das Land gerade vorsichtig. Auch die 35-Jährige hatte zu Amtsantritt kaum Regierungserfahrung, nur wenige Monate war sie zuvor Verkehrsministerin. Viele Jahre war sie stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, deren Führung sie 2020 übernommen hat.

Finnlands Regierungschefin wurde von zwei Müttern erzogen

Sanna Marin ist in einer „Regenbogenfamilie“ groß geworden, „bevor es diesen Ausdruck überhaupt gab“, erzählt sie gern. Ihr Vater verließ die Familie früh, die Mutter zog Sanna zunächst allein auf, später zusammen mit ihrer Lebensgefährtin. Da hatte sie dann zwei Mütter.

Das sei für sie als Kind nicht immer einfach gewesen, sagt sie in Interviews offen. Als Regierungschefin ist ihr die Gleichstellung von Homosexuellen heute ein großes Anliegen. Seit 2020 ist sie mit dem Fußballer Markus Räikkönen verheiratet, die beiden haben eine kleine Tochter. Ihr Privatleben verbirgt sie nicht. Auch an ihrer Schwangerschaft hat sie die Finnen über die sozialen Medien teilhaben lassen. So bestimme sie über die Bilder, sagt Sanna Marin.

Die neuen starken Frauen in Europa

Zu den neuen starken Frauen in Europa zählen auch Mette Frederiksen und Katrin Jakobsdottir. Mette Frederiksen regiert Dänemark seit Juni 2019. Die Sozialdemokratin, 43 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, wurde vor sechs Jahren Parteichefin. Sie sammelte Erfahrung als Arbeits- und Justizministerin, bevor sie Regierungschefin wurde und Donald Trump die Stirn zeigte. Vergeblich versuchte der damalige US-Präsident, ihr Grönland abzukaufen.

Ihrer isländischen Amtskollegin Katrin Jakobsdottir liegt der Umweltschutz am Herzen: Der Klimawandel betrifft den hohen Norden besonders stark. Auch sie ist verheiratet und Mutter von drei Söhnen. Die Vorsitzende der Links-Grünen-Bewegung ist 45 Jahre alt – und war Bildungsministerin.

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Neuseelands Regierungschefin nahm eine Babypause

Am anderen Ende der Welt tat sich Jacinda Ardern als Anti-Trump hervor. Die neuseeländischen Wählerinnen und Wähler honorieren den Politikstil der empathischen und prinzipientreuen jungen Mutter. Sie wählten ihre Premierministerin mit absoluter Mehrheit wieder. Die heute 40 Jahre alte Politikerin war nach der Pakistanerin Benazir Bhutto die zweite Regierungschefin auf der Welt, die während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt brachte, und die erste, die dafür eine sechswöchige Auszeit nahm.

Auf das Attentat auf zwei Moscheen in Christchurch im März 2019 mit mehr als 50 Toten reagierte sie auf ihre Weise und zeigte Mitgefühl. Den Namen des rechtsextremen Attentäters sprach sie in der Öffentlichkeit kein einziges Mal aus. Die Corona-Pandemie nahm sie von Anfang an sehr ernst und schottete die Inseln lange Zeit ab.

Neuseeland schaffte es zweimal, die Zahl der Neuinfektionen auf null zu senken. Schon mit 17 Jahren wurde die Tochter eines mormonischen Polizisten Labour-Mitglied. Zunächst arbeitete sie für die frühere neuseeländische Premierministerin Helen Clark, dann für den früheren britischen Premier Tony Blair. Erfahrung als Ministerin hatte sie aber nicht, als sie 2017 Regierungschefin wurde.

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