Post aus Washington

USA: Entschädigung für die Nachfahren der Sklaven?

| Lesedauer: 4 Minuten
Dirk Hautkapp
Biden will Rassengleichheit in den USA vorantreiben

Biden will Rassengleichheit in den USA vorantreiben

Den Kampf gegen Rassismus und die Diskriminierung von Minderheiten hat US-Präsident Joe Biden zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit erklärt. Dazu unterzeichnete Biden eine Reihe von Dekreten, die unter anderem eine Reform des Justizsystems vorsehen.

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In den USA bekommt ein altes Thema plötzlich neue Dynamik – erstmals rücken Entschädigungszahlungen an Afroamerikaner in Reichweite.

Washington. Kennen Sie John Conyers? Das Hauptwerk der politischen Karriere des schwarzen Demokraten, der über ein halbes Jahrhundert für Detroit im Kongress in Washington saß, erfährt posthum neuen Auftrieb. Conyers’ Gesetzentwurf stand lang für die parlamentarische Aussichtslosigkeit, wenigstens die Grundlagen für die Beantwortung einer Frage zu legen, die über 400 Jahre nach Anlanden der ersten Sklaven an der Küste von Virginia die Vereinigten Staaten immer stärker umtreibt: Stehen den Nachfahren Reparationen zu?

Conyers hatte zwischen 1989 und seinem Ausscheiden 2017 Jahr für Jahr besagtes Papier ohne Erfolg in die Gesetzgebungsmaschine eingespeist. Dabei wollte er nur eine Kommission einrichten. Sie sollte nachdenken, ob und wie der Staat Amerikas Schwarze für die gewaltsame Unterdrückung aus vorherigen Jahrhunderten entschädigen könnte.

Reparationen: Jahr für Jahr scheiterte John Conyers Gesetzentwurf

Seine „Commission to Study Reparation Proposals for African Americans Act“ blieb regelmäßig chancenlos. Neben breiter Ablehnung der Republikaner hatte Conyers auch mit Zweiflern in den eigenen Reihen zu kämpfen.

Selbst 2014, als der preisgekrönte schwarze Schriftsteller Ta-Nehisi Coates in einem wuchtigen Essay den Nachweis führte, dass der amerikanische Wohlstand auf die systematische Enteignung, Beraubung und Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung zurückgeht, blieb Conyers’ Anliegen die nötige Mehrheit versagt.

Selbst Barack Obama war ein Gegner von Reparationszahlungen

Auch Barack Obama, der erste schwarze Präsident der USA, stand auf der Seite der Gegner, die milliardenschwere Geldzahlungen aus der Steuerkasse ablehnten. Die besten Reparationen, sagte er, seien bessere Schulen. Und Jobs. Eineinhalb Jahre nach Conyers’ Tod – der dienstälteste Kongress-Abgeordnete der USA wurde 90 Jahre alt – hat sich der Wind gedreht.

Der Justiz-Ausschuss des Repräsentantenhauses hat mit demokratischer Mehrheit die erste Hürde für die Schaffung einer Experten-Kommission aus dem Weg geräumt. Eine kleine Sensation. Alle Republikaner waren dagegen. Im nächsten Schritt muss die zweite Kammer des Parlaments abstimmen.

US-Präsident Joe Biden unterstützt die Idee einer Kommission

Präsident Joe Biden unterstützt das Anliegen im Grundsatz. Nach den jüngsten Fällen tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze ist das Momentum für das Thema größer geworden. Aber ob alle Demokraten mitziehen, erscheint fraglich. Vom Senat, wo ein 50:50-Patt zwischen den Parteien besteht und 60 Stimmen nötig wären, ganz zu schweigen.

USA: Diese Fälle stehen für Polizeigewalt gegen Schwarze
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Die Reserviertheit spiegelt sich in der Bevölkerung. Sechs von zehn Amerikanern lehnen Direktzahlungen an die Nachkommen der Sklaven laut Umfragen ab, darunter vier von zehn demokratischen Wählern.

Sollen Bürger heute für die Sünden ihrer Vorfahren zahlen?

Steuerbürger von heute für die Sünden ihrer Vorfahren aufkommen zu lassen sei unfair, lautet das Argument. Republikaner ergänzen, dass der Bürgerkrieg 1865 das Ende der Sklaverei besiegelt habe und die Gleichstellung von Afroamerikanern durch die Wahl- und Bürgerrechtsgesetze in den 1960er-Jahren zementiert worden sei. Lesen Sie dazu: Trump nennt Aufklärung über Rassismus „Kindesmissbrauch“

Shelton Tucker, Nachfahr eines Sklaven, der im 16. Jahrhundert in Virginia verkauft wurde, hält das für zu kurz gesprungen. Schwarze Familien, sagte der Pensionist und frühere Finanzanalyst dieser Zeitung, verfügten heute über ein Zehntel des Vermögens einer weißen. Afroamerikaner bekommen 70 Prozent des Stundenlohns eines Weißen. Nur 40 Prozent der Schwarzen haben Immobilien, während 70 Prozent der Weißen in den eigenen vier Wänden leben.

Schriftsteller Ta-Nehisi Coates fordert ein Ende des Mythos’ der Unschuld

Ziehe man noch den überproportional hohen Anteil von Schwarzen in Gefängnissen in Betracht, könne die strukturelle Benachteiligung nicht mehr geleugnet werden. Tucker hält es mit Ta-Nehisi Coates. Der hatte vor sieben Jahren geschrieben, dass die Zahlung von Reparationen „Amerikas Reifeprozess vom kindlichen Mythos der Unschuld zu jener Weisheit bedeuten würde, die seiner Gründungsväter würdig ist.“

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