Wirtschaft

Ende der Corona-Krise: Jetzt legt China den Turbo ein

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Michael Backfisch
Olympia-Chefin Hashimoto: "Beschäftigen uns nicht mit Absage"

Olympia-Chefin Hashimoto: "Beschäftigen uns nicht mit Absage"

Noch immer gibt es wegen der Corona-Pandemie Spekulationen über eine mögliche Absage der Olympischen Spiele in Tokio. Anders sieht es für OK-Chefin Seiko Hashimoto aus. Mit einem solchen Szenario würden sich die Verantwortlichen derzeit nicht beschäftigen.

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Im ersten Quartal legt Chinas Wirtschaft zu wie seit 30 Jahren nicht – Früchte des rigorosen Lockdowns. Auch Deutschland profitiert.

Berlin. Es sind Zahlen, von denen andere nur träumen können. Im ersten Quartal wuchs die chinesische Wirtschaft um 18,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das teilte das Pekinger Statistikamt am Freitag mit. Es ist der größte Sprung seit Beginn der quartalsweisen Auswertung vot gut 30 Jahren. Lesen Sie auch: Börsengang von Coinbase: Bitcoin & Co. werden salonfähig

Besonders ein starker Außenhandel half Chinas Wirtschaft zuletzt auf die Sprünge. Chinas Fabriken liefen auf Hochtouren, um medizinische Güter wie Coronatests und Schutzmasken in alle Welt zu exportieren. Auch neue Laptops und andere Ausstattung für das Homeoffice kommen oft aus China. Die Industrieproduktion zog im ersten Quartal um 24,5 Prozent an.

China hat mehrmonatigen Lockdown hinter sich

Im ersten Quartal 2020 war Chinas Wirtschaft um 6,8 Prozent eingebrochen. Die schnelle Ausbreitung des Virus, die möglicherweise im Dezember 2019 auf einem Fischmarkt im zentralchinesischen Wuhan ihren Ausgang nahm, erwies sich als Wachstumskiller wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Doch die politische Führung in Peking griff brachial durch. Mit einem mehrere Monate andauernden knallharten Lockdown wurden Gesellschaft und Wirtschaft des Landes in ein künstliches Koma versetzt. Die Grenzen wurden abgeriegelt. Die Fabriken standen still. Menschen, die sich eine Corona-Infektion eingefangen hatten, wurden zwangskaserniert. Sie mussten in ihren Wohnungen bleiben. Nachbarschaftskomitees stellten Lebensmittel vor die Tür oder warfen sie über eine Mauer vor dem Haus. Auch interessant: EVP-Chef Weber droht Putin mit schärferen Sanktionen

Gemeinschaft wichtiger als Individuum

Öffentliche Debatten über die drakonischen Maßnahmen des Staates? Verfassungsbedenken gegen die Einschränkung der Grundrechte? Querdenker-Demo auf dem Platz des Himmlischen Friedens? Ein Chinese würde derartige Fragen nur mit ungläubiger Skepsis quittieren. Im Reich der Mitte ist das Wohl der Gemeinschaft wichtiger als das Wohl des Einzelnen. Die Ethik betont das Kollektiv, nicht das Individuum.

Das Ergebnis dieses Kurses: Im vergangenen Sommer war das Virus weitestgehend von der Bildfläche verschwunden. In Schanghai wurden feuchtfröhliche Bierfeste gefeiert. Die Menschen saßen dicht an dicht, ohne Maske. Viele riefen: „Gānbēi! – Prost!“ Wenn es kurzzeitig im Land zu einem sehr begrenzten Ausbruch mit 100 bis 200 Infektionen kam, wurden Millionen-Metropolen sofort abgeriegelt.

Der Lohn der eisernen Disziplin: Die Produktion läuft im ganzen Land wieder auf Hochtouren. Der Internationale Währungsfonds IWF schätzt, dass die Wirtschaft im Gesamtjahr um 8,1 Prozent zulegen könnte. Die chinesische Regierung ist vorsichtiger und legte ihr offizielles Wachstumsziel auf dem gerade in Peking zu Ende gegangenen Volkskongress auf einen Wert von „über sechs Prozent“ fest.

Für Deutschland immer noch Traumzahlen. Führende Institute reduzierten wegen der Coronakrise ihre Wachstumserwartungen für 2021 von 4,7 auf 3,7 Prozent. Lesen Sie hier: Mallorca: Brasilianische Corona-Mutation P.1 erreicht Insel

China ist seit Jahren der wichtigste Handelspartner für Deutschland

Einer der wenigen Lichtpunkte für die deutsche Konjunktur ist der chinesische Markt. Auto- und Maschinenbauer, Pharma-Unternehmen und metallverarbeitende Firmen exportieren wieder nach Fernost. Seit 2016 ist China der wichtigste Handelspartner für deutsche Betriebe.

Auch die Weltwirtschaft profitiert von Chinas Wachstum – wie bereits nach der Finanzkrise 2008. Die Ölpreise stiegen am Freitag leicht an. Marktbeobachter verwiesen auf die verstärkte Nachfrage durch den China-Effekt. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am Morgen 67,02 US-Dollar. Das waren acht Cent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um neun Cent auf 63,55 Dollar. Auch interessant: USA: Pentagon entwickelt Chip zur Erkennung von Corona

Allerdings gibt es bereits eine gegenläufige Bewegung. China bemüht sich seit Jahren, den heimischen Konsum zu stärken, um so vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannungen mit den USA und Europa unabhängiger vom Außenhandel zu werden. Auch im gerade verabschiedeten neuen Fünfjahresplan spielt dies eine Schlüsselrolle.

Der neue Wirtschaftskurs wird mit dem Schlagwort „zwei Kreisläufe“ beschrieben. Die Strategie von Staats- und Parteichef Xi Jinping soll die „innere Zirkulation“ fördern, also heimische Nachfrage und eigene Innovation. Der „äußere Kreislauf“ – Handel und ausländische Investitionen – sollen diesen Hauptmotor unterstützen.