Corona-Notbremse

Mediziner warnen vor demnächst 7000 Covid-Intensivpatienten

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Michael Backfisch
RKI-Chef Wieler: "Wir müssen jetzt handeln"

RKI-Chef Wieler: "Wir müssen jetzt handeln"

RKI-Präsident Lothar Wieler hat einen dringenden Appell an die Politik gerichtet, schnell zu handeln, um die dritte Corona-Welle zu brechen. Die Lage sei in den Krankenhäusern spitze sich "dramatisch" zu, sagte Wieler vor Journalisten in Berlin.

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Die geplante "Bundes-Notbremse" müsse schnell kommen, mahnen Intensivmediziner. "Wir haben fünf nach zwölf", so ihr dringender Appell.

Berlin. Frauen und Männer in blauen Plastikkitteln drehen einen Covid-19-Patienten in die Bauchlage. Alle tragen Maske und Gesichtsschutzvisier. Es ist eine schwere Arbeit. Am Körper des Kranken hängen Schläuche, die sich nicht verknoten dürfen.

In den Intensivstationen in Deutschland ist in diesen Tagen immer mehr Betrieb. Angesichts der steil ansteigenden Infektionszahlen sind immer mehr Klinikbetten belegt. Intensivmediziner schlagen nun Alarm. Zur Eindämmung der dritten Corona-Welle sei schnelles Handeln gefragt, mahnen sie.

"Intensivmediziner sind den Tod zwar gewohnt – aber so etwas hat es noch nicht gegeben"

Die sich in die Länge ziehenden Debatten über die geplante "Bundes-Notbremse" seien gefährlich. "Wir können es uns nicht leisten, noch wochenlang zu diskutieren", warnte der wissenschaftliche Leiter des Intensivbettenregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Christian Karagiannidis, im "Tagesspiegel".

Der frühere Präsident der Vereinigung, Uwe Janssens, sagte im Fernsehsender Phoenix: "Wir haben fünf nach zwölf, ihr müsst jetzt handeln, es muss jetzt eine Strategie verfolgt werden, die bundesweit einheitlich gilt." Wären die vor Wochen beschlossenen Maßnahmen flächendeckend umgesetzt worden, hätte man die aktuelle Entwicklung mit einem starken Anstieg der Infektionszahlen noch abschwächen können. Karagiannidis betonte, den Tod seien Intensivmediziner zwar gewohnt - "aber so etwas hat es noch nicht gegeben".

Zahl der Covid-Intensivpatienten könnte bald auf 7000 steigen

Das Intensiv-Register verzeichnet täglich die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern. Seit Mitte März macht sich das verstärkte Infektionsgeschehen auch auf den Intensivstationen bemerkbar. Die Vereinigung erwartet, dass der bisherige Höchststand von etwa 6000 Covid-19-Intensivpatienten noch im April wieder erreicht wird.

Wenn das geplante Bundesgesetz erst Ende April beschlossen werde, werde die Patientenzahl auf 7000 steigen, hatte der jetzige Divi-Präsident Gernot Marx bereits prognostiziert. "Wir reden über sehr viele schwere Erkrankungen und über viele Menschen, die das nicht überleben werden", sagte er.

Covid-Notfälle auf Intensivstationen: "System ist am Anschlag!

Laut einer Analyse des Statistischen Bundesamts vom vergangenen März ist die Zahl der Intensivbetten in Deutschland in den vergangenen drei Jahrzehnten um 36 Prozent gestiegen. Lag sie 1991 noch bei 20.200, erhöhte sie sich bis 2018 auf 27.500. Die Intensivbetten werden jedoch nicht nur für Covid-Notfälle, sondern auch für Patienten nach Herz- oder Krebsoperationen gebraucht.

Die Anzahl der Intensivbetten pro 100.000 Einwohner schwankt dabei zwischen den Bundesländern: In Thüringen und Bremen ist sie mit jeweils rund 740 besonders hoch, in Baden-Württemberg mit 500 und Niedersachsen mit 530 dagegen eher niedrig.

Steigende Corona-Fallzahlen: Ärzte forden harten Lockdown

Notwendig sei ein durchgehender, harter Lockdown, um die Infektionszahlen zu verringern. Portugal und Irland hätten gezeigt, dass dies möglich sei. Dazu gehörten auch weitere Beschränkungen der Bürger. Wissenschaftliche Studien zeigten, "dass die von vielen kritisierten Ausgangssperren einen Effekt auf den sogenannten R-Wert haben und ihn um etwa zwölf Prozent senken können", meinte Janssens.

Notwendig sei es, der Bevölkerung klar zu machen, dass alle aufgerufen seien, bei der Bekämpfung der Pandemie mitzumachen. "Diesen positiven Appell vermisse ich bei der Politik. Die Mitarbeit der Bevölkerung ist essentiell."

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"Bundes-Notbremse": Ab einer Inzidenz von 100 soll es eine nächtliche Ausgangssperre geben

Das Bundeskabinett hatte am Dienstag eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen, die bundeseinheitliche Maßnahmen für Regionen mit vielen Neuinfektionen vorsieht. Die "Notbremse" soll ab einem Inzidenzwert von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen greifen. Sie umfasst unter anderem eine nächtliche Ausgangssperre und die Schließung der meisten Geschäfte.

Die Länder sehen bei dem Gesetzentwurf noch Nachbesserungsbedarf. So hatte unter anderem die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) Zweifel an der Verhältnismäßigkeit geäußert. Auch FDP, Linkspartei und AfD äußerten scharfe Kritik. Der Gesetzentwurf soll am Freitag erstmals im Bundestag beraten werden, und dort ebenso wie im Bundesrat kommende Woche beschlossen werden.

Der Intensivbetten-Monitor zeigt, wo Kliniken erste Engpässe bei den Intensivbetten melden und welche Standorte bereits ausgelastet sind.

Notbremse: Auch im Kanzleramt soll es rechtliche Bedenken geben

Experten im Bundeskanzleramt haben offenbar rechtliche Bedenken angesichts der Notbremse des Bundes. Mehrere Referate des Kanzleramts stellten laut einem "Bild"-Bericht die Verhältnismäßigkeit der geplanten nächtlichen Ausgangssperre in Frage. In einem Vermerk von Anfang März erklärte demnach eine Rechtsexpertin des Gesundheitsreferats, die "grundsätzliche Geltung einer nächtlichen Ausgangssperre" sei mit Blick auf die "Verhältnismäßigkeit" und die "derzeit nicht belegte Wirksamkeit" problematisch und vor Gericht als rechtswidrig eingestuft worden.

Zudem wird in dem Vermerk kritisiert, dass der Gesetzentwurf einen "rein inzidenzbasierten Maßstab" vorsieht, um die bundesweite Notbremse auszulösen. Neben den Inzidenzen müssten andere Faktoren wie der R-Faktor und die Zahl der Intensivpatienten aufgenommen werden. Als "besonders problematisch" werde demnach auch die "automatischen Schließungen von Kitas und Schulen" eingestuft, da sie das "Recht auf Bildung" nicht angemessen berücksichtigten. Dem Bericht zufolge wurde der Vermerk von sieben weiteren Referaten im Kanzleramt abgezeichnet.

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Corona-Patienten: In Köln ist man von einer "harten Triage" nicht mehr weit entfernt

Intensivmediziner warnen vor zu langen politischen Debatten. Der Kölner Internist Michael Hallek, Chef der Klinik I für Innere Medizin der Universitätsklinik Köln, befürchtet einen baldigen Kollaps der Intensivmedizin. Von einer "harten Triage", bei der nur noch ausgewählte Patienten behandelt werden könnten, sei man an der Kölner Uniklinik nicht mehr weit entfernt, sagte Hallek dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

"Wenn die Zahlen zu schnell steigen, lässt es sich womöglich nicht mehr vermeiden. In den nächsten Wochen könnte es passieren. Das System ist am Anschlag," warnt der Intensivmediziner.

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