Kommentar

Schattenseite des deutschen Perfektionismus in der Pandemie

Lesedauer: 4 Minuten
Miriam Hollstein
Maas zu Mallorca-Urlaub: Keine Reisewarnung heißt nicht Einladung

Maas zu Mallorca-Urlaub: Keine Reisewarnung heißt nicht Einladung

Bundesaußenminister Heiko Maas hat die Aufhebung der Reisewarnung für Mallorca verteidigt. Zugleich rief er angesichts steigender Corona-Infektionszahlen zur Zurückhaltung bei Urlaubsreisen auf.

Beschreibung anzeigen

Weniger Vorschriften, mehr Einsatz und Mut – das muss in der Corona-Pandemie das Motto der Stunde sein, schreibt unsere Kommentatorin.

Berlin. In den sozialen Netzwerken verbreitet sich gerade ein Video des in Berlin lebenden Komikers Daniel-Ryan Spaulding. Der gebürtige Kanadier persifliert darin die „deutsche Art“, auf Probleme zu reagieren: Statt in drei Schritten vorzugehen (Problem benennen – Lösung finden – Problem lösen), würden sich Deutsche gern in einem Dickicht aus Wehklagen, Bürokratie und Dienst nach Vorschrift verlieren. Titel des Videos: „Deutsche sind nicht effizient.“

Deutsche Perfektion – das stand früher für eine Mischung aus Gründlichkeit, Disziplin und Entschlossenheit. Ja, die Prozesse dauerten in Deutschland oft länger als in anderen Ländern, sie waren meist bürokratischer und aufwendiger. Aber das Ergebnis war auch von höherer Qualität. „Made in Germany“ war immer das Gütesiegel schlechthin, ein Zeichen für Verlässlichkeit.

In der Pandemie ist von deutscher Perfektion nicht mehr viel zu sehen

Davon ist in Zeiten der Pandemie nicht mehr viel zu spüren. Statt mit klarem Plan scheint die Politik durch die Corona-Krise zu mäandern, versteckt sich hinter Vorschriften und Zuständigkeiten. Wenn es um Verantwortung geht, wird die Schuld wechselseitig zwischen EU, Bund, Ländern und Kommunen hin- und hergeschoben.

Die vollmundig angepriesene Impfkampagne geriet wegen Lieferschwierigkeiten, Chaos bei der Terminvergabe und schlechten Absprachen schnell wieder ins Stocken. Schnelltests für alle wurden angekündigt, das Versprechen wieder einkassiert, erneut die Einführung beschlossen, ohne dass diese bislang auch nur ansatzweise flächendeckend umgesetzt wurde.

Die „Notbremse“ bei einer Inzidenz von 100 Neuinfektionen, auf die sich die Ministerpräsidenten geeinigt hatten, wird vielerorts bereits aufgeweicht. Die Aussetzung der Impfung mit Astrazeneca auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts, nachdem sich Berichte über Fälle von Hirnthrombosen gehäuft hatten, mag eine richtige und unumgängliche Entscheidung gewesen sein. Dass aber offenbar überhaupt nicht darüber nachgedacht wird, mit welchen anderen Lösungen man den Ausfall kompensieren könnte, ist unverständlich.

Auch interessant: Britische Corona-Mutation: Symptome und Verlauf

Wo bleiben Innovation und Kampfgeist?

Wo bleibt der Geist der Innovation, der dieses Land so lange prägte? Warum wird nicht versucht, die Zulassung von Sputnik V zu beschleunigen, nachdem selbst der Chef der Ständigen Impfkommission den russischen Impfstoff gelobt hat? Warum klammert man sich sklavisch an die Impf-Reihenfolge, lässt vereinzelt sogar zu, dass Impfstoff vernichtet wird, weil in der Empfängergruppe auf die Schnelle kein Impfwilliger mehr gefunden wurde, statt bestimmte Mengen unter bestimmten Konditionen für andere Gruppen freizugeben?

Warum überlässt man in Deutschland nicht Hausärzten die Entscheidung, welche ihrer Patienten sie zuerst impfen wollen? Warum arbeiten Impfzentren nicht am Wochenende durch, wenn genügend Impfstoff da ist – obwohl es Ärzte gibt, die sich freiwillig für diesen Einsatz gemeldet haben?

Lesen Sie auch: Drosten-Podcast zu Astrazeneca: „Wir brauchen diese Impfung“

Schon im vergangenen März hat der irische Epidemiologe Michael Ryan, Leiter des Notfallprogramms der WHO, einen dramatischen Appell an die internationale Staatengemeinschaft gerichtet. „Geschwindigkeit schlägt Perfektion“, sagte er damals: „Der größte Fehler ist, nichts zu tun. Wenn man immer recht haben muss, bevor man etwas tut, wird man diesen Kampf nie gewinnen.“ Ryan sprach aus Erfahrung – er hat unter anderem gegen Ebola, die Cholera und das Krim-Kongo-Fieber gekämpft.

Weniger Vorschriften, mehr Mut – das muss in Zeiten wie diesen das Motto der Stunde sein. Sonst steht „Made in Germany“ am Ende dieser Pandemie nur noch für eines: gründlich an sich selbst gescheitert.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass sich die Ärzte für einen ehrenamtlichen Einsatz in Impfzentren gemeldet hätten. Das ist jedoch nicht richtig, die Einsätze werden honoriert. Wir haben dies korrigiert und bitten Sie, den Fehler zu entschuldigen.