Jahresbericht

Drogenbeauftragte: „Kokain ist das Megathema geworden“

Lesedauer: 6 Minuten
Britt-Marie Lakämper
Kiffen gegen den Corona-Blues

Kiffen gegen den Corona-Blues

Gegen den Corona-Blues decken sich Menschen in Montreal mit Cannabis-Produkten ein. Seit 2018 ist der private Konsum der Droge in Kanada erlaubt.

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Die Drogenbeauftragte warnt vor der zunehmenden Gefahr durch illegale Drogen – aber auch durch Online-Spiele und Social Media.

Berlin. 
  • Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), warnt vor der steigenden Verbreitung illegaler Drogen in Deutschland
  • Durch die Corona-Lockdowns sei aber auch die Gefahr der Onlinesucht bei Jugendlichen gestiegen
  • Tabak- und Alkoholkonsum richtet, so Ludwig, in Deutschland weiterhin den größten Schaden an. 127.000 Menschen verstarben 2020 an den Folgen des Rauchens

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), sieht in der Verbreitung von illegalen Drogen in Deutschland eine zunehmende Gefahr. „Die Probleme, die uns illegale Drogen machen, werden nicht kleiner, sondern größer“, sagte Ludwig bei der Vorstellung ihres Jahresberichts für 2020 an diesem Donnerstag in Berlin. Derzeit seien so viele illegale Drogen im Umlauf wie nie zuvor.

Die CSU-Politikerin will daher mit neuen Präventionskampagnen gegen den verstärkten Konsum von Kokain in Deutschland vorgehen. „Mittlerweile ist Kokain das Megathema geworden“, so Ludwig. Die Droge sei „in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Nach Erkenntnissen der Bundesregierung seien die Konsumenten trotzdem häufiger männlich, oft hätten sie einen Migrationshintergrund. Während es zu Alkohol und Tabak bereits zahlreiche Präventionsmaßnahmen gebe, fehlten diese für Kokain.

Ludwig warnte auch davor, dass die Corona-Zeit zu mehr Fällen von Online-Sucht bei Kindern und Jugendlichen führen könnte. Die Drogenbeauftragte will ihre Arbeit im kommenden Jahr daher noch stärker auf die zunehmende Zahl bildschirmmedienabhängiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland fokussieren. Die Zwischenergebnisse einer repräsentativen Längsschnittstudie der Krankenkasse DAK hatten schon im Sommer alarmiert.

Lockdowns haben Online-Zeit bei Kindern erheblich gesteigert

Die Befragung zeigte, dass während des Frühjahrslockdowns die Nutzungszeiten von Online-Spielen und sozialen Medien bei jungen Nutzern zwischen 10 und 17 Jahren deutlich zugenommen haben. Im Vergleich zum September 2019 stieg im Mai 2020 die Spieldauer in der Woche um 75 Prozent an. Mehr als die Hälfte der befragten jungen Nutzer spielte täglich . Ähnlich problematisch wie Onlinespiele sei auch die Entwicklung bei der Social-Media-Aktivität , die um 66 Prozent anstieg, heißt es im Bericht der Drogenbeauftragten.

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Ein weiteres Problem: Laut Studie setzt etwa die Hälfte der Eltern ihren Kindern keine zeitlichen Grenzen für die Mediennutzung. Ob die Mediensucht tatsächlich durch Schulschließungen und eingeschränkte Freizeitaktivitäten zugenommen hat, soll nun eine abschließende Befragung der Familien, die an der Studie bisher teilgenommen haben, im Frühjahr 2021 zeigen.

Drogenbeauftragte: Kinder von Suchtkranken von Pandemie besonders betroffen

Die Corona-Pandemie stelle aber nicht nur beim Thema Medienkonsum eine Herausforderung für Kinder und Jugendliche dar, heißt es im Bericht der Drogenbeauftragten. „Mehr Hilfe als bisher brauchen auch die Kinder von Suchtkranken . Viele von ihnen sind nahezu auf sich allein gestellt“, kommentiert Ludwig die aktuelle Situation.

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Gerade Kinder aus suchtbelasteten Familien seien besonders von der Corona-Krise betroffen, weil die Unterstützung durch das schulische oder wohnörtliche Umfeld weggefallen sei oder Hilfsangebote nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung stünden. Zur Unterstützung sind vor allem telefonische und digitale Beratungsangebote wie die „Nummer gegen Kummer“ ausgebaut worden, heißt es im Jahresbericht der Drogenbeauftragten.

Corona: Raucher haben hohes Risiko für schweren Krankheitsverlauf

Die CSU-Politikerin warnt im Zuge der Corona-Pandemie aber nicht nur vor digitalen Medien. „Wir haben mittlerweile mehrere wissenschaftliche Belege dafür, dass Raucher sich einem doppelten Risiko für einen schweren Covid-19 Verlauf aussetzen“, so Ludwig. Neueste Zahlen für 2020 würden belegen, dass in Deutschland 127.000 Menschen an den Folgen des Rauchens versterben – das sind rund 6000 mehr als noch vor einem Jahr. Mehr dazu: Corona und Rauchen: So gefährlich ist der Zigarettenqualm

Die Drogenbeauftragte plant daher weitere Maßnahmen zum Thema Tabakentwöhnung. Ab Januar sollen erste zusätzliche Werbeverbote in Kraft treten, die vor allem Jugendliche vor Gesundheitsgefahren schützen sollen. Ein im Herbst beschlossenes Gesetz untersagt ab 1. Januar 2021 Kinowerbung fürs Rauchen, wenn ein Film für unter 18-Jährige freigegeben ist. Schluss sein soll dann auch mit dem Verteilen von Gratis-Proben außerhalb von Fachgeschäften. Ab 2022 ist dann auch ein schrittweises Reklameverbot auf Plakatwänden geplant.

Die Drogenbeauftragte kündigte außerdem für Anfang 2021 die Ausschreibung eines bundesweiten Modellprojekts zum Einsatz des Nasensprays Naloxon für Notfallsituationen bei einer Überdosis Heroin oder anderer Opioide an. Naloxon kann von Laien angewendet werden und bei einem durch eine Überdosis verursachten Atemstillstand eingesetzt werden. „Dieses kleine Nasenspray rettet Leben“, sagte Ludwig zu ihren Hoffnungen für das Modellprojekt.

Drogenbeauftragte Ludwig: Keine Cannabis-Legalisierung in dieser Legislatur

In Bezug auf eine mögliche Legalisierung von Cannabis erklärte die Drogenbeauftragte des Bundes, dass es genug Anderes zu tun gäbe. In dieser Legislaturperiode sei daher keine Entscheidung zu erwarten. Mit einer neuen Cannabispräventionskampagne solle stattdessen den steigenden Konsumzahlen entgegengewirkt und die Aufklärung junger Menschen gefördert werden.

Der drogenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Niema Movassat , kritisierte diese Haltung der Bundesbeauftragten. Der Schwerpunkt auf die Prävention blende die negativen Folgen der Repressionspolitik fast gänzlich aus. „Selbstverständlich ist Prävention wichtig und richtig, aber es ist doch nicht damit getan, Jugendlichen zu sagen, dass Kiffen uncool sei“, erklärte er.

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