US-Wahl

Wie Trump Twitter und Co. für seine Kampagne nutzt

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Donald Trump: Der Weg zum Twitter-Präsidenten

Donald Trump- Der Weg zum Twitter-Präsidenten

Präsident, Unternehmer, TV-Star... was hat Donald J. Trump gemacht, bevor er zum mächtigsten Mann der Welt wurde? Womit wurde er erfolgreich und warum lieben Ihn so viele Amerikaner?

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Trump ist ein brandgefährlicher Verlierer, der die Spaltung seines Landes weiter vorantreibt, schreibt unser Kolumnist Georg Altrogge.

Berlin. Der Wahlsieger heißt Joe Biden. Oder etwa nicht? US-Nutzer von Suchmaschinen oder Sozialen Netzwerken können bei der Frage nach ihrem künftigen Präsidenten in diesen Tagen schon mal durcheinander geraten. Eine Desinformationskampagne mit Falschmeldungen und vermeintlichen Enthüllungsvideos geistert derzeit durchs Internet, flankiert von einem selbst für Donald Trumps Verhältnisse beispiellosen Feldzug über den Kurznachrichtendienst Twitter. Seine Botschaft „ICH HABE DIE WAHL GEWONNEN!“ ist weder politisch korrekt noch von Fakten gedeckt – und könnte für die amerikanische Demokratie noch zu einem ernsten Problem werden.

Schon als Gewinner war Trump mit seinem Hang zur Ausgrenzung und Beleidigung nicht nur für die US-Öffentlichkeit schwer zu ertragen. Nun, in der Niederlage, ist er nicht nur ein schlechter, sondern ein brandgefährlicher Verlierer, der die Spaltung seines Landes mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln vorantreibt.

Während Politik und Medien erkennbar bemüht sind, zur Tagesordnung überzugehen, scheint den Plattform-Betreibern im Social Web die Kontrolle über die Flut der vom Präsidenten befeuerten Fake News vom groß angelegten Wahlbetrug zu entgleiten.

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US-Wahl: Emotionale Eruptionen verfolgen Strategie

Innerhalb der ersten fünf Tage seit die amerikanischen Medien das Wahlergebnis vermeldeten, sandte der noch amtierende Präsident mehr als 100 Mal Twitter-Botschaften an seine 89 Millionen Follower, nachdem er dort bereits am Wahlabend während der laufenden Auszählung seinen „großen Sieg“ verkündet hatte. Sein trotziges Posting „ICH HABE DIE WAHL GEWONNEN, MIT ABSTAND!“ unmittelbar nach der Eilmeldung der US-Fernsehsender vom Sieg seines Herausforderers kam auf 1,1 Millionen „Gefällt mir“-Angaben und fast 700.000 Kommentare. Unter seiner Parole „WE WILL WIN!“ klickten bis Mittwoch früh 903.000 Nutzer den „Like“-Button.

Außerdem in Trumps persönlichem News-Sortiment: Video-Ausschnitte von Beiträgen einschlägiger ultrarechter TV-Stationen, 1-Million-Dollar-Belohnungsofferten für Hinweise auf Wahlvergehen sowie Zitate von obskuren, nahezu unbekannten Medien: American Greatness, The Federalist, Washington Examiner oder immer wieder auch die inzwischen berühmt-berüchtigte Plattform Breitbart News – all dies versehen mit dem impliziten Gütesiegel, dass diese Nachricht vom Präsidenten der Vereinigten Staaten geteilt wird. Seine Wahlkampfzentrale twittert ebenfalls weiter, unter dem martialischen Namen „Trump War Room“ , angetreten, im Kampf gegen Fake-News „10 x so hart zurückzuschlagen“.

Wer das berserkerhaft anmutende Mitteilungsbedürfnis als vorübergehende Erscheinung eines exzentrischen und seinen Ambitionen beraubten Politikers abtut, verkennt die kaum übersehbaren Anzeichen, dass die emotionalen Eruptionen bei Twitter durchaus einer Strategie zu folgen scheinen. In seiner Amtszeit war der mangelnde Respekt vor Fakten so etwas wie eines der Markenzeichen Trumps, der sich nicht scheute, Unwahrheiten ständig zu wiederholen.

Dreiste Falschbehauptungen, die auf bildungsfernes Publikum zielen

Von seinen Fans ließ er sich dafür sogar feiern, als entschlossener „Dealmaker“, der das große Ganze im Blick hat und sich um Details nicht schert. Jetzt ignoriert er sogar eine historische Entscheidung seiner Nation und sucht den Schulterschluss mit Unterstützern. „Genießt die Möglichkeit, Außenseiter zu sein“, fordert er seine Wähler in einem am Mittwoch bei Twitter veröffentlichten Video mit der Headline „WE WILL WIN“ auf.

Die New York Times vergleicht Trump bereits mit einem „Broadcaster“, einer Sendeanstalt der Missinformation. Wie die Zeitung berichtet, werden Nutzern von Youtube oder Suchmaschinen, die in der Suchmaske die Worte „Biden verliert“ eingeben, unter den Toptreffern ein gefälschtes Nachrichten-Video angezeigt, das von stets neuen Accounts hochgeladen wird. Inhalt: die angebliche Eilmeldung, dass der Demokrat seinen Status als „President-elect“ verloren haben, nachdem ihm der Sieg in Pennsylvania aberkannt worden sei . Eine dreiste Falschbehauptung, die offensichtlich auf ein bildungsfernes Publikum von Trump-Fans zielt: Die Zuschauer werden aufgefordert, die „Breaking News“ sofort über ihre Social-Media-Einträge an Freunde und Bekannte weiterzuverbreiten, bevor – „gleich nach der Werbung“ – Einzelheiten angekündigt werden.

Mär von offener Wahl wird sogar von Ex-Bürgermeister New Yorks verbreitet

Derartige Fake-News sind geschickt inszeniert und berufen sich oft sogar, wenn auch fälschlich, auf seriöse Quellen wie das Wahlanalyse-Blog Real Clear Politics. Dieses hat im Unterschied zu den meisten Medien den Staat Pennsylvania bislang keinem der Kandidaten zugerechnet, weil die Stimmauszählungen trotz einer uneinholbaren Führung Bidens dort auch eine Woche nach der Abstimmung immer noch nicht beendet sind.

Solche Unklarheiten liefern den Verschwörungstheoretikern Stoff für Spekulationen. Dass eine so hochtechnisierte Nation wie die USA die Stimmauszählung in den 50 Bundesstaaten angesichts von rund 100 Millionen Briefwählern nicht straffer organisieren konnte und auch nach acht Tagen noch Stimmzettel sortiert, wird für die innenpolitische Stabilität nun zum Problem.

Die Mär von der nun angeblich wieder offenen Wahl wurde sogar vom ehemaligen New Yorker Bürgermeister und Trump-Anwalt Rudolph W. Giuliani bei Twitter verbreitet und trotz der Dementis der zitierten Quellen nicht korrigiert. Richtig Fahrt nahm die Falschmeldung auf, als das konservative Next News Network sie ebenfalls an seine Millionen Abonnenten schickte . Innerhalb von zwölf Stunden wurde der Tweet 900.000 Mal angesehen, hauptsächlich befeuert durch geschlossene Facebook-Gruppen, in denen die „News“ die Runde machte. Die Folge: Bei Google sprang die Suchanfrage „Biden verliert Pennsylvania“ innerhalb von einer Stunde um 1.150 Prozent in die Höhe.

Umfragen haben Trump wieder deutlich unterschätzt

Noch ist unklar, welche Konsequenzen die Desinformationskampagne mit den oft in öffentlich nicht zugänglichen Netzwerken kursierenden Botschaften haben. Nach einer von Reuters veröffentlichten Umfrage seien immerhin 6 von 10 Wählern der Republikaner inzwischen überzeugt, dass Biden die Wahl gewonnen habe, in der Gesamtbevölkerung seien es sogar 79 Prozent der Erwachsenen. Doch die Tatsache, dass nahezu die gesamte republikanische Partei-Elite Biden die Gratulation zum Sieg bisher verweigert, zeigt, dass die Probleme noch wachsen könnten. Hinzu kommt, dass viele Amerikaner wenig auf Umfragen geben, nachdem die Institute Trumps Chancen bei der Wahl wie schon 2016 im Vorfeld deutlich unterschätzt hatten.

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Experten rechnen damit, dass Donald Trump am Ende der Auszählung rund 75 Millionen Stimmen erhalten haben könnte – mehr als jeder Präsident vor ihm in der US-Geschichte und nur getoppt von Joe Biden, der auf bis zu 82 Millionen Stimmen kommen dürfte. Der Rückhalt für den Amtsinhaber ist in der Bevölkerung auch nach vier Jahren unvermindert hoch, und die Vorwürfe, die nun gegen den Herausforderer und „President-elect“ gestreut werden, wiegen schwer: von langer Hand geplanter, systematischer Betrug bei der Wahl und damit am amerikanischen Volk.

Dass diese bislang mit keinerlei nennenswerten Fakten untermauerte Legende so massiv weiter gestrickt werden kann, ist erstaunlich. Die Netzwerke reagieren zögerlich bis hilflos: Twitter versieht Mitteilungen Trumps reihenweise mit dem Warnhinweis, seine Sichtweise sei „umstritten“, bei YouTube heißt es hingegen, Spekulationen über das Wahlergebnis verstießen nicht gegen die Nutzer-Richtlinien.

Aus dem Umfeld seiner aktuellen und einstigen Unterstützer werden derweil unverhohlen aggressive Töne laut. Nachdem der Wirtschaftsdienst Bloomberg mit Blick auf die orchestrierte Hass- und Verunsicherungs-Kampagne am Dienstagabend konstatierte, es sei „vielleicht zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte der koordinierte Versuch im Gange, eine Präsidentschaftswahl rückgängig zu machen“, nannte Trumps Sohn Donald Jr. die Redakteure bei Twitter „verfickte Clowns“. Schon vor Tagen hatte der 42-jährige CEO der Trump Organization den „totalen Krieg“ gegen den Wahlausgang gefordert und die USA mit einer „Bananenrepublik“ verglichen. Bei Twitter ist Trump Jr. noch aktiver als der Präsident selbst, sein Account eine Fake-News-Schleuder mit 6,2 Millionen Followern.

Medienberater im Team von Biden macht Facebook verantwortlich

Steve Bannon, ehemals Trumps Wahlkampfmanager und Chefstratege im Weißen Haus, ruft derweil bereits zu Gewalt auf. YouTube löschte eine Podcast-Folge des Rechts-Populisten, in der Bannon darüber phantasierte, das FBI-Direktor Christopher Wray und Anthony Fauci, Gesundheitsberater der US-Regierung, hingerichtet werden sollten. O-Ton: „Ich würde ihre Köpfe aufspießen und sie auf zwei Seiten des Weißen Hauses aufstellen.“

Bei Facebook war der Beitrag vergangene Woche zehn Stunden online und kam auf fast 200.000 Views, bevor er gelöscht wurde. Twitter sperrte seinen Account daraufhin dauerhaft. Apple hat die Podcast-Reihe Bannon‘s War Room weiter ohne Warnhinweis gelistet; die Nutzerbewertungen sind mit 4,5 von 5 Sternen bei 4.100 Bewertungen ausgezeichnet. Zu den Followern von Bannon im Social Web zählen Rechtsextreme sowie QAnon-Verschwörungstheoretiker. Nach der Löschung merkte Bannon an, seine Aussagen seien „metaphorisch“ gemeint gewesen.

Bill Russo, Medienberater im Team des designierten Präsidenten Joe Biden, macht inzwischen Facebook Co. für die ohne Faktenbasis grassierenden Gerüchte vom Wahlbetrug mit verantwortlich. Bei Twitter schrieb er : „Wenn Sie dachten, die Desinformation auf Facebook war ein Problem in der Phase der Wahl, warten Sie, bis Sie sehen, wie sie die Struktur unserer Demokratie in den Tagen danach schreddert.“

Medienjournalist Georg Altrogge, zuletzt Chefredakteur des Mediendienstes Meedia.de, schreibt regelmäßig für diese Redaktion in der Kolumne „Medienszene“ über neue Entwicklungen in der deutschen Medienlandschaft.

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