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US-Wahlkrimi: So schwand Trumps Einfluss auf die Medien

Lesedauer: 10 Minuten
Georg Altrogge
Trump klagt: Medien sind so zahm gegenüber Biden

Trump klagt- Medien sind so zahm gegenüber Biden

Nach Ansicht von US-Präsident Donald Trump sind die Medien viel zu zahm gegenüber seinem Konkurrenten Joe Biden. Gegenüber ihm seien die "Fake-News-Medien" dagegen "Killer", beklagte Trump bei einem Wahlkampfauftritt.

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Der US-Wahlkrimi ist zu Ende. Doch Donald Trumps Einfluss auf die Medien schwand schon vorher, schreibt unser Kolumnist Georg Altrogge.

Berlin. Der Wahlkrimi ist zu Ende, der Ausnahmezustand für die Nation aber noch nicht vorüber. Tagelang war die Entscheidung über den künftigen US-Präsidenten „to close to call“, zu knapp, um einen Gewinner auszurufen. Seit Samstag steht der mit Joe Biden fest, doch der Amtsinhaber leistet in aussichtsloser Position weiter erbitterten Widerstand. Seine Parole ist die von der „gestohlenen Wahl“, sein Schlachtfeld das Social Web, und seine Munition besteht nicht aus Beweisen, sondern aus Behauptungen. In einer tief gespaltenen Gesellschaft eine gefährliche Melange, die besonders die Medien herausfordert.

Dass Donald Trump zur Wahrheit ein flexibles Verhältnis hat, zeigte sich bereits in seiner Präsidentschaft. Mit seiner Niederlage und zunehmenden Isolation in der eigenen Partei hat er sich offenbar vollends in einem postfaktischen Paralleluniversum eingerichtet. Per Twitter lässt er die Welt wissen: „ICH HABE DIE WAHL GEWONNEN!“

Seine Strategie, sich am Wahlabend vorschnell als Sieger zu deklamieren und anschließend die Auszählung der Stimmen mit unbelegten Betrugsvorwürfen zu torpedieren, brachte die New York Times in einem Artikel mit der anklagenden Überschrift „Der Präsident gegen die Demokratie“ auf den Punkt.

Donald Trumps Einfluss auf die Medien schwand

Die Zeitung stand mit ihrer Einschätzung nicht allein. Die TV-Sender ABC, CBS und NBC brachen ihre Liveübertragungen einer Pressekonferenz aus dem Weißen Haus ab, nachdem Trump seine Beschuldigungen ständig wiederholte, ohne sie zu begründen. Der Kommentar des Moderators von CNBC: „Was der Präsident der Vereinigten Staaten gerade sagt, ist in großen Teilen absolut unwahr.“

Am Samstag war es erneut eine Koalition der großen Fernsehnetworks, die Trump einbremsten. Als dieser gerade eine „große Pressekonferenz“ zum Thema Wahlbetrug starten wollte, gaben die TV-Stationen fast zeitgleich den Wahlsieger Joe Biden offiziell bekannt. Der Meldung von CNN, ABC, MSNBC sowie der Nachrichtenagentur AP schloss sich mit Fox News auch der „Haussender“ von Trump an.

Für den Präsidenten, der jahrelang von der Berichterstattung des Rechtsauslegers unter den US-Sendern profitiert hatte, eine Demütigung. Trump soll getobt haben, heißt es aus seinem Umfeld, wie auch schon, als Fox News den für den Wahlausgang wichtigen Bundesstaat Arizona lange vor anderen Medien seinem Kontrahenten Biden zugerechnet hatte – ein Zeichen für die wachsende Entfremdung zwischen dem Präsidenten und seinem einstigen Lieblingsmedium.

Trump intervenierte über seinen Chefberater bei Medienmogul Rupert Murdoch, zu dessen Imperium Fox gehört, und blitzte ab: Er werde seiner Redaktion in deren Entscheidungen nicht reinreden, ließ der Australier ausrichten. Ein deutliches Zeichen für Trumps schwindenden Einfluss und ebenso für die Unabhängigkeit der Medien.

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Fox News distanziert sich von Trump: ein kalkuliertes Abrücken

Zwar hat Fox News von der Amtszeit Trumps auch wirtschaftlich profitiert und sich als reichweitenstärkster Sender in der Politikberichterstattung etabliert, doch instrumentieren lassen will man sich dort von dem exzentrischen Politiker nicht und schon gar nicht mit diesem untergehen: ein kalkuliertes Abrücken entspricht also womöglich mehr unternehmerischer Vernunft als ideologischer Neupositionierung.

Vorerst hat der Sender mit Imageproblemen bei den eigenen Fans zu kämpfen, die Fox News in den Sozialen Netzwerken scharenweise „entfreunden“ und sich stattdessen dem „Original“ zuwenden: dem Präsidenten, der unter Account @realDonaldTrump Salven von Twitter-Botschaften versendet und dem bereits 88,8 Millionen Nutzer folgen – eine Ein-Mann-Nachrichtenmaschine mit gigantischer Reichweite.

Unter den seit Tagen immer gleichen Verlautbarungen Trumps beharken sich Anhänger und Kritiker in den Kommentarspalten. Neben Bild-Montagen mit Umzugs-Transportern vor dem Weißen Haus und ironischen Postings der Sorte „Heul leise“ finden sich Statements, die zum wie auch immer gearteten Widerstand aufrufen. „Mit diesem Land bin ich fertig. Ich wandere aus“, schreibt ein Trump-Fan, ein anderer: „Ich koche vor Wut. Das ist ein Angriff auf unsere Republik!“

Twitter warnt vor Trumps Tweets

Die explosive Mischung, die sich in den Äußerungen zeigt, wird von den Betreibern der sozialen Netzwerke mit Sorge registriert. So versieht der von Trump besonders stark genutzte Kurznachrichtendienst Twitter die Mitteilungen des Präsidenten seit Tagen mit Warnhinweisen, dass diese offensichtlich Fake News enthalten, etwa „Die Behauptung vom Wahlbetrug ist umstritten“. Der massenhaften Verbreitung tut dies indes keinen Abbruch. Mehr als eine Million Nutzer stimmten etwa der Aussage Trumps „ICH HABE DIESE WAHL GEWONNEN, MIT GROßEM ABSTAND!“ durch das Klicken auf den Like-Button zu.

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Obwohl es weiterhin keinerlei Beleg für die von Trump behauptete systematische Wahlfälschung gibt, manifestiert sich der Widerstand gegen das Ergebnis in den Communities. Die Facebook-Gruppe „Stop the Steal“ wurde mit in Rekordzeit geteilten Video-Schnipseln von angeblichem Stimmen-Diebstahl zu einer der am schnellsten wachsenden Gruppen in der Geschichte des Netzwerks.

Innerhalb von 22 Stunden verzeichnet sie 320.000 Mitglieder, alle zehn Sekunden kam weitere 100 hinzu. Als das Facebook-Management die Gruppe wegen zahlreicher Aufrufe zu Gewalt löschte, tauchte sie kurz darauf unter der sarkastischen Bezeichnung „Schwule Kommunisten für Sozialismus“ wieder auf.

Wahlbeobachter fürchten unkontrollierbare Verschwörungstheoretiker

Wahlbeobachter fürchten, dass sich in derartigen, vom öffentlichen Nachrichtenfluss abgeschotteten Gruppen „alternative Fakten“ verselbstständigen und die dort versammelte Gruppe mit zahlreichen Corona-Leugnern und QAnon-Verschwörungstheoretikern zu unkontrollierbaren Aktionen treiben könnte. Zu denen ruft der Sohn des Präsidenten bereits unverhohlen auf.

So forderte Donald Trump Jr. via Twitter nicht nur den „totalen Krieg“ gegen den Wahlausgang, sondern legte am Samstag – zeitgleich zur Verkündung des Ergebnisses – noch nach: „70 Millionen verarschte Repulikaner und nicht eine Stadt bis zu den Grundmauern niedergebrannt.“ Innerhalb eines Tages gaben ihm mehr als 300.000 Twitter-Nutzer dafür ein „Gefällt mir“.

Die US-Leitmedien leisten Schwerstarbeit, um sich gegen die durch das Social Web rasenden Verzerrungen und Verfälschungen der Nachrichtenlage zu stemmen. Die New York Times, die als schärfster Kritiker in der Amtszeit des Präsidenten Rekordzuwächse bei den Abonnentenzahlen verzeichnete, zog in einem grandiosen Konvolut an Analysen und Meinungsbeiträgen vor der Wahl eine düstere Bilanz: „Die Lektion der letzten vier Jahre lautet, dass er (Trump, Anm.d.Red.) die größten Probleme der Nation nicht lösen kann, weil er selbst das größte Problem ist.“ Er sei ein „Rassist“ und „Isolationist“, befand die Zeitung, „ein Selbstdarsteller, der sich mit Dingen brüstet, die er nicht getan hat und Dinge verspricht, die er nie tun wird“.

Heißeste Phase des US-Wahlkampfs lag nach der Stimmabgabe

Bereits vor Wochen hatten die amerikanischen Medien Leser und Zuschauer darauf vorbereitet, dass angesichts des aufgrund der Pandemie zu erwartenden hohen Briefwähler-Kontingents nicht mit einer raschen Auszählung zu rechnen sei und dass auch aufgrund der ständigen Polemik Trumps gegen die diese Form der Stimmabgabe Joe Biden hier vermutlich vorn liegen würde. Gravierende demoskopische Fehleinschätzungen blieben zudem aus: Medien und Meinungsforscher hatten aus der 2016er-Wahl zwischen Hillary Clinton und Trump gelernt und agierten extrem gewissenhaft und vorsichtig.

So dauerte es diesmal vier Tage, bis der Ausgang einer sehr knappen Entscheidung kommuniziert wurde. Vier lange und für eine hochtechnisierte Nation wie die USA inakzeptabel lange Tage, in denen am Ende aufgrund des uneinholbaren Vorsprungs des Herausforderers die Frage nicht mehr lautete „Wer?“, sondern lediglich „Wann?“.

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Die heißeste Phase des US-Wahlkampfs lag nicht vor, sondern nach der Stimmabgabe. Für Politberichterstatter in aller Welt bedeutete das Schichtdienst fast rund um die Uhr, die amerikanischen Medien berichteten in Endlosschleife von den Auszählungen in den umkämpften „Battleground States“. Der Nachrichtenkanal CNN erlebte ein Revival, der dauerpräsente Moderator John King wurde mit seiner „magischen Wand“ von blinkenden Wahlergebnissen und seinen zum heimlichen Star unter den Wahlanalysten. Viele Online-Medien verzeichneten während der Hängepartie Klick-Rekorde, auch in Deutschland.

Trump: Der seit 100 Jahren erste Bewohner des Weißen Hauses ohne Hund

Mit der Wahl von Joe Biden ist die Ära Donald Trumps vorbei, daran werden auch die juristischen Scharmützel kaum etwas ändern. In dessen Umfeld wird bereits spekuliert, ob der Präsident die verkorkste Sache mit den Medien künftig auch abseits von Twitter selbst in die Hand nimmt. Eine verstärkte Präsenz bei erzkonservativen Sendern wie dem kalifornischen One America News Network oder Newsmax an der Ostküste sei im Gespräch, Arbeitstitel: „Trump TV“.

Der lange Schatten des Noch-Amtsinhabers dürfte also bleiben und mit ihm der unablässig verbreitete Generalverdacht gegen das demokratische System in den USA, der derzeit wie ein Virus in den sozialen Netzwerken grassiert. Es wird noch geraume Zeit dauern, bis der sehr spezielle Politiker, der es zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika brachte, wieder auf Normalmaß schrumpft und auf das, was von ihm in der Geschichte bleiben wird – zum Beispiel als der seit 100 Jahren erste Bewohner im Weißen Haus, der keinen Hund hatte.

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Medienjournalist Georg Altrogge, zuletzt Chefredakteur des Mediendienstes Meedia.de, schreibt regelmäßig für diese Redaktion in der Kolumne „Medienszene“ über neue Entwicklungen in der deutschen Medienlandschaft.

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