Leitartikel

Selbst wenn Trump die Wahl verliert – der Trumpismus bleibt

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Michael Backfisch
US-Wahl: Trump erklärt sich vorzeitig zum Sieger

US-Wahl- Trump erklärt sich vorzeitig zum Sieger

Wie erwartet beansprucht Präsident Donald Trump noch vor finaler Entscheidung den Sieg für sich. Was das für die Wahl bedeutet, erklärt US-Korrespondent Dirk Hautkapp im täglichen Briefing.

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Die US-Präsidentschaftswahl ist nicht entschieden. Doch selbst wenn Donald Trump abtritt: Ein Teil seiner Botschaften wirkt weiter.

Berlin. Auch wenn große Teil der Welt den Kopf über Donald Trump schütteln: Fast jeder zweite Amerikaner findet den US-Präsidenten gut. Mindestens 68 Millionen US-Bürger haben Trump gewählt. Das sind fünf Millionen mehr als 2016 und 48 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Erstaunlich: Trotz einer Vielzahl von rassistischen Sprüchen hat der Präsident bei ethnischen Minderheiten besser abgeschnitten als vor vier Jahren. Zwölf Prozent der afroamerikanischen Wähler und 32 Prozent der Latinos haben bei ihm ihr Kreuz gemacht.

Die Ära Trump ist geprägt von zahlreichen Fehlern und Fehleinschätzungen

Diese Bilanz ist atemberaubend angesichts der vielen Fehleinschätzungen und Fehler Trumps. Deutlich mehr als 230.000 Corona-Tote, ein rasanter wirtschaftlicher Absturz, ein Amtsenthebungsverfahren wegen der Ukraine-Affäre, schmuddelige Sex-Skandale: Ein Politiker traditionellen Typs wäre in hohem Bogen aus dem Amt geflogen. Doch an Trump blieb nichts hängen – zumindest für die Hälfte der Amerikaner. Für sie ist er ein Teflon-Präsident.

Besonders groß ist die Zustimmung bei Weißen – und hier vor allem bei Männern ohne Hochschulabschluss. Diese machen noch immer einen großen Teil der Wahlbevölkerung aus, auch wenn er schrumpft, weil die Vereinigten Staaten ethnisch diverser und damit bunter werden.

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Die weißen Arbeiter sind die Verlierer der Globalisierung

Die weißen Arbeiter sind in großer Zahl dem Ruf Trumps gefolgt, weil sie sich als Verlierer der Globalisierung sehen. Viele US-Firmen wanderten nach China oder Mexiko ab, weil dort die Lohnkosten niedriger sind oder lukrative Märkte locken.

Kohle-Minen, Stahlwerke und Industriebetriebe machten dicht. Der frühere Bergarbeiter im Pennsylvania muss nun als Lkw-Fahrer seine Brötchen verdienen – zu deutlich schlechteren Konditionen. Das Gleiche gilt für den Stahlwerker aus Ohio, der in die Gastronomie umsattelt. Lesen Sie dazu: US-Stadt Reading – Wo die Fans von Donald Trump wohnen

Trump macht China zum großen Sündenbock

Dass der Präsident in dieser Frage China zum großen Sündenbock aufbaut, ist Kalkül und kommt an. Die Botschaft: Das Riesenreich in Fernost ist schuld am industriellen Niedergang der USA. Die von Trump verhängten Schutzzölle auf Importe, seine kraftmeierischen Töne über leicht zu gewinnende Handelskriege stoßen auf Zustimmung. Lesen Sie dazu: Chinas stille Invasion – Wie das Reich der Mitte investiert

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Wenn der Präsident von den „Vergessenen“ und „Abgehängten“ redet, dann fühlen sich diese Schichten angesprochen. Wenn er die Trommel für „Make America Great Again“ rührt, dann malt er ein nostalgisches Bild von der Renaissance der wirtschaftlichen und technologischen Überlegenheit der USA. Genau das wollen seine Anhänger hören. Es ist die Sehnsucht nach einer Welt, die vergleichsweise überschaubar und sicher war.

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Wut auf das politische Establishment

Die Wut und Enttäuschung lenkt Trump geschickt auf das politische Establishment. Seine Verachtung gegenüber dem „Sumpf in Washington“, den er trockenzulegen versprach, wird von seinen Anhängern geteilt. Je mehr er gegen die Entscheidungsträger holzt, je rüpelhafter er auftritt, desto mehr jubelt ihm seine Basis zu. „Endlich geigt denen mal einer die Meinung!“, so das Echo.

Hinzu kommt, dass sich viele Trump-Wähler in wirtschaftlich angespannter Lage nicht mehr von den Demokraten repräsentiert fühlen. Die traditionelle Mitte-Links-Partei gilt nicht mehr als politische Kraft, die die Sorgen und Nöte der kleinen Leute ernst nimmt.

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Der Trumpismus wird bleiben – auch wenn Trump gehen muss

Ihre Spitzenleute stehen im Ruf, abgehoben und nah am Finanzkapital der Wall Street zu sein. Nach der Finanzkrise 2008/2009 wurden vor allem die großen Banken mit vielen Milliarden vom Staat herausgehauen, weniger die normalen Arbeiter und Angestellten, lautet der Vorwurf. Der Zorn richtete sich zunächst gegen Präsident Barack Obama und später gegen die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton.

Auch wenn Trump die Wahl verlieren sollte: Der Trumpismus wird bleiben. Die wegen der Globalisierung Zukurzgekommenen werden nach einer politischen Heimat suchen.

Die Demokraten werden nach links rücken

Vor diesem Hintergrund ist es sehr wahrscheinlich, dass die nächste Generation der Demokraten politisch nach links rückt. Der Schutz amerikanischer Unternehmen vor Chinas mit Subventionen überhäuften Staatsfirmen wird ebenso auf die Agenda rücken wie ein ganzes Arsenal protektionistischer Maßnahmen.

Die sozialdemokratischen Offensiven des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders oder der gerade mit großer Mehrheit wiedergewählten New Yorker Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez waren nur der Vorgeschmack. Die Demokraten werden versuchen, einen Teil des Trumpismus auf ihre linke Agenda zu setzen.

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