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Corona-Tote: Fünf Schicksale stellvertretend für 10.000

Montgomery: Lockdown ab 20.000 Neuinfektionen am Tag

Bei 20.000 Corona-Neuinfektionen pro Tag In Deutschland hält der Weltärztebund-Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery einen erneuten Lockdown für nötig. Bei dieser Zahl würde "die Lage außer Kontrolle" geraten, meint Montgomery.

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Die Corona-Pandemie hat tausende Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Stellvertretend erinnern wir an fünf von ihnen.

Berlin. In Deutschland wächst die Zahl, der an den Folgen des Coronavirus gestorbenen Menschen, grausam weiter. Die Marke 10.000 wurde hierzulande bereits überschritten. Doch der Umgang mit den Tod ist schwierig. Trauerfeiern finden für die Toten zur Zeit nur in kleinstem Rahmen statt, viele Angehörige konnten sich wegen Corona-Schutzmaßnahmen von ihren Liebsten nicht einmal verabschieden.

Die Trauer bleibt und ist allgegenwärtig, trotzdem nimmt sie in der Öffentlichkeit kaum Raum ein. Bisher gab es nicht einmal einen Staatsakt für die Opfer der Pandemie. Stellvertretend für die vielen Toten weltweit und in Deutschland erinnern wir gemeinsam mit den Angehörigen an fünf Menschen, die die Infektion mit dem Erreger Covid-19 nicht überlebt haben.

Robert Dennemärker, 60, aus Schwalbach: Ehemann und Vater von sechs Kindern

Ihren Mann Robert hat Corina Dennemärker beim Taxifahren kennengelernt. Sie war damals 25 Jahre alt – und schwanger von einem anderen. „Robert hat das nicht abgeschreckt, und ich habe gar nicht gemerkt, dass er sich für mich interessiert.“ Einmal hätten sie zusammen Pause gemacht und er bot ihr einen Bonbon an. „Er sagte, das sei besser, als in meinem Zustand zu rauchen. Er war immer um das Wohl der anderen bedacht, das hat ihn ausgezeichnet“, erzählt die 54-Jährige, die heute in einem Altenheim als Köchin arbeitet.

Er ließ nicht locker, besuchte sie sogar im Krankenhaus, als ihr Sohn auf die Welt kam. Ein paar Wochen später seien sie zusammengekommen und das Baby habe Robert Dennemärker wie seinen eigenen Sohn geliebt. „Es ist so verrückt, Manuel sieht meinem Mann sogar ähnlich, ähnlicher als unsere anderen fünf Kinder.“

Später kamen noch Lukas, Franziska, Marie, Lisa und Finn. Für seine Familie habe Robert alles gegeben. Wenn er nicht als Lkw-Fahrer gearbeitet hat, ist er noch Taxi gefahren. „Er hat mich immer machen lassen, immer unterstützt.“ Gemeinsam haben sie ein Haus gekauft, die Gartenarbeit hat er aber lieber seiner Frau überlassen. Irgendwann haben sie zusammen das Computerspielen entdeckt. „Das hat ihn abends entspannt, wir waren dann zusammen in Rollenspielen wie ,Diablo‘ unterwegs.“

Dass Robert Dennemärker tot sein soll, ist noch nicht real für seine Frau. „Wenn ich koche, denke ich, dass ich doch etwas mehr mache, damit Robert später etwas übrig hat.“ Sie erzählt, wie sie ihm oft sein Lieblingsessen Bratkartoffeln mit Nudeln und Salat gemacht hat. Manchmal spricht sie mit ihm, fragt ihn, was sie tun soll, so nah ist er ihr noch.

Als er am 28. März plötzlich Fieber bekam, ging er am nächsten Tag gleich zum Arzt. Warum der Corona-Test erst Tage später gemacht wurde, weiß sie nicht. Der Test war positiv. Vorerkrankungen hatte er nicht. Am 4. April kam er ins Krankenhaus, an diesem Abend hat sie ihn zum letzten Mal gesehen. Sie erinnert sich an seinen Anblick. Er saß auf der Treppe, wartete auf die Sanitäter, war schlapp und blass.

Auf dem Weg zur Notoperation gab es Komplikationen

Jeden Tag habe Corina Dennemärker gehofft, dass das Krankenhaus anruft und sagt, er sei aus dem Koma aufgewacht. Besuchen durfte sie ihn nicht. Drei Wochen hat sie gewartet, kaum geschlafen. Sein Zustand verschlechterte sich. Wegen Thrombose bekam er Blutverdünner, es folgten Leberprobleme und eine Dialyse, dann eine Darm-OP. Am 26. April kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Es gab Komplikationen. Robert Dennemärker ist auf dem Weg zu einer Notoperation gestorben.

Corina Dennemärker ging nach vier Wochen wieder zur Arbeit, brach dort aber zusammen, als ihr eine Kollegin, die gerade aus dem Spanienurlaub zurückgekehrt war, ohne Mundschutz und Corona-Test erklärte, dass man die Angst vor Corona auch übertreiben könne.

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Metin Aslan, 63, aus Braunschweig: Als er starb, trauerte die ganze Stadt

Mit 15 kam er mit seinem Vater aus der Türkei nach Deutschland. Er sprach kaum Deutsch und begann als Küchengehilfe, wurde Glasbläser, Stahlkocher, Boxer, Schlosser und Lkw-Fahrer. Dann eröffnete er ein türkisch-kurdisches Restaurant im Braunschweiger Kreativviertel Artmax, es wurde das Projekt seines Lebens. Als Metin Aslan im April starb, einer der ersten Corona-Toten des Jahres 2020, da trauerte eine ganze Stadt. „Er war ein Braunschweiger mit Leib und Seele“, kondolierte der Oberbürgermeister.

Er wuchs vom Tellerwäscher zum Kultgastronomen, war mit Sigmar Ga­briel befreundet, Gerhard Schröder kam zum Fototermin in seinen Laden. Metin Aslan war erst der Außenseiter aus Anatolien und später Sponsor des Sports und des Karnevals in der Hochburg Braunschweig. Er war ein Mann ohne Allüren, einer, der auch in der Küche schwitzte und dem Hockey-Nachwuchsteam das Essen vorbeibrachte. Man habe einen Freund verloren, schrieb der Fußballverein Eintracht Braunschweig. Es hatte seine Gründe, warum Aslans Tod eine Woge der Anteilnahme für seine Familie in der ganzen Stadt auslöste.

Es waren die Tage Anfang April, als eine düstere Ahnung über dem Land lastete, dieses Coronavirus könnte nicht beherrscht werden, als die Bilder des Kontrollverlustes aus Italien Entsetzen auslösten, als wir keine Tests und keine Masken hatten und auf dem Balkon Mut machende Lieder ins gegenüberliegende Altenheim sangen. Lockdown war angesagt. Und dann starb auch noch Metin. Geschwächt nach einem Herzinfarkt und einer Reise, 63 Jahre alt, ohnehin schon in Corona-Quarantäne, dann Klinik. „Im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben“, lautet bis heute die Nachricht von den Corona-Toten. Metin Aslan ist einer von ihnen.

Der Laden im Artmax-Viertel läuft ungebrochen gut, mit den aktuellen Einschränkungen. Aslan war auch einer von drei Inhabern eines Import-Großhandels. Das Restaurant wird heute von der Familie weiterbetrieben. Vor allem Metins Witwe Ayfer hält das Geschäft zusammen, die Kinder packen mit an. Die wirtschaftliche Basis ist sehr solide. Manchmal lächeln sie schon wieder. Aber eine tiefe Traurigkeit ist doch da und bleibt.

Anne-Christa Falk, 83, aus Hamburg-Altona: Eine stolze, mitfühlende Frau

Die 83-Jährige war keine, die sich beklagte, das hatte ihr ihre Mutter beigebracht. Schon vor 15 Jahren erkrankte Anne-Christa Falk an Brustkrebs. Die Ärzte sagten, sie müssen eine Seite amputieren. „Machen Sie das, mein Mann sucht sich eh keine Neue mehr“, antwortete Anne-Christa Falk.

Sie wollte selbst arbeiten und nicht nur abhängig von ihrem Mann sein, dazu war sie zu stolz. In den 60ern und 70ern war sie Chefsekretärin bei der Dresdener Bank, wo auch ihr Mann arbeitete.

Als Mutter blieb sie stets liebevoll zu ihren Kindern, selten streng. „Ihr war Gerechtigkeit wichtig. Und wir sollten verstehen, dass man unbedingt anderen Menschen hilft, wenn man irgendwie kann“, erinnert sich ihre Tochter.

Anne-Christa Falk engagierte sich sozial. Sie betreute ehrenamtlich die Geschwisterkinder von sterbenskranken Kindern in einem Hamburger Hospiz. Sie ging leidenschaftlich gern ins Theater und las Bücher, Hunderte hatte sie in den großen Wandregalen ihrer Wohnung in Altona aufgereiht. In ihrer Freizeit sang sie Chor, grub in ihrem Kleingarten, schnackte mit den Händlern in ihrem Viertel. Anne-Christa Falk genoss das Gefühl, ihre Kinder gut erzogen und etwas aus ihrem Leben gemacht zu haben.

Bereits im Jahr 2015 starb ihr Mann. Anne-Christa Falk spürte, wie auch ihr Körper älter wurde, aber es reichte noch, um aktiv zu bleiben, sich nicht helfen lassen zu müssen. Im Frühjahr waren ihre Blutwerte plötzlich schlecht. Im Krankenhaus fürchtete sie, dass es nun zu Ende geht. Die Behandlung schlug jedoch gut an. „Sie werden noch nicht sterben“, habe der Arzt gesagt. Doch am Tag, als Anne-Christa Falk entlassen werden sollte, wird bei ihr Covid-19 diagnostiziert. Sie verstirbt am späten Abend des 1. Mai.

Edgar Heidorn, 79, aus Hannover-Linden: Ruder-Legende und Geheimnisträger

Edgar Heidorn war ein Mann der Superlative. Ruder-Legende, zweifacher Olympia-Teilnehmer, dreifacher Deutscher Meister. Es gibt die eine Geschichte, die er gern mit einem Schmunzeln erzählt hat, erinnert sich seine Nichte Bettina Schumacher. Und zwar 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko hätte er im Gold-Achter sitzen und mit den anderen Deutschen Olympia-Sieger werden können. Doch als einer von den ersten acht krank wurde, sei „Ekke“ nicht auffindbar gewesen. Wo er in der Nacht vor dem Rennen war oder sogar bei wem, gab Edgar Heidorn nie preis.

Seiner Heimat Hannover blieb er sein Leben lang treu, reiste aber weit und viel, immer mit dem Motorrad: Vietnam, Argentinien, USA und Südafrika. Als er vor vier Jahren seine Fahrschule – bei der sogar Altkanzler Gerhard Schröder das Fahren lernte – abgab, um in Rente zu gehen, hielt er es nicht lange zu Hause aus. Er eröffnete einfach eine neue, dieses Mal eine Motorrad-Fahrschule. Mit 76 Jahren! Für seine Nichte war Edgar Heidorn immer ein Vorbild, er hat bis zuletzt das Leben leidenschaftlich gelebt.

Mitte März wurde er im Krankenhaus an der Hüfte operiert. Er hielt über Facebook Kontakt mit seinen Freunden. Doch im April steckte er sich in der Klinik mit dem Coronavirus an. Nach einem schweren Verlauf starb Edgar „Ekke“ Heidorn am 28. April 2020. Die Flaggen vor dem Bootshaus seines Hannoveraner Ruderclubs wehten ihm zu Ehren auf halbmast.

Niels Boldt, 74, aus Schenefeld: Er wollte noch einmal in Las Vegas heiraten

Es war vor fast genau 50 Jahren, auf einer Gartenparty. Seine Frau erinnert noch jedes Detail, sein seidenes Polohemd, wie sie ihm verzaubert die Erdnüsse reichte. „Er hätte gleich überall mit mir hingehen können.“ Seitdem, sagt sie, „war ein Tag schöner als der nächste“.

In diesem Jahr wollten Niels Boldt (74) und seine Frau noch einmal heiraten. In Las Vegas, mit Elvis-Imitator und Fahrt mit dem Cadillac. Niels Boldt war einer, der immer viele Ideen hatte. „Kann ich nicht, will ich nicht – und will ich nicht, will ich nicht hören“, sagte er seinen Kindern oft. Er hat eine erfolgreiche Kosmetikfirma in Schenefeld in Schleswig-Holstein aufgebaut, reiste dafür um die Welt. Für seine Familie war er der „Publikumsmagnet“, der alle mitriss. Von Hunderten an Fotos im Familienalbum gibt es keines, auf dem er nicht strahlend lacht.

Als Niels Boldt im Januar dieses Jahres erneut an Krebs erkrankte, warf ihn das nicht aus der Bahn. Er scherzte weiter mit den Pflegerinnen in der Klinik. Doch auf der Krebsstation steckte er sich mit dem Coronavirus an. Er starb am 13. Mai 2020 an den Folgen der Infektion.

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