Kommentar

Razzien in Schlachtbetrieben – Fleisch mit Nebenwirkung

Clemens Tönnies: Vom Metzger zum Milliardär

Der Unternehmer Clemens Tönnies führt ein globales Fleisch-Unternehmen. Er polarisiert mit seinen Aussagen und musste schon häufig Kritik überstehen.

Beschreibung anzeigen

Die Razzien in Schlachtbetrieben zeigen, dass die Branche zu Recht unter Verdacht steht, findet Politik-Korrespondentin Diana Zinkler.

Berlin. Es ist ein blutiger Job, der nichts für zarte Gemüter ist. Ein Schwein zu töten, es an den Füßen aufzuhängen, es zu zerteilen, zu häuten, es zu Wurst und Aufschnitt zu verarbeiten, erfordert eine gewisse Robustheit. Dazu kommt die Kälte in den Arbeitshallen der Fleisch verarbeitenden Industrie. Wenn dann noch die Löhne gering sind, ist es schwer, Menschen zu finden, die bereit sind, unter diesen Umständen zu arbeiten.

Doch es gibt natürlich andere Wege, die anstrengende Arbeit erledigen zu lassen. Man heuert Menschen aus ärmeren Ländern an, für die der geringe Lohn allemal gutes Geld ist. Und wenn man in der ganzen EU niemanden mehr findet, der bereit ist, den Job in der Fleischindustrie zu übernehmen, dann rekrutiert man eben außerhalb. Auch wenn das mitunter kriminelle Energien erfordert. Es ist ein schwer erträglicher Zustand.

Razzien in der Fleischindustrie: 82 Menschen aus Osteuropa eingeschleust?

Die Bundespolizei konzentrierte sich bei ihrer Razzia am Mittwoch auf 60 Wohn- und Geschäftsräume. Im Fokus der Ermittler stehen zehn Hauptbeschuldigte, die in den vergangenen sechs Monaten mindestens 82 Menschen aus Osteuropa mit gefälschten EU-Papieren eingeschleust haben sollen. So viel kriminelle Energie, um die Löhne gering zu halten und den Gewinn möglichst groß, ist eine Schande für das deutsche Unternehmertum. Und wirklich erschütternd.

Als Verbraucher hatte man doch tatsächlich gehofft, die Skandale der vergangenen Monate in der Fleischindustrie hätten zu einem breiten Umdenken bei den Verantwortlichen geführt. Die Firma Wilke Wurstwaren wurde 2019 geschlossen, nachdem 37 Menschen nach dem Genuss der Wilke-Fleischprodukte an Listerien erkrankt waren. Drei von diesen Menschen starben sogar.

Der Hessische Rundfunk recherchierte, dass Wilke schon Jahre vorher von den gravierenden Hygienemängeln in den Fleischfabriken gewusst haben muss. Es gab Hunderte Fotos, die dem eigenen Qualitätsmanagement vorgelegen haben sollen. Inzwischen ist aber klar: Auch die Lebensmittelkontrolleure müssen weggesehen haben – oder waren erst gar nicht vor Ort.

Wilke, Tönnies & Co. – Was lernen wir aus den Skandalen in der Fleischindustrie?

Im Land Hessen will man aus diesem hässlichen Vorfall gelernt haben. Es gebe mehr Kontrolleure und neue Strukturen, das neue Kontrollsystem sei ein „lernendes System“, versicherte gerade vor ein paar Tagen Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz.

Ein Schwerpunkt der Razzia waren Wohnungen in Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Dort hat der Fleischproduzent Tönnies mit etwa 2200 Mitarbeitern seinen zweitgrößten Standort. Im Tönnies-Werk in NRW brach im Juni Corona aus. Mehr als 2000 Mitarbeiter infizierten sich. Alles Zufall oder nicht? Tönnies versicherte jedenfalls prompt nach den Razzien, bei ihnen im Werk habe es keine Durchsuchungen ergeben.

Bundesregierung: Gesetz führt zu weniger Lebensmittelkontrollen

Mit dem ab 2021 geplanten Arbeitsschutzgesetz von Arbeitsminister Hubertus Heil soll jetzt alles besser werden. Allerdings befürchten Verbraucherschützer, Amtsveterinäre und Lebensmittelkontrolleure eine Verschlechterung der Überprüfungen in Deutschland: Die Reform der Lebensmittelkontrolle, die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu verantworten hat, schwäche das System massiv. Faktisch würde weniger kontrolliert.

Mehr zum Thema:

Wie sich beide Gesetze auf die Qualität des Fleisches und die Gesundheit der Verbraucher auswirken werden, wird sich zeigen. Aber eines ist klar: Beim Discounter 500 Gramm Hähnchenflügel für 1,29 Euro zu kaufen, gleicht russischem Roulette. Denn billig bedeutet auch billig produziert. Über Risiken und Nebenwirkungen informiert da leider niemand.