Parteitag

Corona-Parteitag der FDP wird zu Lindners Motivationsshow

Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP, hatte beim Bundesparteitag der FDP einiges zum Coronavirus zu sagen.

Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP, hatte beim Bundesparteitag der FDP einiges zum Coronavirus zu sagen.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Mitten im Umfragetief bläst Parteichef Lindner beim Corona- Parteitag zur „Mission Aufbruch“. Seine Partei hält er für unverzichtbar.

Berlin. Es ist kalt an diesem Samstag im großen Saal des Berliner Tagungshotels. Die Klimaanlage bläst mit frischer Luft gegen die Corona-Aerosole an. Wolfgang Kubicki hat sich in eine Decke eingewickelt, Katja Suding in einen Schal. FDP-Chef Christian Lindner braucht sowas nicht, er redet sich warm: „Endlich“, sagt er.

FDP wagt in der Corona-Pandemie als Erste den richtigen Parteitag

Endlich können sich die Liberalen wieder feiern – schon deshalb, weil sie sich als erste Partei im Bundestag trauen, wieder einen richtigen Parteitag abzuhalten. Aber auch, weil Lindner drei Jahre nach dem Jamaika-Aus wieder regierungshungrig wirkt.

Natürlich ist nicht alles wie sonst. Die über 600 Delegierten sitzen im Abstand von 1,5 Metern an langen Tischreihen, die Mikrofone werden nach jedem Redner desinfiziert, auf allen Gängen herrscht Maskenpflicht, es gibt keine Blumensträuße. Und: „Bitte bilden sie keine Grüppchen“, schärft der Tagungsleiter den Parteifreunden ein.

Corona-Regeln: Nicht alle halten sich daran

Nicht alle halten sich dran – dabei haben sie alle die neuen Zahlen im Kopf: Das Robert Koch-Institut meldet an diesem Morgen einen neuen Rekordanstieg mit fast 2300 Neuinfektionen, in Berlin ist die Zahl der aktiven Corona-Fälle zum ersten Mal seit Wochen wieder auf über 1000 gestiegen.

„Im Herbst und Winter wird sich das Infektionsgeschehen intensivieren“, glaubt auch Lindner. Deswegen sei es jetzt wichtig, neue intelligente Lösungen zu finden: Klimaanlagen mit Aerosolfilten einbauen, zielgenauer testen, die Impfstoffforschung beschleunigen. „Wir müssen intelligenter sein, als Virus gefährlich ist.“

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Corona-Demos im Zentrum von Lindners Kritik

Der Parteitag mit seinem strengen Hygienekonzept soll den Beweis erbringen: „Das Virus darf nicht über die Freiheit triumphieren.“ Aber: Freiheit ist nicht alles. Scharfe Kritik übt Lindner an den jüngsten Demonstranten gegen Corona-Maßnahmen, die neben Rechtsextremisten, Neonazis und Reichsbürgern auf die Straße gehen: „Zur Demonstrationsfreiheit gehört die Verantwortung, darauf zu achten: neben wem demonstriere ich hier?“

Bei Reichskriegsflaggen und Reichstagsstürmern müsse das demokratische Immunsystem angehen. „Man kann nicht auf Meinungsfreiheit pochen und dabei neben einer Flagge stehen, die auf einen ganz andere, autoritären Staat verweist.“

Der erste Lockdown sei nötig gewesen, ein zweiter aber wäre eine Katastrophe, sagt Lindner – für die Schulen, für die Eltern, die Betriebe, aber auch für seine Oma, die im Pflegeheim lebt: In der Pandemie ist die 91-Jährige zu Lindners Kronzeugin geworden, der menschliche Moment in Lindners Corona-Reden.

Christian Lindner im Porträt
Christian Lindner im Porträt

Parteitag wird zur „Mission Aufbruch“

Mission Aufbruch“ haben die Liberalen ihren Berliner Parteitag überschrieben. Für eine Partei, die in den letzten Jahren im Bund immer wieder die Trendwende, den Neustart, das trotzige Jetzt-erst-recht beschworen hat und trotzdem nicht wirklich vorwärts gekommen ist, klingt „Mission Aufbruch“ eher wie „Mission Impossible“, nach unmöglicher Mission.

Denn was hilft es, wenn Lindner und seine Leute sich selbst und die Deutschen immer wieder in Aufbruchsstimmung versetzen wollen – damit aber nicht durchdringen? Bei einem Umfrageniveau knapp über der Fünfprozenthürde sind die Liberalen inzwischen Meister der Autosuggestion. Motivationstrainer Lindner schafft es auch an diesem Samstag wieder, seine Leute zu euphorisieren: „Wir habe keine guten Umfragen“, räumt Lindner ein. „Aber ist das eine Krise?“

Lindner sieht trotz schlechter Umfragewerte keine Krise

Nö, findet Lindner. Denn die FDP sei ja unverzichtbar: „Die nächste Bundestagswahl wird eine Richtungswahl“, glaubt der Parteichef. „Auf uns wird es ankommen, dem Land eine Richtung zu geben.“ Weil auch Lindner weiß, dass es dazu nach aktueller Lage nicht reicht, will er kämpfen. Der Parteichef verknüpft den Erfolg direkt mit seiner Person: „Ich will das mit mir verbinden: Mein persönliches Ziel ist, nicht auf Platz zu spielen, sondern auf Sieg.“ Solche Sätze sind nicht ohne Risiko. Sollte es nicht klappen, klebt ein Scheitern mehr als bisher am Chef.

Nicht ohne Risiko gerät auch Lindners Versuch, originell zu sein: Wortreich bedankt er sich bei seiner scheidenden Generalsekretärin Linda Teuteberg für die vielen Momente, an denen sie „gemeinsam den Tag begonnen“ hätten. Ach so? Lief da was? Nein: Lindner meinte bloß die morgendlichen Telefonate. Doch wer um das angespannte Verhältnis der beiden weiß, um Teutebergs unfreiwilligen Rückzug, der konnte von der plumpen Intimität peinlich berührt sein.

Wissing ist der Neue an Lindners Seite

Und der Neue an Lindners Seite? Mit knapp 83 Prozent der Stimmen wählt der Parteitag den Volker Wissing zum neuen Generalsekretär. Ein allenfalls solides Ergebnis als Reaktion auf eine allenfalls solide Bewerbungsrede.

Der 50-jährige Anwalt lieferte den Delegierten eine „Zurück-zu-den Wurzeln“-Show im Ton der alten FDP - weniger Staat, mehr Vertrauen auf den Markt, Steuersenkungen und Beinfreiheit für Unternehmer. Mission Aufbruch? Bei Wissing klingt der Aufbruch wie eine Mission Kernwählerschaft. Die braucht die FDP, um 2021 überhaupt über die Fünfprozenthürde zu kommen.

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