Gewalt

Mutmaßlicher Todesschütze von Kenosha ist Trump-Fan

Zwei Tote bei Protesten gegen Polizeigewalt in US-Stadt Kenosha

Bei den Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin sind zwei Menschen erschossen worden. Die Polizei ermittelt laut Medien, ob die Schüsse im Zusammenhang mit der Anwesenheit bewaffneter, selbsternannter weißer Milizen in der Stadt standen.

Beschreibung anzeigen

Ein 17-Jähriger steht im Verdacht, am Rande einer Demo in Kenosha zwei Menschen erschossen zu haben. Ein Video zeigt ihn vor der Tat.

Washington. Als am Mittwochabend im Internet das Foto von Kyle Rittenhouse kursierte, das ihn als Zuschauer nur wenige Meter entfernt von Donald Trump bei einer Kundgebung in Iowa zeigt, reagierte Tim Murtaugh sofort: „Diese Person hat nichts mit unserer Kampagne zu tun”, erklärte der Wahlkampf-Chef des US-Präsidenten und fügte hinzu: „Donald Trump hat wiederholt und beständig alle Formen von Gewalt verurteilt und ist davon überzeugt ist, dass wir alle Amerikaner gegen Chaos und Gesetzlosigkeit schützen müssen.”

Die Klarstellung sollte eine Brandmauer hochziehen zwischen dem Chef im Weißen Haus und einem 17-jährigen Polizei-, Waffen- und Trump-Fan, der unter dringendem Tatverdacht steht, der zweifache Todesschütze von Kenosha zu sein.

Kyle Rittenhouse ist Anhänger von Donald Trump

In Kenosha im Bundesstaat Wisconsin wurden in der Nacht zu Mittwoch am Rande einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt im Gefolge der Polizeischüsse auf den 29-jährigen Schwarzen Jacob Blake zwei Männer (26 und 36) mit einem Schnellfeuergewehr erschossen. Eine dritte Person trug schwere Schussverletzungen davon, überlebte aber.

Nachdem diverse Handy-Videos die Schlüsselrolle von Rittenhouse bei der Gewaltexplosion nahelegten, wurde er am Abend in Antioch im Nachbarbundesstaat Illinois im Haus seiner Mutter festgenommen. Polizeichef Norman Johnson sagte, Rittenhouse stehe unter Mordverdacht. Er soll spätestens Freitag in Wisconsin vor dem Haftrichter erscheinen.

Nach erster Durchsicht seiner Auftritte in sozialen Medien kommen die Ermittler zu dem vorläufigen Schluss, dass Rittenhouse ein leidenschaftlicher Anhänger Donald Trumps ist. Außerdem ist er in die Polizei vernarrt und unterstützt die „Blue Lives Matter”-Bewegung; eine Pro-Polizei-Lobby, die sich als Gegenentwurf zur „Black Lives Matter“-Bewegung versteht, die nach jüngsten Fällen tödlicher Polizeibrutalität gegen Afroamerikaner landesweit Zulauf erhielt.

Mutmaßlicher Schütze von Kenosha war in Bürgerwehr

Weil Rittenhouse sich zu seinen Motiven und Taten in Kenosha noch nicht geäußert hat, nehmen Fahnder wie Medien Bezug auf ein Interview, das die rechtskonservative Website „The Daily Caller” kurz vor den tödlichen Schüssen mit ihm in Kenosha geführt hat.

„Menschen werden verletzt und unser Job ist es, diese Geschäfte zu beschützen”, sagte der mit T-Shirt und Jeans bekleidete junge Mann da mit Blick auf zuvor stattgefundene Plünderungen und Brandschatzungen, „und Teil meines Jobs ist, Menschen auch zu helfen. Wenn jemand verletzt wird, stelle ich mich dem in den Weg. Darum habe ich mein Gewehr – weil ich mich natürlich selbst schützen kann. Aber ich habe auch meine Erste-Hilfe-Tasche.”

Rittenhouse gehörte demnach zu einer lose zusammengewürfelten Bürgerwehr, die nach Angaben von Kenoshas County-Sheriff David Beth seit Montagabend im Stil der Selbstermächtigung auf den Straßen Kenoshas patrouilliert; nach eigenen Angaben, um weitere Sachbeschädigungen gewalttätiger Demonstranten zu unterbinden.

Polizeichef gibt „Black Lives Matter“ Mitschuld an Tragödie

Während die Polizei die Anwesenheit der schwer bewaffneten Amateur-Milizen wie auf Video-Aufnahmen dokumentiert, begrüßte, sagte der schwarze Vize-Gouverneur Wisconsins, Mandela Barnes, in einem Interview, ihn hätten die tödlichen Schüsse nicht überrascht. Die Umtriebe weißer Milizen seien „viel zu lange ignoriert wurden”. Es sei einfach nicht normal, dass Leute mit Sturmgewehren durch die Straßen zögen und für Recht und Ordnung sorgten.

Für Irritation sorgte der lokale Polizeichef von Kenosha, Daniel Miskinis. Er weigerte sich bei einer Pressekonferenz, den Mordverdacht gegen Kyle Rittenhouse zu bestätigen und gab den „Black Lives Matter”-Protestanten eine Mitschuld an der Tragödie.

Schließlich habe zur Tatzeit eine Ausgangssperre bestanden. Hätte sich jeder daran gehalten, sagte Miskinis, wären vielleicht keine Toten zu beklagen gewesen.

Proteste in den USA nach neuer Polizeigewalt gegen Schwarzen
Proteste in den USA nach neuer Polizeigewalt gegen Schwarzen

Jacob Blake in Not-OP gerettet – aber gelähmt

Unterdessen gibt es im Ursprungsfall Jacob Blake, der die heftigen Auseinandersetzungen in Kenosha auslöste, neue Informationen. Laut Josh Kaul, Generalstaatsanwalt Wisconsins, hatte der 29-jährige Schwarze ein Messer im Bodenraum seines Autos, in dem er am Sonntag nach einer noch ungeklärten Auseinandersetzung von Officer Rusten Sheskey mit sieben Schüssen in den Rücken im Beisein seiner drei Kinder niedergestreckt wurde.

Laut Kaul hatte Blake die Beamten auf die Existenz des Messers vor der Eskalation hingewiesen. Dass der Schwarze das Messer benutzen wollte, um sich eventuell seiner Festnahme zu widersetzen, hat der Staatsanwalt bisher ausdrücklich nicht bestätigt. Blake wurde durch eine Notoperation gerettet. Er ist nach Angaben seiner Anwälte von der Hüfte abwärts gelähmt.

Sein Fall zieht immer größere Kreise. Nachdem das NBA-Basketball-Team aus Milwaukee, Nachbarstadt von Kenosha, sein Spiel aus Protest gegen die Polizeigewalt absagte, wurden am Mittwoch sämtliche Spiele der laufenden Meisterschafts-Endrunde verschoben. In der Frauen-Basketball-Liga WNBA und der Major League Baseball gab es ebenfalls Absagen.