Kommentar

60 Jahre Pille für die Frau: Fortschritte sind klein

Täglich eine Pille zu Verhütung – sobald es möglich werden sollte auch für Männer eine Option.

Täglich eine Pille zu Verhütung – sobald es möglich werden sollte auch für Männer eine Option.

Foto: Andrea Warnecke / dpa

Seit 60 Jahren gibt es die Antibabypille für die Frau – eine einseitige Art der Verhütung. Der moderne Mann fällt nicht vom Himmel.

Berlin. Beim Verkaufsstart in Deutschland wurde die erste Antibabypille vorsichtig als Mittel zur „Ovulations- und Familienkontrolle“ bezeichnet. Sie wurde 1961 – heute kaum mehr vorstellbar – ausschließlich an verheiratete Frauen ausgegeben. So lange ist das her, dass es bereits medizinhistorische Studien über die Pille und ihre Verbreitung gibt.

Die Bedeutung von Verhütung für Frauen, sagt die Medizinhistorikerin Lisa Malich, werde im Rückblick oft falsch eingeschätzt. Als Frauenrechtlerinnen die Erforschung der Pille in Amerika unter schwierigen Bedingungen initiierten, sei es ihnen nicht um den Lebensstil gegangen, sondern um Gesundheit. Schwangerschaften bargen große Risiken, ebenso deren Abbruch. Die Müttersterblichkeit war bedeutend höher. Es ging um Leben und Tod.

Symbol des gesellschaftlichen Wandels

Erst mit der Studentenbewegung und der sexuellen Revolution in den 1970er-Jahren wurde die Pille zu einem Symbol des gesellschaftlichen Wandels, zu einem Zeichen von Selbstbestimmung und Freiheit. Feministinnen feierten sie damals als revolutionäre Erfindung. Ihre Gegner nannten sie „das Ende der sittlichen Zucht“. Lesen Sie auch: Lässt die Antibabypille das weibliche Gehirn schrumpfen?

Dass die Pille stets ein Auslöser gewesen ist für heikle, mitunter verletzende Debatten, hat zwei Gründe: Bei den Diskussionen geht es erstens um Sexualität und zweitens um die Rolle von Mann und Frau. Über deren Verhältnis wird ja bis heute leidenschaftlich gestritten. Wer über Verhütung spricht, kommt schnell zu einem Punkt, an dem er bekennen muss, wie er sich selbst und seine Verantwortung sieht. Das gilt für Frauen wie für Männer.

Problem mit dem Kondom?

Was heißt es eigentlich, die Pille zu nehmen? Oder es gut zu finden, wenn die Partnerin die Pille nimmt? Und warum habe ich als Mann womöglich ein Problem damit, ein Verhütungsmittel anzuwenden, das ohne Nebenwirkungen fast genauso sicher sein kann wie die hormonelle Verhütung – das Kondom?

In vielen Partnerschaften gibt es bei diesen Themen noch immer eine große Scheu und Sprachlosigkeit. Und in vielen Partnerschaften folgt daraus, dass die Pille einfach akzeptiert wird. Sie ist heute in Deutschland noch immer das am meisten genutzte Verhütungsmittel, auch wenn die Zahl ihrer Verschreibungen seit 2015 leicht zurückgeht. Lesen Sie auch: Warum gerade junge Frauen auf die Anti-Baby-Pille verzichten

Libidoverlust, Stimmungsschwankungen, Depressivität

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat noch im Jahr 2011 eine Studie zur Pille für den Mann wegen Nebenwirkungen wie Libidoverlust oder Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressivität abgebrochen. Das mag auf den ersten Blick grotesk erscheinen. Denn natürlich ist es zweifelhaft, wenn das, was Frauen seit Jahrzehnten hinnehmen, für Männer von Übel sein soll.

Doch am Ende zeigt die Entscheidung der WHO vor allem, dass der Weg zur Gleichberechtigung sehr weit ist. Die Fortschritte, die Teile der Gesellschaft nicht einmal als solche betrachten, sind klein im Verhältnis zur Größe des Themas. Der moderne Mann und die moderne Frau fallen nicht vom Himmel. Sie sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Lesen Sie auch: Studie: Antibaby-Pille erhöht Krebsrisiko für Frauen nicht

Offen für neue Lösungen

Dass wir in Deutschland nicht mehr in den Geschlechterrollen der 1950er-Jahre leben, zeigen Akzeptanzstudien über Verhütungsmethoden. Die Gesellschaft generell und der Mann im Speziellen sind offen für neue Lösungen, die nicht verlangen, dass die Frau derart stark in die Chemie ihres Körpers eingreift – mit starken Nebenwirkungen wie einem erhöhten Thromboserisiko oder Depressionen.

Die Zeiten ändern sich, und das ist gut so. Und vielleicht ist ja irgendwann der Punkt erreicht, an dem sich mehrheitlich beide Partner um die Verhütung kümmern. Mann und Frau würden gemeinsam und doch auch für sich selbst eine Entscheidung treffen.