Wahlkampf in den USA

Trump versus Biden: Welche Chancen haben die Kandidaten?

Biden und Harris demonstrieren bei gemeinsamem Auftritt Geschlossenheit

Der designierte demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden und seine Vize-Kandidatin Kamala Harris haben bei einem ersten gemeinsamen Auftritt Geschlossenheit und Kampfeswillen demonstriert. Sie zeigten sich entschlossen, bei der Wahl im November Präsident Donald Trump zu besiegen.

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Mit den „Conventions“ beginnt in den USA die heiße Phase des Wahlkampfs. Amtsinhaber und Herausforderer im Vergleich.

Washington. Nate Silver, der Kopf der führenden Internetseite für politische Umfragen in Amerika, hat sich festgelegt. Damit Donald Trump im November eine zweite Amtszeit erlange, müssten „die Irrtümer der Meinungsforscher viel größer sein als 2016“. Damals hatten von 60 nur eine Handvoll Institute einen Sieg des New Yorker Rechtspopulisten vorhergesagt.

Diesmal, so Silver, hat der Amtsinhaber nur eine 30-prozentige Chance auf einen Sieg. Sein demokratischer Herausforderer Joe Biden liegt bei 70 Prozent. Wohlgemerkt: heute. In den elf Wochen bis zum Urnengang, eine Ewigkeit in der amerikanischen Politik, kann so manche Überraschung geschehen, sagt Silver.

Beginn der heißen Wahlkampfphase

Beide Kandidaten betreten in den kommenden zwei Wochen zu Beginn der heißen Wahlkampfphase Neuland. Die „Conventions“, die seit über 50 Jahren üblichen Krönungsparteitage mit Zehntausenden Delegierten in riesigen Arenen, Luftballon-Bombardements und wuchtigen Reden zur besten TV-Zeit, wird es nicht geben.

Corona zwingt Biden (17. bis 21. August.) wie Trump (24. bis 27. August.) weitgehend ins Digitale. Wie hier die erhoffte Mobilisierung und Profilierung gelingen soll, macht beiden Lagern zu schaffen.

Kamala Harris könnte Geschichte schreiben
Kamala Harris könnte Geschichte schreiben

Was spricht für Herausforderer Joe Biden?

Die Ausgangsposition ist übersichtlich. Biden liegt in fast allen Umfragen seit Wochen konstant mit acht bis neun Prozentpunkten vorn. Auch in wahlentscheidenden „Battleground“-Bundesstaaten wie Pennsylvania, Wisconsin, Michigan, Florida, North Carolina und Arizona kommt der Demokrat auf Vorsprünge, die weit über die statistische Irrtumsmarge hinausreichen. Lesen sie auch: Joe Biden und Kamala Harris: Kandidaten-Kür ohne Lametta

Hauptgrund: Die Corona-Pandemie, die nach Berechnungen verschiedener Universitäten bis Ende des Monats 180.000 Tote und sechs Millionen Infizierte gefordert haben wird, lastet schwer auf der Regierung. Trumps unbeständigem Krisenmanagement werden die höchsten Arbeitslosenzahlen (zeitweise über 30 Millionen) und der schlimmste Wirtschaftseinbruch (minus 30 Prozent im zweiten Quartal) zugeschrieben.

Ältere weiße Wähler über 60, die zur Hochrisikogruppe gehören und 2016 eine feste Bastion für Trump waren, wenden sich in Scharen vom Präsidenten ab und Biden zu.

Trumps Versuche: Biden als korrupt darzustellen

Der aber bietet Trump bisher kaum Angriffsflächen. Alle Versuche der „Abteilung Attacke“ im Hause Trump, den 77-Jährigen frühzeitig zu demontieren, sind bisher ins Leere gelaufen.

Die Ukraine-Affäre, die monatelang versuchte, Biden und seinen Sohn Hunter als korrupt darzustellen; die 27 Jahre zurückliegenden Vergewaltigungsvorwürfe von Tara Reade, einer ehemaligen Mitarbeiterin; die Erzählung, Biden sei nicht mehr Herr seiner Sinne und sowieso eine Marionette der von Trump unter Sozialismusverdacht gestellten Parteilinken, die Amerikas Innenstädte Krawall-Touristen überließen – nichts hat bisher in Umfragen messbar verfangen. Lesen sie auch: Joe Biden nominiert Kamala Harris als Vize-Kandidatin

Biden vermittelt durch seine Lebensgeschichte (bei Autounfall erste Frau und Tochter verloren, später starb ein Sohn an einem Gehirntumor) „glaubhaft Mitleidensfähigkeit“. US-Kommentatoren meinen, dies könne in der Corona-Krise „hohe Bedeutung“ haben. Durch die Nominierung von Kamala Harris als Vizepräsidentschaftskandidatin hat Biden seinem Wahlkampf eine Vitaminspritze verpasst. Die Schwarze mit indisch-jamaikanischen Wurzeln beflügelt die Fantasien um eine erste US-Präsidentin ab 2024.

Warum darf man Donald Trump nicht abschreiben?

Vor vier Jahren lag Hillary Clinton um diese Zeit im Schnitt ebenfalls acht Prozent vor Trump. Das Ende ist bekannt. Trump behauptet, 60 Prozent der Befragten würden sich bislang nicht wirklich zu erkennen geben – als seine Fans. Dazu kommen Standards: Nur zehn von 44 US-Präsidenten (Trump ist Nr. 45) wurde bisher eine zweite Wahlperiode verweigert. Lesen Sie auch: Trumps Bruder Robert ist tot – „Er war mein bester Freund“

Der Amtsinhaber hat „einen großen Bonus“, sagen Wahlforscher von Cook Report. Solange Zustimmungswerte nicht unter die 40-Prozent-Marke rutschten, müsse man mit einem Trump-Revival rechnen. Vor allem dann, wenn es dem Präsidenten gelingen sollte, die Erzählung zu verankern, dass nicht er an der Corona-Katastrophe die Schuld trägt – sondern ganz allein China.

Pluspunkte bei verschiedenen Wählergruppen

Dazu kommen Pluspunkte, die Trump bei verschiedenen Wählergruppen gesammelt hat: Die Steuerreform von 2017; Trumps Rücknahme von Vorschriften für Umwelt, Krankenversicherung, Finanzen und Arbeitsmarkt; die Installierung von 200 konservativen Juristen an den Top-Gerichten; der Wirtschafts-Nationalismus (Strafzölle etc.) und die verschärfte Einwanderungspolitik (Mauerbau Mexiko etc.) – all das wird in Trump-Wählerschichten unverändert geschätzt. Lesen Sie auch: Donald Trump sabotiert Briefwahl – und gibt das sogar zu

Offensichtlich ist aber, dass Trump nach einem „Game Changer“, einer positiv besetzten Botschaft sucht, die den Pro-Biden-Trend brechen kann. Denkbare Optionen: Falls sich die katastrophalen Corona-Zahlen wirklich erholen sollten, könnte die Wirtschaft nachhaltiger gesunden. Auch die Verfügbarkeit eines Impfstoffs noch in diesem Jahr könnte Trumps desaströses Ansehen in der Bewältigung der Epidemie verbessern.

Trump als „Mann für Recht und Ordnung“

Radikalisiert sich die „Black Lives Matter“-Bewegung weiter, könnte Trump als „Mann für Recht und Ordnung“ auf Zuspruch hoffen. Wenn Trump Bidens Weg folgt und eine Frau als Vize nominiert, was das Ausrangieren von Mike Pence erforderte, wäre ebenfalls ein Schub nach vorn denkbar.

Einen zentralen Rettungsanker sieht Trump in den „Presidential Debates“. Die traditionellen TV-Duelle beginnen am 29. September. Das Trump-Lager will Biden, der mitunter den Faden verliert und generell kein begnadeter Redner ist, vor einem Millionenpublikum vorführen. Lesen Sie auch: Wie Donald Trump versucht, Kamala Harris zu diskreditieren

Das letzte Aufeinandertreffen ist am 22. Oktober. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfen 50 Millionen Bürger in über 30 Bundesstaaten vorab wählen. Die Trumpianer wollten die Debatten darum vorziehen und um eine vierte Runde ergänzen. Die unabhängige Kommission, die das Ereignis verantwortet, lehnt das ab.

Die Experten-Prognose für die Präsidentschaftswahlen

Allan Lichtman sieht Joe Biden klar als Gewinner im November. Der Politik-Professor aus Washington hat anhand eines Systems mit 13 Schlüsselfaktoren seit 40 Jahren jede US-Präsidentschaftswahl richtig prognostiziert; auch den Trump-Erfolg vor vier Jahren. Diesmal sieht Lichtman Biden mit 7:6-Faktoren knapp vorn.

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