Katastrophe

Nach Explosion in Beirut: Maas reist in den Libanon

Krise im Libanon: Informationsministerin tritt zurück

Die libanesische Informationsministerin Manal Abdel Samad hat ihren Rücktritt erklärt. Sie reagierte auf die verheerenden Explosionen in Beirut und die allgemeine Krise im Land.

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Nach der Katastrophe steht die Regierung im Libanon kurz vor dem Ende. Regierungschef Hassan Diab hat seinen Rücktritt erklärt.

Beirut. 
  • Nach der Katastrophe in Beirut will sich Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Mittwoch ein Bild von der Lage vor Ort machen
  • In Beirut starben mehr als 170 Menschen nach der gewaltigen Explosion am 4. August. Rund 6000 Menschen wurden verletzt
  • Als Reaktion auf die andauernden Proteste kündigte der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab den Rücktritt seines gesamten Kabinetts an
  • Am Dienstag zogen Tausende Menschen in einem Gedenkmarsch durch Beirut, um den Opfern zu gedenken
  • Bei der internationalen Geberkonferenz für den Libanon sind dem französischen Präsidialamt zufolge über 250 Millionen Euro Soforthilfe zusammengekommen

Die Lage im Libanon hat sich nach der gewaltigen Explosion in der Hauptstadt mit mehr als 170 Toten und tausenden Verletzten weiter zugespitzt. Als Reaktion auf die Explosionskatastrophe und die darauffolgenden regierungskritischen Proteste hatte der libanesische Ministerpräsident Hassan Diab am Montag den Rücktritt seines gesamten Kabinetts angekündigt. Am Mittwoch will Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nach Beirut reisen, um sich vor Ort ein Bild von der Zerstörung zu machen.

Maas will zudem über wirtschaftliche Hilfe für das Land am Mittelmeer sprechen und für politische Reformen werben, die auch von vielen Libanesen gefordert werden. Nach dem Rücktritt von Premierminister Hassan Diab ist die Regierung nur noch geschäftsführend im Amt.

Beirut: Tausende Menschen trauern bei einem Gedenkmarsch um die Opfer

Am Dienstag nahmen in Beirut mehrere Tausend Menschen an einem Trauermarsch zum Gedenken an die Opfer teil. Viele hüllten sich in rot-weiße Landesflaggen und riefen „Lang lebe der Libanon“, zahlreiche Menschen hatten Tränen in den Augen. Bei einer Gedenkveranstaltung wurden die Namen der Todesopfer verlesen. Kirchenglocken läuteten, von einer Moschee aus wurden Koranverse übertragen.

Bei der verheerenden Detonation von fast 3000 Tonnen Ammoniumnitrat waren am 4. August mehr als 170 Menschen gestorben. Rund 6000 weitere Menschen wurden verletzt. Die Demonstrierenden machten die Regierung für die Explosion mitverantwortlich: Sie warfen der Politik Korruption und Unfähigkeit vor.

Eine Woche nach der Explosionskatastrophe in Beirut ist die libanesische Regierung geschlossen zurückgetreten. Noch am Samstag hatte Regierungschef Diab angesichts der Proteste vorgezogene Neuwahlen angekündigt, die er am Montag in einer Kabinettssitzung vorschlagen wollte. In der Sitzung hatte er dann allerdings angekündigt, seinen Rücktritt erklären zu wollen, wie der lokale Sender MTV berichtet hatte. Mit ihrem Rücktritt komme nun die gesamte Regierung der Forderung des Volkes nach, „die Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft zu ziehen“, sagte Diab.

Nach den Explosionen in Beirut: Demonstranten stürmten mehrere Ministerien

Nach der Katastrophe am Hafen von Beirut hatten die Demonstrierenden der aktuellen Regierung ihren Unmut gezeigt: Von ehemaligen Armeeoffizieren angeführte Protestierende waren in das Gebäude des Außenministeriums eingedrungen und hatten es zum „Hauptquartier der Revolution“ erklärt, wie in Live-Aufnahmen örtlicher Fernsehsender zu sehen war. Auch das Energie- und das Wirtschaftsministerium sowie der Sitz des libanesischen Bankenverbandes wurden gestürmt. Zudem waren tausende Menschen durch die Stadt marschiert, um gegen die Regierung zu protestieren.

Die Beiruter gingen auf die zerstörten und mit Trümmern übersäten Straßen, um ihrer Wut auf die politische Elite Luft zu machen. „Rache, Rache bis zum Sturz des Regimes“, skandierten sie. Viele Demonstranten hielten Flaggen oder Fotos von Unglücksopfern in die Höhe.

Beirut: Demonstrierende protestieren nach Explosionen gegen die Regierung

Vereinzelt hatten Protestierende auch Schlingen geschwungen, auf dem Märtyrer-Platz im Zentrum von Beirut waren bereits am Freitag hölzerne Guillotinen errichtet worden. Protestaufrufe in Onlinenetzwerken wurden mit dem Hashtag #HangThem („Hängt sie“) versehen. Sicherheitskräfte hatten versucht, die Demonstranten auf dem Weg zum Parlamentsgebäude zurückzudrängen, die Polizei setzte Tränengas gegen Steinewerfer ein.

Viele Libanesen, die der politischen Elite schon seit langem Korruption und Unfähigkeit vorwerfen, machen die Regierung für die verheerenden Explosionen am 4. August mit mehr als 170 Todesopfern verantwortlich. Der Libanon steckt schon seit Jahren in einer schweren Wirtschafts- und Währungskrise, die durch die Corona-Pandemie noch verschärft wurde.

„Wir können es nicht mehr ertragen. Wir werden als Geiseln gehalten, wir können das Land nicht verlassen, wir können unser Geld nicht von den Banken abheben. Die Menschen hungern, es gibt mehr als zwei Millionen Arbeitslose“, beklagte die Demonstrantin Médéa Azoury. „Und jetzt ist Beirut durch Fahrlässigkeit und Korruption vollständig zerstört worden.“

Maas: Deutschland hilft dem Libanon mit 20 Millionen Euro

Am Sonntag beriet die internationale Gemeinschaft per Videokonferenz über Soforthilfe für das Land. Das kurzfristig einberufene Treffen wurde von UN-Generalsekretär António Guterres und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron geleitet, wie aus Kreisen von Macrons Präsidialamt berichtet wurde. Ziel sei eine direkte Hilfe der schwer getroffenen Bevölkerung und die Vermeidung von Unterschlagungen.

Nach Informationen des französischen Präsidialamts kamen bei der Konferenz 252,7 Millionen Euro Soforthilfe zusammen. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte im ZDF von über 200 Millionen Euro Hilfe gesprochen. „Deutschland alleine wird sich mit 20 Millionen Euro zusätzlich beteiligen, um die größte Not zu lindern, die es zurzeit in Beirut gibt“, sagte Maas am Sonntag dem ZDF. Davon unabhängig hatte Maas zuvor bereits ein deutsches Soforthilfepaket im Umfang von zehn Millionen Euro angekündigt.

Das französische Präsidialamt nannte als Mitveranstalter der Konferenz zunächst keine Zahl für die Zusagen. Nach der verheerenden Explosionskatastrophe in Beirut ist nach Einschätzung der Vereinten Nationen (UN) eine internationale Nothilfe im Umfang von 116,9 Millionen US-Dollar (rund 99 Millionen Euro) nötig. Es geht laut UN um medizinische Versorgung, Nahrungsmittelhilfe oder Unterkunft für die schwer getroffene Bevölkerung.

NRW will Verletzte behandeln lassen

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen will nach der Katastrophe zudem Verletzte in NRW behandeln lassen, um die Kliniken Beiruts zu entlasten. In einem Brief an Libanons Botschafter in Deutschland, Mustapha Adib-Abdul-Wahed, der unserer Redaktion vorliegt, schrieb Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), dass das Land bereit sei, „schwerverletzte Patientinnen und Patienten aus den überfüllten Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen zu behandeln“.

Nordrhein-Westfalen stehe „in dieser dramatischen Situation an der Seite des Libanons“. Ministerpräsident Laschet hat dazu auch mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) telefoniert. Die Bundeswehr hat spezielle Fähigkeiten für den Lufttransport von Schwerverletzten.

Nach der verheerenden Explosion spenden viele Deutsche für die Opfer. „Die Spendenbereitschaft ist hoch. Die Bilder, die wir in den Medien aus der libanesischen Hauptstadt sehen, verfehlen ihre Wirkung nicht“, sagte der Sprecher des Deutschen Spendenrates, Max Mälzer, der Deutschen Presse-Agentur. Bislang seien sowohl viele Großspenden als auch Kleinspenden eingegangen.

Nach Explosion in Beirut: 16 Hafenmitarbeiter festgenommen

Die Nachrichtenagentur NNA berichtete, dass 16 Hafenmitarbeiter im Zusammenhang mit der Katastrophe festgenommen wurden. Das habe der amtierende Militärrichter Fadi Akiki mitgeteilt. Bisher seien mehr als 18 Menschen vernommen worden. Darunter seien auch Mitglieder der Hafenbehörde und des Zollamtes. Mit den Verhaftungen seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

Ziel sei, „alle Fakten im Zusammenhang mit der Katastrophe zu klären“, teile Akiki mit. Bis zum Abschluss der Ermittlungen bleibe der Industriehafen, wo sich die Explosion ereignete, geschlossen. Die Aufsicht hätten hier die libanesische Armee sowie die Informationsabteilung der Kräfte für innere Sicherheit. Vor der Explosion galt die radikalislamische Hisbollah als der heimliche Herrscher des Hafens.

(dpa/afp/fmg/jas/raer/reb)