Drogen

Deutsche Häfen sind Drehscheibe für den Kokain-Schmuggel

Ein Zollbeamter öffnet während einer Pressekonferenz in Hamburg ein Paket mit Kokain, das von den Beamten sichergestellt wurde. (Archivbild)

Ein Zollbeamter öffnet während einer Pressekonferenz in Hamburg ein Paket mit Kokain, das von den Beamten sichergestellt wurde. (Archivbild)

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Neben Antwerpen und Rotterdam steht vor allem der Hamburger Hafen im Fokus der Dealer. Illegale Geschäfte mit Kokain boomen.

Berlin. Es war für Costa Rica ein Rekordfund. Vor einigen Wochen entdeckten Ermittler in einem Frachtterminal fast sechs Tonnen Kokain. Die Drogen waren in Containern mit Blumen versteckt. Zielort: Niederlande.

Kaum eine Droge erlebt in Europa so einen Boom wie Kokain. Auch in Deutschland. 2017 stellten die Ermittler mehr als 8000 Tonnen des weißen Pulvers sicher, 2019 waren es erstmals mehr als 10.000 Tonnen. Die Zunahme des Kokainhandels bestätigt auch der Drogenreport der Vereinten Nationen vom Sommer 2019.

Die Routen der Drogenschmuggler verlaufen seit Jahren ähnlich: Kokain wird in den Andenländern wie Bolivien, Peru und vor allem Kolumbien angebaut. Die Produktion in Kolumbien steigt stark an, auch weil Ernten durch moderne Technik mehr Ertrag bringen. In Containerschiffen aus Ländern in Mittelamerika, wie etwa Costa Rica, gelangt die illegale Ware nach Europa.

Rotterdam und Antwerpen – „Haupteinfallstor“ für Kokainschmuggel nach Europa

Der Anstieg im Handel und Konsum von Kokain setzt Politik und Polizei unter Druck. Bund und Länder wollen Drogenkartelle und organisierte Banden besser bekämpfen. Das Bundeskriminalamt will sich international besser vernetzen – und die Seehäfen sollen durch die Behörden besser überwacht werden.

Zu den aktuellen Erkenntnissen der deutschen Ermittler gibt eine Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Grünen im Bundestag Auskunft. Dort heißt es: Zwar seien die „Haupteinfallstore für Kokainlieferungen“ aus Südamerika nach Europa weiterhin die Häfen in Antwerpen und Rotterdam. Doch: „Die Bedeutung deutscher Überseehäfen nimmt ebenfalls zu.“

Seit 2017 sind nach Angabe des Bundesinnenministeriums die Sicherstellungen von Kokain „auch in den deutschen Häfen, insbesondere in Hamburg, deutlich angestiegen“.

Der weltweit steigende Warenverkehr in Schiffscontainern biete den organisierten Kriminellen „gute Tatgelegenheitsstrukturen für den Kokainschmuggel in Schiffscontainern aus Südamerika nach Europa“. Sprich: Nimmt der Handel mit Containerware zu, wird es auch für Schmuggler leichter, die Drogen weltweit zu verschiffen.

Täter aus der Balkanregion verteilen das Kokain in Europa

Auch mit Hilfe von Korruption würden die Drogenkartelle ihre illegalen Waren oftmals unentdeckt über die Seewege nach Europa, Asien oder USA bringen. Das Innenministerium schreibt: „Der Containerschmuggel setzt gute Zugänge der Tätergruppierungen zu den Logistikstrukturen in den Seehäfen voraus, die unter anderem durch Bestechung von Mitarbeitern in der Logistikkette ermöglicht werden.“

Interessant ist, was die Bundesregierung zu den Erkenntnissen über die Täter antwortet: An den steigenden Kokainimporten aus Südamerika sind demnach neben den südamerikanischen Rauschgiftkartellen „hauptsächlich Tätergruppierungen aus den Balkanstaaten“ beteiligt.

Von den Häfen in Hamburg, Antwerpen oder Rotterdam würden dann unterschiedliche Gruppen der organisierten Kriminalität das Kokain europaweit verteilen.

Bereits Ende 2018 hält das Bundeskriminalamt laut einer Recherche des NDR fest, dass der Kokainmarkt in Europa neben deutschen Tätern von Kriminellen aus dem Westbalkan und Marokko beherrscht werde. Auch organisierte Gruppen im Libanon machen Geschäfte mit Geldwäsche aus Kokaingeschäften. Es ist längst ein globalisierter Handel. Und die Dividenden der Dealer sind hoch. Von „Kokainschwemmen“ ist die Rede.

Die Grünen fordern: OK-Gruppen verfolgen, Konsumenten von Kokain besser schützen

„Die starke Zunahme des weltweiten Kokainhandels ist dramatisch“, warnt auch die Innenexpertin der Grünen, Irene Mihalic. „Daher ist es besonders beunruhigend, wenn wir feststellen, dass die deutschen Überseehäfen an Bedeutung im internationalen Kokainhandel gewinnen.“

Wichtig sei es, die Strafverfolgungsbehörden so ausstatten, dass sie aufwendige Ermittlungsverfahren führen könnten, um gegen organisierte Kriminalität vorzugehen. Mihalic hob hervor: „Gleichzeitig dürfen wir aber präventive Maßnahmen nicht vergessen und müssen Wege finden, um Konsumentinnen und Konsumenten von Drogen besser zu schützen.

Es fällt auf, dass die Bundesregierung in ihrer Antwort jedoch keinen Fokus auf die italienische Mafia legt. Sie wird im Zusammenhang mit Kokainhandel in der Antwort an die Grünen gar nicht erwähnt. Das fällt deshalb auf, weil Experten die Rolle der Mafia im europäischen Drogengeschäft seit Jahren besonders hoch einschätzen. Nicht zuletzt in Deutschland.

Ndrangheta ist die reichste Mafia-Gruppe – ihr Geschäft: Geldwäsche und Kokainhandel

Vor allem die Ndragheta aus Kalabrien ist der mächtigste Ableger der italienischen Mafia-Gruppen. Einer ihrer Hauptgeschäftszweige laut Experten: Kokainhandel. Auch Grünen-Expertin Mihalic zeigt sich „verwundert“, dass die Ndrangheta bei der Bewertung der Bundesregierung keine Rolle spielt.

Ein Bericht des italienischen Innenministeriums, der unserer Redaktion vorliegt, beschreibt die Aktivitäten der Mafia-Clans in Europa. Darin heißt es, dass die Mafia beim internationalen Drogenhandel auch Deutschland aufgrund des Großhafens in Hamburg sowie die Nähe zum niederländischen Hafen in Rotterdam im Fokus habe.

Die intensiven Ermittlungen der italienischen Behörden hätten gezeigt, dass die Ndrangheta auch in Deutschland aktiv ist. Ende 2018 durchsuchten Polizisten in Italien, Niederlande, Belgien und Deutschland Wohnungen und Restaurants. Vor allem das Rheinland und das Ruhrgebiet standen im Fokus. Die Ermittler gingen gegen Mafia-Gruppen vor. Der Vorwurf: Geldwäsche – und Kokainhandel.

Doch auch der Mafia-Bericht der italienischen Behörden hebt die Verbindungen von organisierten Kriminellen in die Balkanregion hervor. Sowohl in Bayern als auch in Norditalien gebe es Gruppen, die sich dort dauerhaft verwurzelt hätten und ihren illegalen Geschäften nachgehen würden. Unter ihnen Personen aus Albanien, Mazedonien, Serbien, Afghanistan, Italien und Deutschland.

„Blutige Kämpfe“ um Macht und Einfluss – mitten in Europa

„Die albanischen kriminellen Organisationen scheinen nach wie vor eine der gefährlichsten zu sein“, halten die Italiener in ihrem Bericht fest. Mit einem weit verzweigtem Netz an Kontakten – über Italien und Deutschland bis in die Niederlande und nach Spanien.

Auf Nachfrage teilt das Bundeskriminalamt unserer Redaktion mit, dass die organisierten Banden aus dem Balkan für einen „Großteil des aus Südamerika nach Europa verschobenen Kokains verantwortlich sind“. Vor allem Tatverdächtige aus Montenegro, Serbien, Kroatien und Albanien.

Laut der EU-Polizeibehörde Europol geht die Hälfte der Kokain-Transporte nach Europa von diesen Gruppen aus. Bedeutend sei für die Drogenimporte vor allem der Tiefseehafen von Santos, nahe der brasilianischen Metropole Sao Paolo.

Von dort geht ein Großteil des Kokains nach Europa. In den Niederlanden und in Belgien verteilen kriminelle Gruppen die Ware weiter. In den beiden Ländern erkennt das Bundeskriminalamt einen Anstieg von Gewalttaten – bis hin zu gezielten Tötungen.

Dort würden „blutige Kämpfe um Macht und Einflusssphären in Europa“ ausgetragen. Der Kampf gegen die Drogenkartelle führte im vergangenen Spätsommer zu einem schweren Rückschlag. Mutmaßlich organisierte Kriminelle töteten den Anwalt eines Kronzeugen in einem großen Verfahren gegen Bandenkriminalität.

In Deutschland, so hält die Bundesregierung fest, ließen sich „systematische und regelmäßige Gewaltstraftaten“ unter organisierten Kriminellen nicht feststellen. Es habe nur in Einzelfällen „gezielte Tötungsdelikte zwischen Tätergruppierungen“ gegeben. Bislang.

Kokain – mehr zum Thema:

In Berlin haben die Behörden Anfang des Jahres einen Kokain-Lieferdienst gestoppt. Vor allem in Hamburg mit dem Hafen kommt es immer wieder zu großen Kokainfunden.