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Whistleblowerin Chelsea Manning kommt aus Haft frei

Whistleblowerin Chelsea Manning kommt aus Haft frei.

Whistleblowerin Chelsea Manning kommt aus Haft frei.

Foto: ERIC BARADAT / AFP

Eine hohe Strafe muss die 32-Jährige, die Daten an Wikileaks weitergegeben hatte, dennoch zahlen. Ihr droht der finanzielle Ruin.

Washington. Am Mittwoch wollte sie sich hinter Gittern das Leben nehmen. Gefängnispersonal schritt in letzter Minute ein. Am Donnerstag hat ein Richter überraschend angeordnet, dass sie auf freien Fuß gesetzt wird: Chelsea Manning, wirkungsmächtigste „whistleblowerin“ in der jüngeren amerikanischen Geschichte, fängt mit 32 Jahren neu an. Mit der Weitergabe von vertraulichen Diplomaten-Depeschen über US-Kriegsverbrechen im Irak an die Enthüllungs-Plattform Wikileaks erlangte sie weltweite Bekanntheit.

In die Erleichterung ihrer Unterstützer über die bevorstehende Freilassung aus der Haftanstalt von Alexandria nahe Washington mischte sich umgehend Wut auf Anthony Trenga. Der Bezirksrichter hatte Manning nach fast einjähriger Beugehaft im Zusammenhang mit Wikileaks-Gründer Julian Assange mit der profanen Begründung auf die Entlassungsliste gesetzt, dass sie als Zeugin „nicht mehr gebraucht wird“.

Da eine für sie eigens installierte Geschworenen-Jury („grand jury“) aufgelöst worden sei, gebe es keine Berechtigung mehr, um Manning festzuhalten, so Trenga. Nils Melzer, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, hatte den USA vorgeworfen, Mannings Haftbedingungen erfüllten den Tatbestand der Folter.

Chelsea Manning: Lieber wolle sie verhungern als gegen Assange auszusagen

Was Richter Trega nicht erwähnte: Amerikanisches Recht gestattet die Beugehaft eines Zeugen nur, wenn eine glaubwürdige Option besteht, dass der widerspenstige Inhaftierte in der Regel binnen 18 Monaten doch noch aussagt.

Genau das hatte Manning schon bei ihrer Festsetzung im vergangenen Frühjahr kategorisch ausgeschlossen. Lieber werde sie verhungern, sagte sie, als dass sie ihre „Prinzipien“ aufgebe und den in London von der Auslieferung an die USA bedrohten, schwer kranken Julian Assange belaste.

Assange hatte sich in der britischen Hauptstadt vor acht Jahren in die Botschaft Ecuadors geflüchtet. 2019 verhaftete ihn die britische Polizei. Das US-Justizministerium wirft dem gebürtigen Australier vor, er habe Manning beim Knacken eines Computer-Passworts assistiert und sich damit strafbar gemacht. Später folgte eine erweiterte Anklage, die sich auf Spionage-Vorwürfe stützt. Mögliches Strafmaß bei Verurteilung: 175 Jahre. Julian Assange bestreitet die Vorwürfe. Er beruft sich auf die Meinungsfreiheit, die er zum Zweck der Aufklärung in Anspruch genommen haben will.

Geheimdienst-Experte über Chelsea Manning: „Das ist moralische Stärke“

Dass Chelsea Manning freikommt, lässt Insider in Washington darauf schließen, dass die US-Justiz genügend Material besitzt, um Assange unabhängig von ihr anzuklagen.

Ihre Verweigerung gegenüber der US-Justiz hat der in Oklahoma gebürtigen Ex-Geheimdienstexpertin Anerkennung und Respekt eingetragen. „Das ist moralische Stärke“, twitterte stellvertretend für viele gestern Edward Snowden aus seinem Moskauer Zwangs-Exil. Der ehemalige Analytiker des Geheimdienstes NSA, der 2013 Informationen über den aus seiner Sicht völlig ausgeuferten US-Überwachungsstaat an Medien weitergab und dem in den USA lebenslange Haft droht, unterstützt den Aufruf der Manning-Sympathisanten nach Finanzhilfen.

Fall Assange: Anhörungen im Auslieferungsverfahren gegen Wikileaks-Gründer
Fall Assange- Anhörungen im Auslieferungsverfahren gegen Wikileaks-Gründer

Hintergrund: Richter Trenga gab der 32-Jährigen zwar die Freiheit zurück, belastete die unter schweren Depressionen leidende Frau aber gleichzeitig mit einem Handicap: 256.000 Dollar Schulden, zu zahlen an die Staatskasse. Die Summe setzt sich aus Strafen zwischen 500 und 1000 $ für jeden Haft-Tag zusammen. Die Spendensammel-Internetseite gofundme.com hatte bis gestern Freitagmittag nach einem Aufruf bereits 65.000 Dollar für Manning eingetrieben.

Mit dem Namen Chelsea Manning werden Erinnerungen an bedrückende Videoaufnahmen aus dem Jahr 2007 wach. Sie zeigen, wie Scharfschützen in einem US-Militärhubschrauber im Irak Menschen wie Tiere erschießen. Unter den elf Toten, die das US-Militär irrigerweise für Aufständische hielt, waren auch Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Die Todesschützen und ihre Kommandeure wurden strafrechtlich nie belangt.

Manning, vor ihrer Geschlechtsumwandlung damals noch ein Mann mit dem Vornamen Bradley, war für das US-Militär als Geheimdienst-Analyst im Irak stationiert. Um die Öffentlichkeit über die Kriegsgräuel zu informieren, machte er die internen Video und andere Militärdokumente Wikileaks zugänglich. 2010 kam Manning in Untersuchungshaft. Drei Jahre später wurde er von einem Militärgericht zu 35 Jahren Haft wegen Spionage verurteilt. In seiner letzten Amtsphase ordnete der damalige Präsident Barack Obama die vorzeitige Freilassung für Mai 2017 an. Begründung: Chelsea Manning habe Verantwortung für ihre Taten übernommen, Reue gezeigt und sieben Jahre unter härtesten Bedingungen (Einzelhaft, Schikanierungen wg. ihres Transgender-Status) im reinen Männer-Gefängnis Fort Leavenworth hinter Gittern gesessen.