US-Vorwahlen

TV-Debatte: Jeder gegen Jeden – und alle gegen Bloomberg

US-Demokrat Michael Bloomberg kann der Kritik seiner Konkurrenten um die Kandidatur für die US-Präsidentschaftswahl bei der TV-Debatte nicht kontern.

US-Demokrat Michael Bloomberg kann der Kritik seiner Konkurrenten um die Kandidatur für die US-Präsidentschaftswahl bei der TV-Debatte nicht kontern.

Foto: Mario Tama / AFP

Bei der TV-Debatte der demokratischen Kandidaten in Las Vegas kriegt Bloomberg es von allen Seiten.

Washington/Las Vegas. „What happens in Vegas, stays in Vegas“ sagt, wer in der Zockerstadt in der Wüste über die Stränge schlägt; zu Hause erfährt ja zum Glück niemand davon.

Dieser Marketing-Spruch, mit dem Nevadas Glücksspiel-Metropole Las Vegas seit Jahr und Tag wirbt, kann auf die neunte und bisher extremste Fernseh-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten/-innen in Amerika keine Anwendung finden. Die Veranstaltung wird noch länger in Erinnerung bleiben. Landesweit.

Zu heftig geriet das zweistündige Hauen und Stechen, das vitriolhaltige Jede(r) gegen Jede(n) kurz vor der dritten Vorwahl, die am Wochenende in Nevada stattfindet. Für die über weite Strecken hitzige, zum ersten Mal auch vor persönlichen Animositäten nicht freien Debatte war indirekt ein Debütant verantwortlich.

TV-Duell: Bloomberg wird von seinen Konkurrenten in die Mangel genommen

Dieser hatte sich zum Leidwesen der teilweise seit 13 Monaten wahlkämpfenden anderen Bewerber erst in den vergangenen zwölf Wochen mit viel Werbe-Geld (400 Millionen Dollar) über die Außenbahn ins Rampenlicht geschoben hat: Michael Bloomberg, Multimilliardär, Ex-Bürgermeister der amerikanischsten aller amerikanischen Metropolen (New York), steigt offiziell erst am 3. März in den Vorwahl-Reigen ein.

Er hat sich aber inzwischen in nationalen Umfragen bereits an die zweite beziehungsweise dritte Stelle geschoben – hinter dem momentan favorisierten Bernie Sanders, der Leitfigur des linken Flügels der Demokraten, und Alt-Vizepräsident Joe Biden.

Die demokratischen Mitbewerber attackieren Bloomberg

Erwartungsgemäß zog Bloomberg, dem im Kern vorgeworfen wird, sich die Kandidatur „kaufen“ zu wollen, die meisten Pfeile auf sich. Und viele saßen. Bloomberg, 78 Jahre alt wie sein politischer Antipode Sanders, mit dem er auch die Eigenschaft teilt, zwei Stents gegen Herzbeschwerden zu besitzen, war zum letzten Mal als Bürgermeister New Yorks 2009 auf einer Debatten-Bühne. Er konnte den Eindruck des Eingerostetseins nicht wirklich zerstreuen.

Mal spröde und distanziert, mal sarkastisch spitz versuchte der 60-fache Milliardär die im Sekundentakt auf ihn niedergehenden Attacken zu parieren. Und sah dabei nicht immer vorteilhaft aus. Gelang ihm noch die unter seiner Führung in New York geduldete Polizeistrategie des Schwarze und Latinos diskriminierenden „Stop and Frisk”-Verfahrens (Anhalten und Filzen) noch mit einer breiten Entschuldigung abzufedern (“ich bitte um Vergebung”), ging Bloomberg beim Thema Frauenfeindlichkeit fast unter.

Elizabeth Warren wirft Bloomberg frauenfeindliches Verhalten vor

Senatorin Elizabeth Warren, die in Umfragen fast abgeschlagen ist und mit dem Mut der Verzweiflung agitierte, hielt Bloomberg vor, Frauen „fette Tussis” und „pferdegesichtige Lesben” genannt zu haben. Bloomberg, noch schmallippiger als sonst in diesem Moment, dementierte nicht. Dazu gebe es etliche Verfahren, die frauenfeindliches Verhalten am Arbeitsplatz des von Bloomberg gegründeten Finanzinformationsdienstleisters beträfen, sagte die Senatorin.

Ihre Botschaft: Mit so einer Vita gegen Donald Trump anzutreten, sei zum Scheitern verurteilt. Sie forderte im Verein mit allen anderen Kandidaten – Joe Biden, Bernie Sanders, Amy Klobuchar und Pete Buttigieg – Bloomberg auf, die betroffenen Frauen aus ihren Geheimhaltungsabkommen (Non-Disclosure Agreements/NDA) zu entlassen, damit Transparenz hergestellt werden könne.

Bloomberg machte hier eine schlechte Figur, eierte herum, zog sich auf Formalien zurück und klassierte sogar Buhrufe aus dem Publikum; ein gefundenes Fressen für Amtsinhaber Trump.

Bloomberg grenzt sich von Sanders ab

Ähnlich schwach fiel sein Konter auf den Vorhalt aus, er lege seine finanziellen Verhältnisse – ähnlich wie Trump – nicht wirklich offen. Warum sollten wir „einen arroganten Milliardär durch einen anderen ersetzen”, fragte Warren rhetorisch. Bloomberg versucht sich mit dem Hinweis zu retten, dass er seinen Reichtum nicht geerbt, sondern als Geschäftsmann redlich verdient habe. „Nun gebe ich es aus, um Donald Trump loszuwerden, den schlimmsten Präsidenten, den wir jemals hatten.”

In seinen offensiven Momenten kanzelte Bloomberg vor allem Sanders ab. Mit dem selbsternannten Sozialisten als Kandidat sei garantiert, dass Trump eine zweite Amtszeit bekomme, sagte er. Man könne nicht 160 Millionen Amerikanern ihre Krankenversicherung nehmen zugunsten eines unfinanzierbaren Modells („medicare for all“), sagte Bloomberg, und dann erwarten, dass die Wähler mitziehen. Er selbst sei im Gegensatz zu allen anderen Bewerbern kampferprobt als Unternehmer und Bürgermeister, um Trump wirklich zu schlagen.

An dieser Selbsteinschätzung wurden unmittelbar nach Ende der Debatte erste Zweifel angemeldet. Bloomberg habe „nicht souverän und unverwundbar” gewirkt, sagten Beobachter der „New York Times“. Für viele TV-Zuschauer, die ihn zum ersten Mal im direkten Kontakt mit der Konkurrenz erlebt haben, habe Bloomberg keine „bezwingende Darstellung” geboten.

Für Analysten geht Bernie Sanders als Sieger hervor

Weil sich die übrigen Kandidatinnen fast ausnahmslos gegenseitig piesackten – vor allem Buttigieg, Biden und Klobuchar – ging für einige Analysten der Umfragen-Primus Bernie Sanders als gefühlter Siege r aus der Debatte hervor. Alle Versuche, die programmatisch radikalen Vorschläge des Senators aus Vermont als falsch und strukturell nicht mehrheitsfähig zu deklarieren, ließ Sanders mit dem Verweis auf die Umfragen an sich abperlen. Sie weisen für ihn einen teilweise zweistelligen Vorsprung vor den Verfolgern aus.

Offen ist, wie sich die giftige Debatte in Las Vegas, vor allem die klar zur Schau gestellte Unversöhnlichkeit der Kandidaten, auf das Wählerverhalten in Nevada, South Carolina und danach am 3. März auf einen Schlag in 14 Bundesstaaten auswirken wird. Es ist der Eindruck entstanden, die zerstrittenen Demokraten zerlegten sich selbst. „What happens in Vegas, stays in Vegas”, diese Weisheit kann man nach diesem Abend getrost vergessen.

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