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Flüchtlingslager Lesbos: Kinder im Dreck und Mütter in Angst

Flüchtlinge auf Lesbos: So unmenschlich ist das Flüchtlingslager Moria

In Deutschland ist wenig von der Flüchtlingskrise zu spüren. Auf der griechischen Insel Lesbos herrscht seit vier Jahren Ausnahmezustand. Afghanen und Syrer leben im Dreck. Funke-Reporter Christian Unger hat sich die dramatische Lage angeschaut.

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Die Situation auf der bekannten Urlaubsinsel Lesbos ist dramatisch. 18.000 Flüchtlinge harren in einem Lager aus – der Winter naht.

Mytilini/Lesbos. Das Leben von Abbas passt auf eine Tischtennisplatte. Auf dem Boden liegt eine Decke, Leopardenmuster, in der Ecke liegen Pullover, Kissen, eine Plastiktüte mit seinen Papieren, daneben rosa Sandalen mit einem Einhorn. In Kisten lagern Tomaten und Brot, auch Gaskocher, Kanne und Becher. Auf der Decke schläft Abbas, 10 Jahre alt, jetzt, wenn es dunkel und kalt wird im Winter auf Lesbos.

Abbas ist nicht allein. Bei ihm sind seine Eltern, seine zwei kleinen Geschwister, seine große Schwester Shabnum und die Großmutter, 70 Jahre alt. Die Familie aus Afghanistan hat an einem Baum eine Plane festgeschnürt. Sie soll das Zelt schützen, wenn der Regen auf das Dach prasselt. Wenn der Wind von der Küste die Hügel hochbläst.

Flüchtlinge auf Lesbos: „Die Kinder haben geschrien, die Erwachsenen gebetet“

Auf der Plane ist eine Fahne der Europäischen Union gedruckt, goldene Sterne auf blauem Grund. Europa schenkt Planen. In Europa leben Abbas und seine Familie im Dreck, Sand und Schlamm.

Vor gut einem Monat schlichen sich Abbas, seine Geschwister, die Eltern und 40 andere Menschen durch das Dickicht zum Wasser, es war nachts. „Neun Meter war das Boot lang“, sagt Abbas. Seine Rettungsweste habe er über Bord werfen müssen, weil es so eng war.

„Die Kinder haben geschrien, die Erwachsenen gebetet“, erzählt Abbas. Die Flucht über das Mittelmeer, die neun Kilometer von der türkischen Küste bis zur griechischen Insel, neun Kilometer zwischen Leben und Tod.

In Afghanistan besuchte Abbas die Schule, auf Lesbos lebt er im Zelt

In Afghanistan besuchte Abbas drei Jahre lang die Schule. Aber er spricht schon so gut Englisch wie nur wenige der vielen Afghanen hier auf Lesbos. „Wir haben immer Filme auf Englisch geschaut“, sagt er. Abbas ist noch ein Kind, aber er hat sich erwachsen angezogen, ein Hemd unter dem roten Pullover, eine schwarze Stoffhose, die Haare glatt zur Seite gekämmt.

Und auch sein Leben im Lager schmückt er wie ein Erwachsener mit großen Worten. „Wir haben Frieden hier“, sagt er. „Und wir haben weiter Hoffnung auf eine Zukunft.“ Er schiebt mit seinen Sätzen auch die Tausenden Zelte, die Müllhaufen und Container, den Stacheldraht und die Zäune um ihn herum ein Stück beiseite. Abbas sagt, er möchte Wissenschaftler werden.

Am Morgen als Abbas von seinen Träumen erzählt, landen sieben neue Schlauchboote im Norden von Lesbos. Fast alles Afghanen, so werden es die Helfer vor Ort am Strand später berichten. Viele Kinder, viele Familien. 750 Menschen sind nach Angaben der Organisation „Lighthouse Relief“ in den ersten zehn Dezembertagen auf der Insel angekommen.

Regierung warnt vor drastischem Anstieg der Flüchtlingszahlen

Und auch die griechische Regierung ist in Alarmstimmung angesichts der wachsenden Zahlen von Flüchtlingen auf den Inseln. „Alleine in den vergangenen sechs Monaten kamen 45.000 neue Migranten“, sagt Manos Logothetis von der Regierung im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das heißt, wir rechnen mit 100.000 neu Ankommenden 2020.“

Logothetis hat selbst viele Jahre als Arzt Flüchtlinge auf den Inseln betreut, jetzt ist er Beauftragter für die Aufnahme von Migranten bei der Regierung in Athen. „Aus unserer Sicht ist die Krise noch massiver als 2015. Denn die Flüchtlinge ziehen nicht mehr weiter in Richtung anderer EU-Staaten. Sie bleiben auf den Inseln.”

2015 war das Jahr, als Europas Kontrollverlust ein Epizentrum hatte. Lesbos. An manchen Tagen im Herbst kamen 10.000 Menschen in Schlauchbooten aus der Türkei, die Promenade der größten Stadt der Insel war voll mit bunten Zelten. Und das Flüchtlingslager der Insel, im kleinen Ort Moria, wuchs.

Platz für 3000 – und fast 18.000 Menschen harren im Lager Moria aus

Vier Jahre sind seitdem vergangen. Das Lager in Moria, einst ein Gefängnis, wurde für gut 3000 Geflüchtete eingerichtet, Container und Zelte hinter Stacheldraht. Heute leben in und um das Lager fast 18.000 Menschen. Das Zeltlager ist gewandert, von der Promenade auf die Hügel der Insel. Die Menschen bleiben Monate hier, bis sie ans Festland gebracht werden. Andere müssen bleiben. Der Sand von Moria ist Endstation ihrer Flucht. Vorerst.

Wer mit Kommunalpolitikern der Insel spricht, mit Flüchtlingsorganisationen, mit deutschen Innenpolitikern oder den Menschen im Lager selbst, der hört drei Thesen, warum Europa Menschen im Sand und Schlamm zelten lässt.

  • Erstens: Die griechischen Behörden schaffen es nicht, Ordnung in ihr Asylsystem zu bringen. Trotz der vielen Millionen Euro Hilfe von der EU.
  • Zweitens: Die Lage für die griechischen Grenzschützer ist so schwierig wie nirgends sonst in Europa, denn der Seeweg zur Türkei ist kurz und ein Meer kaum so abzuschotten wie eine Landesgrenze.
  • Drittens: Das Lager Moria mit all den Bildern der Not und Verzweiflung, die um die Welt gehen, ist eine Mahnung der Europäer an die Flüchtlinge in der Türkei: Kommt nicht!

Egal, welcher These man folgt. Vier Jahre lang steht das Camp Moria vor allem für eines: ein Scheitern einer gemeinsamen europäischen Asylpolitik.

Ali ist trotzdem gekommen. Er steht neben dem großen Zelt, in dem gerade einige junge Männer stehen und knien. Mittagsgebet. Das Flüchtlingshilfswerk hat eine kleine Moschee aus Planen errichtet.

Ali ist aus Somalia geflohen. In der Hand hält er einen Ausweis, sein Name steht dort, Alter, Herkunft. Und ein Datum: 2. Juli 2020. An dem Tag hat Ali sein Interview mit den griechischen Beamten in dem Lager, in dem über seinen Antrag auf Asyl entschieden werden soll.

Das System Moria

So ist das System „Moria“: Wer an der Küste im Schlauchboot anlandet, bekommt Decken, heißen Tee, einen Platz zum Schlafen, organisiert von Hilfsgruppen vor Ort, vielfach stopfen Ehrenamtliche aus aller Welt die Lücken, die der Staat hinterlässt. Busse der Polizei fahren die Menschen dann ins Lager. Dort helfen EU-Beamte den griechischen Behörden, sie registrieren die Flüchtlinge, nehmen Fingerabdrücke – und teilen sie ein. Zu jedem Ausweis drücken die Beamten einen Stempel in die Dokumente. Entweder blau, schwarz oder rot.

Wer „blau“ hat, soll schnell aufs Festland kommen. Abbas und seine Familie, zum Beispiel. Schon im Januar werden sie interviewt. „Rot“ heißt: Festland ja, aber nicht sofort. So wie Ali. Ein Mann aus Nigeria, den alle hier nur „Starboy“ nennen, hat einen roten Stempel. Er muss bleiben. „Starboy“ lebt seit 2016 auf Lesbos. Er bekommt kein Asyl. Er wird auch nicht abgeschoben. Er lebt wie ein Gestrandeter.

Viele Flüchtlinge richten sich für längere Zeit auf Lesbos ein

Und so richten sich viele Flüchtlinge, die kommen, für einen langen Winter auf Lesbos ein. Sie schaufeln Ebenen in die Hügel, legen Holzpaletten als Fundament aus, nageln ein Gerüst aus Latten für ihre vier Wände aus Stoff. Manche haben Buden gebaut, verkaufen Schuhe oder Obst und Gemüse. Ein Mann aus Afghanistan nagelt gerade einen Friseursalon. Eine Gruppe junger Männer hat sich aus Steinen und Eisenstangen Hanteln gebastelt. Zum Workout läuft arabische Musik aus einem kleinen Lautsprecher.

Viele Jahre wuchs das Chaos im Camp. Trotz einer linken Regierung in Athen war die humanitäre Lage desolat. Selbst Flüchtlingshelfer sagen jetzt, die neue Regierung präsentiere immerhin einen Plan. Dass er funktioniere, glauben sie nicht.

Seit Sommer führen die Konservativen die Geschäfte des Landes. Die Regierung kündigte viel an: Mehrere Tausend Menschen sollen von den Inseln ans Festland gebracht werden, alte Lager sollen geschlossen, neue gebaut werden. Migrationsbeauftragter Manos Logothetis sagt, die Regierung habe 200 neue Asylentscheider eingestellt und wolle 270 weitere Stellen aufbauen. Doch: Auch auf dem Festland fehlen Unterkünfte für die Menschen, viele Flüchtlinge leben auch dort in überfüllten Camps – manche sogar auf der Straße.

Griechenland schiebt kaum Geflüchtete in die Türkei ab

Und auch den griechischen Teil des Abkommens mit der Türkei will die Regierung künftig erfüllen. „Wir planen, dass wir im kommenden Jahr 10.000 Migranten von den Inseln in die Türkei abschieben“, sagt Logothetis. Denn so ist der Deal, den die EU 2016 ausgehandelt hatte: Europa nimmt für jeden abgeschobenen Flüchtling einen Syrer aus der Türkei auf.

Der Haken: Bisher hat die griechische Polizei kaum abgeschoben, weniger als 2000 in fast vier Jahren. Und der türkische Präsident droht damit, die Menschen wieder unkontrolliert in die Boote zu lassen, wenn Europa sich in seine Politik einmische. Das europäische Asylsystem ist eingeklemmt zwischen einem Autokraten und einem humpelnden EU-Staat, der noch eine Schuldenkrise zu bewältigen hat.

Die Menschen, die seit vier Jahren die Asylkrise vor ihrer Haustür erleben, hätten nun genug. Das jedenfalls sagt Tasos Balis. Er sitzt in einem Restaurant im Hafen von Mytilini, der Hauptstadt von Lesbos. Gerade kommt er aus der Sitzung der Kommunalregierung. Balis ist der Berater des Bürgermeisters der Stadt, in der jetzt 30.000 Menschen leben. Und 20.000 Flüchtlinge.

„Riesige Ungerechtigkeit“ für die Menschen auf Lesbos

Balis hält es für eine „riesige Ungerechtigkeit“, dass die Menschen auf Lesbos die ganze Last der europäischen Asylkrise tragen müssten. „Unsere Menschen brauchen Hilfe.“ Die Kosten für Strom seien gestiegen, die Müllabfuhr müsse doppelte Arbeit leisten. All das zahle die Gemeinde. Das Geld der EU aber fließe an die nationale Regierung.

Am Tag, nachdem mehrere Boote aus der Türkei angelandet sind, steht auch Kostas Kalabakas auf der Landstraße zwischen kleinen Orten, Hügeln und weidenden Schafen. Kalabakas trägt wie die anderen gut ein Dutzend Männer eine neongelbe Weste. Auf der Straße parken Lastwagen. Nur eine kleine Spur in der Mitte der Fahrbahn ist frei. Kalabakas und die Männer streiken.

Und genau hier, im hügeligen Niemandsland der Insel, solle nach Plänen der Regierung das neue Flüchtlingslager gebaut werden. „Mitten im Wald, da gibt es bisher keinen Strom, kein Wasser“, sagt Kalabakas. Wie er fürchten viele, dass ein neues Lager nur bedeutet, dass die Afghanen und Syrer noch viele Jahre länger auf der Insel ausharren müssen. Auch wenn sie dann im Inneren der Inseln verschwunden und nicht mehr nahe der Hauptstadt untergebracht sind.

Grenzschutzagentur der EU patrouilliert vor Küste Griechenlands

In einer halben Stunde soll hier der Bus vorbeirauschen mit neuen Flüchtlingen von der Küste. Obwohl das Wetter in der Nacht rau war, griffen die Seenotretter ein Schlauchboot im Meer auf. Um 2.24 Uhr verschickte Micol de Brabant eine Nachricht. „Der Motor läuft nicht.“ Die Helferin der Gruppe „Refugee Rescue“ war da bereits auf See, nah an dem Boot mit knapp 50 Flüchtlingen.

Kurz danach kamen auch die Schiffe der EU-Grenzschutzagentur Frontex, die hier in der Meeresenge zwischen Griechenland und der Türkei patrouillieren. Um 3.44 Uhr waren alle Menschen sicher an Bord der Schiffe.

Es ist eine neue Gruppe Afghanen, die nun ihr Zelt irgendwo auf den Hügeln von Moria aufschlagen wird. Dort, wo es nach Angaben von Hilfsorganisationen derzeit vier Lagerärzte gibt – für fast 18.000 Menschen. Erst vor einigen Wochen sei ein Baby gestorben, weil es nicht genug getrunken hatte. Die Mutter, so die Berichte, habe in der Nacht versucht, einen Arzt zur Hilfe zu holen. Doch die Helfer kamen zu spät.

Dort, wo Kinder nachts wieder Bettnässen und am Tag nur wenig reden und spielen. „Ein Zeichen von Traumatisierung“, sagt Dora Vangi von „Ärzte ohne Grenzen“. Wo Frauen Angst haben, ihre Kinder alleine zu lassen und im Dunkeln zu den Dixi-Klos zu laufen.

Dort, wo Abbas und seine Familie aus Afghanistan schon seit einem Monat zu siebt in einem Zelt leben. Seine Schwester Shabnum, 11 Jahre alt, hockt auf der Decke mit dem Leopardenmuster. Sie blättert durch einen Papierblock. „Das habe ich gemalt“, sagt sie. Ein Mädchen mit hellen Haaren und roten Lippen. Im Haar Sonnenblumen, auf der Schulter grüne Blätter. „Ich mag Bilder mit vielen Farben“, sagt sie. „Farbenfroh wie meine Träume.“

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