ARD-Talk

Maischberger: Kevin Kühnert hat kein Mitleid mit Olaf Scholz

Bei Maischberger ging es vor allem um die SPD.

Bei Maischberger ging es vor allem um die SPD.

Foto: Horst Galuschka / dpa

Verlässt die SPD jetzt die große Koalition? Juso-Chef Kevin Kühnert fand bei Maischberger schon spannende Gleichnisse für diese Frage.

Berlin. Die Bilder spielten eine große Rolle an diesem Abend. Die Fotomontage an der Wand des Maischberger-Studios zeigte einen überdimensionalen Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert, der sich lässig über ein SPD-Logo beugt und die designierten Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans an Marionettenfäden spazieren führt.

Die politische Kommentatorenrunde, bestehend aus den Journalisten Susan Link, Peter Hahne und Markus Feldenkirchen, war sich anfangs einig: Kühnert sei der strahlende Gewinner der Woche – obwohl zuvor auch kurz so gewichtige und personalstarke Themen wie die Madrider Klimakonferenz oder der Londoner Nato-Gipfel angesprochen worden waren.

Maischberger – Das waren die Gäste:

  • Thomas Gottschalk (Entertainer)
  • Kevin Kühnert, SPD (Juso-Vorsitzender)
  • Susan Link (ARD-Moderatorin)
  • Peter Hahne (TV-Moderator und Buchautor)
  • Markus Feldenkirchen (“Spiegel“-Autor)

Und so kann man es ja vielleicht auch sehen: Der SPD-Parteitag wird zwei Personen an die Spitze wählen, für die der Koalitionsbruch eine ernstzunehmende Option ist. Wie auch für Kühnert.

Kühnert als der große Strippenzieher

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Sandra Maischberger zu Beginn des Einzelgesprächs mit Kühnert, „dass Sie eine SPD-Spitze mal einfach so durchs Ziel gebracht haben. Sind Sie stolz darauf?“ – „Nein“, erwiderte Kühnert, „das habe ich nämlich nicht alleine geschafft, sondern 120.000 Mitglieder.“

Das an die Wand geworfene Bild von ihm als Strippenzieher möge ja ganz nett aussehen, sagte Kühnert, es habe aber mit den politischen Prozessen nicht viel zu tun. Die Moderatorin versuchte es anders: Ob ihm der öffentlich abgestrafte Parteikollege, Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz denn leid tue?

Nein, sagte Kühnert, das sei keine politische Kategorie. Aber eine menschliche, sagte Maischberger. Kühnert antwortete nicht direkt darauf. Stattdessen wählte er das nächste Bild.

SPD – Eine Partei im Relegationsspiel

Kühnert, der einmal Sportreporter werden wollte, befand, die Partei sei jetzt gewissermaßen in einem Relegationsspiel. Es geht also um Auf- oder Abstieg. Er wisse dabei allerdings selbst nicht genau, ob es sich um das Hin- oder das Rückspiel handele.

Gewiss aber sei, dass anstelle von Olaf Scholz und Klara Geywitz nun ein anderes Duo mit der Kapitänsbinde ausgestattet werde. Man müsse aber deshalb noch lange nicht jemanden vom Platz stellen. Die anderen könnten ja weiter mitspielen.

Juso-Chef Kühnert kandidiert als SPD-Vize
Juso-Chef Kühnert kandidiert als SPD-Vize

Wer sich ins Gestrüpp der Metaphern begibt, strauchelt darin schnell, so griffig das eine oder andere Bild auch erscheinen mag. Dabei geht es doch jetzt um Fragen, die das ganze Land betreffen und deshalb klar verhandelt werden müssen: Geht es zu Ende mit der Großen Koalition oder nicht?

Am gleichen Tag hatte Kühnert auf Twitter per Video richtiggestellt, was nach seiner Ansicht in der Agenturfassung eines Interviews mit der „Rheinischen Post“ falsch dargestellt worden war: Nein, er sei nicht von seiner kritischen Haltung gegenüber der GroKo abgewichen. Er habe dem am Freitag bevorstehenden Parteitag nur verdeutlichen wollen, dass Entscheidungen Konsequenzen haben und man sie deshalb durchdenken müsse.

Muss die SPD nun die Notbremse ziehen?

Wie man es auch dreht und wendet: Ein kleines Hintertürchen, auf dem Weg der Nachverhandlungen des Koalitionsvertrages, etwa in Sachen Mindestlohn oder Klimapolitik, dem Regierungsverbleib doch zähneknirschend zuzustimmen, schien sich für Kühnert hier dann doch offen halten zu wollen. Dafür sprach auch das nächste Bild, das er wählte. Nach dem Ballsport war nun das Verkehrswesen dran.

Es sei wie auf einem Bahnhof, erläuterte der Juso-Vorsitzende. Man stelle sich vor, es sei überfüllt am Gleis, man steige versehentlich in den falschen Zug und stelle das erst nach dessen Abfahrt fest. Ziehe man nun die Notbremse? Dann müsse man darauf vorbereitet sein, auf offener Strecke auszusteigen und durch die Pampa zu laufen. Man könne auch versuchen, den Zug in eine andere Richtung zu lenken.

Das klang nun nicht gerade nach einem flammenden Plädoyer für den Ausstieg aus der Regierungskoalition. Es klang eher nach einer Warnung vor den Folgen. Kühnert vermied vor dem Parteitag jede weitere Festlegung und beklagte sich lieber über den Versuch der Union, den gerade errungenen Rentenkompromiss aus taktischen Gründen „in Geiselhaft“ zu nehmen.

Die SPD im Herbst ihrer Geschichte

Sahen wir also „eine Entzauberung“ des Juso-Vorsitzenden, die Peter Hahne an diesem Abend beobachtet haben wollte? Die war es sicher nicht, aber es zeigte sich doch deutlich das Taktieren mit verschiedenen Optionen.

Markus Feldenkirchen verwies zurecht darauf, dass sich auch Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans auf den Regionalkonferenzen immer die Option offen gelassen hatten, den Koalitionsvertrag neu auszuhandeln, statt die Regierungsbank gleich ganz zu verlassen.

Man wird also auf den Parteitag warten müssen. Ablenkung bot am Ende der Sendung Thomas Gottschalk mit ehrlichen Auskünften über die Zumutungen des Älterwerdens. Ein hintersinniger Themenwechsel nach einem Gespräch über Deutschlands älteste Partei.

Maischberger – Mehr zum Politik-Talk:

In der letzten Maischberger-Sendung Ende November sorgte ein Politikwissenschaftler für Aufregung, als ihm die Fragen an AfD-Chef Jörg Meuthen nicht weit genug gingen und er kurzerhand die Moderation übernahm. Bernd Lucke hat die Partei zwar gegründet, ist aber bereits ausgetreten. Der frühere Parteichef musste sich in einer Maischberger-Sendung Ende Oktober jedoch unangenehme Fragen stellen lassen.

Längst nicht der einzige Aufreger: Anfang November hatte Dirk Roßmann bei seinem Auftritt in dem ARD-Talk angekündigt, Zehntausende Bücher zu verschenken – für den Klimaschutz.