Rechtsextremismus

Anschlag von Halle: So einfach kommen Neonazis an Waffen

Wie eine Augenzeugin den Anschlag in der Synagoge erlebte
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Der Attentäter von Halle, Stephan B., bastelte seine Waffen wohl selbst. Experten zeigen sich besorgt über Anleitungen im Internet.

Berlin . Als Stephan B. am Mittwochmittag schon zwei Menschen getötet hat und auf der Straße in Richtung Polizeiwagen feuert, zuckt sein Körper zurück. Der Rückstoß seiner Schrotflinte drückt auf die Schultern. Qualm steigt auf, ein Hall schallt durch die Hauptstraße von Halle.

Die Waffe bezeichnet Stephan B. in seinem zuvor im Internet veröffentlichten „Tatplan“ als „12 gauge Slam-Bang shotgun“. Sie besteht aus zwei Metallrohren, ein langes, ein kurzes, ein Schlagbolzen. An einem Rohr ist ein Holzschaft befestigt, an dem anderen ein Patronenhalter. Bisher geht die Generalstaatsanwaltschaft davon aus, dass Stephan B. die Waffe selbst gebaut hat. In seinem „Tatplan“ schreibt B. auf Englisch: „Absurd verlässlich und einfach zu benutzen, auch unter großem Stress.“

Für die Tat hatte sich Stephan B. ein Auto gemietet, in Taschen und Kisten auf dem Beifahrersitz und der Rückbank verstaute er Waffen, Munition und Sprengsätze, darunter zwei Schnellfeuerwaffen, die Schrotflinte, eine Pistole, ein Gewehr. Für seinen Anschlag auf die Synagoge parkte der mutmaßliche Täter ein ganzes Arsenal an Waffen in seinem Wagen.

Anschlag von Halle: Stephan B. hat Tat wohl alleine ausgeführt

Stephan B. gilt für die Ermittler derzeit noch als Einzeltäter. Ob er Mitwisser hatte oder gar Helfer, müssen die Auswertungen der Sicherheitsbehörden zeigen. Klar ist: Zahlreiche Rechtsextremisten horten Waffen und Munition, die Wege der Beschaffung sind weit verzweigt, das Reservoir gigantisch. Eine ganze Szene ist militarisiert.

Ende 2018 entdeckten Spezialkräfte bei einer Razzia in Bayern 20 Pistolen und Gewehre, eine Armbrust und mehr als 300 Schuss Munition bei einem Rechten. Bei einer Hausdurchsuchung bei der Neonazi-Gruppe „Aryans“ im Januar stellte die Polizei mehrere Pistolen und Schwarzpulver sicher.

Im Juni durchsuchen Polizisten 14 Gebäude in Mecklenburg-Vorpommern. Sie finden: 10.000 Schuss Munition. Es ist das Verfahren gegen die Gruppe „Nordkreuz“. Die Bundesanwaltschaft wirft den mutmaßlichen Rechtsterroristen vor, Anschläge geplant zu haben.

Stephan E., der mutmaßliche Mörder des CDU-Politikers Walter Lübcke, soll auf dem Gelände seiner Firma bei Kassel ein Waffenversteck angelegt haben, insgesamt 46 Waffen, darunter eine Maschinenpistole und eine Pumpgun.

Der Rechtsterrorist im neuseeländischen Christchurch, der im März Dutzende Muslime in zwei Moscheen erschoss, hatte seine Schnellfeuerwaffe und Pumpgun mit den Namen früherer Rechtsterroristen wie dem Norweger Anders Breivik beschriftet.

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Attentäter besorgen sich Waffen im Darknet und Teile auf dem Trödelmarkt

Lange Zeit galt: Wer Neonazi ist und eine Waffe sucht, braucht Kontakte. Doch Kontakte zu illegalen Waffenhändlern sind nur ein Weg. Oftmals pflegen Neonazis Verbindungen zu Rockergruppen oder gleichgesinnten Türstehern und dubiosen Sicherheitsfirmen. Auch hier kursieren Waffen.

Doch die Attentate der vergangenen Jahre zeigen, wie wenig ein Gewaltbereiter Kontakte in Rocker-Milieus oder zu illegalen Waffenhändlern haben muss. Sie bestellen Anleitungen und Material aus verschlüsselten Darknet-Shops – oder brauchen nur zum nahe gelegenen Trödelmarkt zu gehen, um Bauteile wie Metallrohre einzukaufen.

Der rassistisch motivierte Attentäter von München, David S., hatte seine Pistole, eine Glock 17, auf der Plattform „Deutschland im Deep Web“ gekauft. 4350 Euro zahlte er für Waffe und 100 Schuss Munition. Die Chats sind verschlüsselt, Käufer und Verkäufer nutzen Pseudonyme, bezahlt wird mit der Krypto-Währung Bitcoin, um reguläre Kontoverbindungen zu vermeiden.

Europa ist der größte Markt für Darknet-Waffenhandel

60 Prozent aller Waffen im Darknet kommen aus den USA. Das ergab eine Untersuchung des Analysezentrums RAND. Allerdings: Europa ist der größte Markt für diese illegalen Waffen, der Umsatz ist demnach fünf Mal höher als in den USA.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Berichterstatter seiner Fraktion für Cybersicherheit, Christoph Bernstiel, sagt unserer Redaktion, dass das hohe Maß an Verschlüsselung im Darknet diese „Shops leider sehr attraktiv für Extremisten und Kriminelle“ mache. Polizei und Verfassungsschutz müssten daher mehr Stellen zur Bekämpfung im Cyberraum bekommen.

„Zusätzlich müssen die analogen Befugnisse unserer Ermittlungsbehörden in das digitale Zeitalter überführt werden, um auf Geräte zugreifen zu können, bevor diese die Kommunikation verschlüsseln“, sagt Bernstiel. Die Telefonüberwachung etwa müsse ausgeweitet werden – auch auf den Verfassungsschutz.

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Waffen beim Anschlag in Halle wurden selbst gebaut

Die Experten von RAND heben jedoch auch die Bedeutung von klassischen Ermittlungen durch Polizei und Zoll hervor. Denn irgendwann wird die Waffe verschifft oder abgeholt – auch wenn sie illegal und anonym im Netz bestellt wurde. David S. holte seine Waffe bei dem Händler in Marburg ab. Ein Risiko, das auch Extremisten bei ihrer Tatplanung eingehen.

Allerdings nicht, wenn sie die Waffe selbst bauen. Das zeigt der aktuelle Fall in Halle. Vor einigen Monaten kaufte Stephan B. einen 3D-Drucker. Die Polizei entdeckte das Gerät bei der Durchsuchung der Wohnung, in der B. zuletzt gemeinsam mit seiner Mutter gelebt hatte.

In dem Pamphlet zu seiner Tat führt B. alle Waffen auf. Darunter auch eine Schnellfeuerwaffe „Plastic Luty“. Der Lauf ist aus Metall, aber der Griff und die Magazine aus Polylactide, ein Kunststoff, der auch häufig in Einweggeschirr oder Lebensmittelverpackungen verarbeitet ist. Stephan B. nutzte eine Software und den 3D-Drucker und baute mit Polyactide Teile seiner Waffe.

Vorbild für Stephan B. war wohl Philip A. Luty

„Luty“ ist kein zufälliger Name. Philip A. Luty war ein englischer Waffenbauer, der 2011 starb. Ende der 1990er kam er in Haft, weil er Anleitungen für Waffen verfasste, die jeder mit Werkzeug, Metall, Schrauben, Federn und einfachem Handwerk zuhause selbst bauen kann. Waffennarren brauchen keine Rüstungsfirma – ihnen reicht ein Baumarkt.

Eigentlich wollte Luty damit gegen die britische Regierung und deren „faschistische“ Waffengesetze protestieren. Wer in Deutschland selbst eine Pistole oder ein Gewehr baut, dem droht bis zu fünf Jahren Haft. Längst aber kursieren etliche Anleitungen zum Bau im Netz, erreichbar mit wenigen Klicks.

Die Innenexpertin der Linksfraktion im Bundestag, Martina Renner, warnt: „Der Anschlag von Halle zeigt einmal mehr, wie gefährlich Waffen – selbstgebaute, wie beschaffte – in den Händen von Neonazis sind.“ Besonders beunruhigend sei, dass die Zahl der sichergestellten Waffen 2018 mehr als 60 Prozent höher lag als 2017. „Die rechte Szene muss entwaffnet werden“, fordert Renner.

Stephan B. ruft: „I can’t shoot“

Stephan B. absolvierte die Wehrpflicht bei der Bundeswehr, lernte dort nach Recherchen des „Spiegel“ am Sturmgewehr G36 und der Pistole P8. Über Kontaktleute ist noch nichts bekannt.

Im Video, das der Attentäter von dem Angriff live im Internet übertrug, flucht er immer wieder. Vor allem auf sich selbst. Er scheitert damit, die Tür zum jüdischen Gebetshaus zu öffnen. Seine Schrotflinte schlägt nur ein paar kleine Löcher in die Holztür. Menschen, die er ins Visier nimmt, haben Glück, weil seine selbstgebauten Waffen klemmen. „I can’t shoot“, sagt er. „Ich kann nicht schießen.“

Das einzige von einem Waffenunternehmen hergestellte Gewehr liegt in seinem Mietwagen, eine Smith Carbine. Stephan B. zieht die Waffe nicht.