Kriminalität

So gefährlich sind Tschetschenen-Banden in Deutschland

Auf der Bismarckstraße in Berlin ist 2016 eine Bombe in einem Auto explodiert – ein Tschetschene starb. Der Fall ist noch immer nicht aufgeklärt.

Auf der Bismarckstraße in Berlin ist 2016 eine Bombe in einem Auto explodiert – ein Tschetschene starb. Der Fall ist noch immer nicht aufgeklärt.

Foto: imago stock&people / imago/Olaf Wagner

Acht große Verfahren führte die Polizei 2018 gegen Banden aus dem Nordkaukasus. Gewaltbereitschaft sei besonders hoch.

Berlin. An einem Morgen im März 2016 knallt es laut in der Bismarckstraße in Berlin. Anwohner, so heißt es später, seien „aufgeschreckt“ worden. Die ersten Ermittlungen zeigen: Ein Sprengsatz detonierte in einem Auto, ein silberner VW Passat, Kennzeichen B-CU 8338.

Ein gezielter Mordanschlag, der Fahrer, der zuvor der Polizei selbst durch Gewaltdelikte und Drogenhandel aufgefallen war, starb. Bis heute ist die Tat nicht aufgeklärt. Doch aus Sicht der Ermittler führen die Spuren in die Szene Krimineller aus dem Kaukasus, die in Deutschland agieren.

Im Fokus waren schnell: organisierte tschetschenische Banden.

Organisierte Kriminalität: Acht Verfahren gegen tschetschenisch dominierte Gruppen

Wenn Holger Münch heute an der Seite von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) das Lagebild zur Organisierten Kriminalität vorstellt, wird der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) aller Voraussicht nach vor allem über sogenannte „Clans“ sprechen. Es sind Mitglieder von arabischen und kurdischen Familien, die mit einer Menge an Straftaten auffallen.

Doch erwähnt sind in dem Bericht des BKA auch die Verfahren zur tschetschenisch dominierten Banden, die in Deutschland schwere Delikte begehen. Nach Informationen unserer Redaktion führte die Polizei demnach 2018 insgesamt acht Ermittlungsverfahren gegen kriminelle Tschetschenen-Gruppen. In drei der acht Verfahren gingen die Polizisten auch Verbindungen zu versuchten und vollendeten Tötungsdelikten nach. Die Gruppe der tschetschenischen Straftäter steche laut BKA durch eine „überdurchschnittlich hohe Eskalations- und Gewaltbereitschaft“ hervor.

Schusswechsel in Berlin

Die Gruppe der tschetschenisch-stämmigen Kriminellen gehört für das BKA in die sogenannte russisch-eurasische Organisierte Kriminalität (REOK), also Banden, die in Deutschland agieren und von anderen russischen Staatsbürgern, aber auch von Personen aus Georgien, Armenien oder Litauen dominiert werden.

Immer wieder fallen nach Angaben von Ermittlern vor allem die Straftäter auf, die aus Tschetschenien stammen. Der Bombenanschlag 2016 ist nur ein Fall, in dem die Polizei den Täter in diesem Milieu vermutet.

Die 'Ndrangheta – Italiens mächtigster Mafia-Clan
Die Ndrangheta – Italiens mächtigster Mafia-Clan

In Berlin sollen sich Männer im Mai 2017 einen Schusswechsel in einem Café im Wedding geliefert haben. Die einen ordnete die Polizei einer Gruppe Albaner zu. Die anderen sollen zur „Guerilla Nation Vaynakh“ gehören, eine tschetschenisch geprägte Rockergruppe. Offenbar ging es um Drogengeschäfte.

Schwerpunkt: Wien

Den Fokus in Deutschland sehen Ermittler vor allem Brandenburg und Berlin. Hier haben sich viele Tschetschenen niedergelassen. Aber auch in Norddeutschland und Westfalen tauchen Mitglieder aus kriminellen Gruppen auf. In Europa hat die tschetschenisch geprägte Organisierte Kriminalität einen Schwerpunkt in Österreichs Hauptstadt Wien.

2016 gelang Ermittlern hier erstmals ein Schlag gegen eine Gruppe, die Waffen schmuggelte. Laut der EU-Polizeibehörde habe sich hier ein Netzwerk gezeigt, geprägt von tschetschenisch-stämmigen russischen Staatsbürgern, die Kontakte in den Balkan hatten. Auch Kroaten, ein Serbe und ein Österreicher gehörten demnach zu der Bande.

„Seit einiger Zeit fällt uns auf, dass Tschetschenen vermehrt in Delikten wie Erpressung, aber auch Drogengeschäfte verwickelt sind“, hatte Michael Nagel, Leiter der Auswertung Organisierte Kriminalität (OK) beim BKA, vor einiger Zeit in einem Gespräch mit unserer Redaktion erklärt.

„Guerilla Nation Vaynakh“ im Fokus der Ermittler

Den Kriminalpolizisten fallen einzelne Tschetschenen vermehrt dadurch auf, dass sie das Türsteher- oder Wachdienstgewerbe nutzen, um Schutzgeld zu erpressen oder Drogengeschäfte auszubauen. 2017 posierten rund zwei Dutzend Mitglieder der „Guerilla Nation Vaynakh“ vor dem Brandenburger Tor, auf ihren Rocker-Westen ein Totenkopf. Es sind Gruppen, wie sie die Ermittler aus dem Rocker-Milieu kennen.

In den sozialen Netzwerken tauchten Fotos vom „Team Wolf Germany“ auf, zudem posierten Mitglieder der Gruppe „Regime 95“, verbreitet ist von der Gruppe auch ein Bild mit Schnellfeuerwaffe.

„Uns ist es wichtig, die Strukturen und Netzwerke tschetschenischer Straftäter in Deutschland genauer zu kennen, um auf diese Weise zu wissen, ob und wie wir mit polizeilichen Mitteln verstärkt auf die Kriminalität durch diese Gruppe reagieren müssen.“

Ermittler: „Tschetschenen agieren häufig abgeschottet“

Man wolle „einen tiefen Einblick“ in die Szene bekommen. Doch die versteht sich als geschlossene Gesellschaft. „Tschetschenische kriminelle Gruppen agieren häufig stark abgeschottet, etwa in Clans“, sagt BKA-Ermittler Nagel.

Im Mai berichtete der „Spiegel“ über den Abschlussbericht einer Operation der Sicherheitsbehörden mit dem Codenamen „Borste“. Polizei, Nachrichtendienste, aber auch Zoll und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nahmen demnach mehr als 200 zentrale Mitglieder der tschetschenischen Szene unter die Lupe.

Ergebnis: tschetschenische Banden agieren weitestgehend im Verborgenen, abgeschottet. Oftmals selbst für Verdeckte Ermittler.

Diebstahl und Erpressung

Auch in dem Bericht der Behörden wird laut „Spiegel“ von „überdurchschnittlich hoher Eskalations- und Gewaltbereitschaft“ geschrieben. Vor allem im Drogenhandel, im bandenmäßigen Diebstahl und Erpressung ist die Szene aktiv.

Anders als die sogenannte „arabische Clankriminalität“ laufen die tschetschenischen Gruppen häufig unter dem Radar der Öffentlichkeit. Auch in den Sicherheitsbehörden spielen die Kriminellen aus dem Nordkaukasus nicht die Bedeutung wie arabische Banden – allein aufgrund der deutlich geringeren Anzahl der Delikte.

Dennoch zeichnet sich ab: Die Sicherheitsbehörden legen den Fokus zunehmend auf die Gruppierungen. Ende 2018 trafen sich Staatsanwälte, Polizisten und Kriminalbeamte in Bremen, die Tagung war geheim. Sie berieten, wie die Behörden die Szene besser bekämpfen kann.

Gewalterfahrungen in der Heimat

Wie groß die Täter-Klientel ist, lässt sich schwer abschätzen. In der Kriminalstatistik werden Tschetschenen, wie andere Gruppen aus der Region, nicht gesondert ausgewertet. Dort wird nur die Staatsbürgerschaft von Verdächtigen erfasst – im Falle der autonomen Nordkaukasus-Republik eben die russische.

Die Sicherheitslage im Kaukasus hat sich nach Ende der Tschetschenien-Kriege verbessert – dennoch ist das Leben dort für viele gefährlich. Mehrfach kam es zu Angriffen durch Islamisten und Vergeltungsschlägen des Militärs. Menschenrechtler beklagen zudem die Lage von Homosexuellen. Mehrfach kam es laut Medienberichten zu Tötungen.

„Fürsorglich und familienbewusst“

Für den Kaukasus-Experten Ekkehard Maaß ist das Bild des „brutalen Tschetschenen“ ein Zerrbild der Wirklichkeit. Als Leiter der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft sagt Maaß: „Tschetschenen sind sozialer, fürsorglicher und familienbewusster als viele Deutsche.“

Die nach Deutschland eingewanderten Tschetschenen seien aus ihrer Heimat „sehr patriarchalisch geordnet, sehr auf die Familie und die Zugehörigkeit zum Clan fokussiert“, sagt Islamismus-Expertin Claudia Dantschke, die sich viel mit radikalisierten jungen Muslimen befasst, darunter auch einzelne Tschetschenen.

Die Sicherheitsbehörden erkennen gerade bei einigen jungen Menschen aus dem Kaukasus eine alarmierende Überschneidung zwischen schwerkriminellen Tätern und der extremistischen Szene. Laut dem Abschlussbericht der Operation „Borste“ fielen knapp ein Drittel der 200 Tschetschenen in beiden Bereichen auf.