Trotz Klimadebatte

Abgeordnete fliegen fast drei Millionen Kilometer mehr

Das Flugzeug ist bei den Abgeordneten ein sehr beliebtes Verkehrsmittel, Tendenz steigend.

Das Flugzeug ist bei den Abgeordneten ein sehr beliebtes Verkehrsmittel, Tendenz steigend.

Foto: Santiago Urquijo / Getty Images

Von wegen Flugscham: Die Bundestagsabgeordneten sind 2018 deutlich mehr geflogen als noch 2017.

Berlin. Die Zeiten, in denen „Jet-Set“ so viel bedeutete wie cool, sind vorbei. Spätestens seit den klimastreikenden Schülern von „Fridays for Future“ weiß praktisch jedes Kind, dass Fliegen eine der umweltschädlichsten Arten ist, sich fortzubewegen.

Auch die Politik hat Flugreisen als Klimakiller ausgemacht. Von den Grünen bis zu CSU-Chef Markus Söder diskutieren Politiker über CO2-Preis, Kerosinsteuer und Abschaffung von Subventionen für den Flugverkehr. Man ist sich einig: Fliegen muss unattraktiver werden, damit die Leute eher in die Bahn steigen.

13.000 Flugmeilen pro Parlamentarier

Doch wie halten es die Politiker selbst mit dem klimafreundlichen Reisen? Zahlen der Bundestagsverwaltung, die unserer Redaktion vorliegen, zeigen, dass Bundestagsabgeordnete 2018 im Rahmen ihrer Tätigkeit insgesamt 9.075.319 Flugmeilen geflogen sind. Das ist deutlich mehr als noch im Jahr zuvor: 2017 waren es nur 7.426.382 Flugmeilen. Umgerechnet auf 709 Parlamentarier ist damit im vergangenen Jahr jeder Abgeordnete 13.000 Flugmeilen geflogen.

Reisen sind ein wichtiger Teil der Arbeit von Abgeordneten: Mitglieder des Bundestages sitzen nicht nur in Ausschusssitzungen und im Plenum, sondern informieren sich auch vor Ort über Ideen und Entwicklungen in ihren Fachbereichen.

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So war eine Delegation von Verkehrspolitikern im Frühjahr in Frankreich, um Airbus zu besuchen. Mitglieder des Verteidigungsausschusses reisten 2018 in den Kosovo, um dort Bundeswehrsoldaten zu besuchen. Und im Juni waren Entwicklungspolitiker in Tadschikistan und Usbekistan, wo sie unter anderem Krankenhäuser besichtigten. Verkehrsmittel der Wahl: In allen drei Fällen das Flugzeug.

Allein 328 solcher Delegationen sind in der laufenden Wahlperiode bislang genehmigt worden. Dazu kommen laut „Bild“-Zeitung 854 Einzeldienstreisen per Flugzeug, die meisten davon von Unions- und SPD-Abgeordneten. Pro Kopf flogen jedoch mit 126 Einzeldienstreisen die Abgeordneten der viel kleineren Grünen-Fraktion am häufigsten.

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Schädliche Flüge in den Wahlkreis

In die Flugmeilen-Statistik der Bundestagsverwaltung fallen auch Flüge in den Wahlkreis und zurück nach Berlin – Strecken, für die die Abgeordneten die Bahncard 100 nutzen könnten, die sie mit dem Mandat bekommen. Welchen Anteil diese Flüge ausmachen, ist nicht bekannt. Immerhin: Im Vergleich zu den Jahren 2015 und 2016 hat sich die Flugbilanz der Abgeordneten verbessert. In diesen beiden Jahren kam der damals noch deutlich kleinere Bundestag auf mehr als elf Millionen Flugmeilen.

Die neun Millionen Meilen, die Abgeordnete 2018 geflogen sind, schlagen grob mit 4000 Tonnen ausgestoßenem Kohlenstoffdioxid zu Buche, sagt Dietrich Brockhagen von der Organisation Atmosfair unserer Redaktion. Das entspreche etwa 2000 deutschen Pkw, von denen im Jahr jeder 12.000 Kilometer fährt. Wollte man diesen Ausstoß ausgleichen, würde das bei Atmosfair, das solche Kompensationen anbietet, rund 90.000 Euro kosten.

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Neun Millionen Flugmeilen, „das ist natürlich eine gewaltige Menge“, sagte Tobias Austrup, Verkehrsexperte bei Greenpeace. Er vermutet, dass die meisten dieser Flüge zwischen Berlin und den Wahlkreisen stattfinden. Vor allem diese Kurzstreckenflüge seien aber besonders klimaschädlich. „Gerade beim Start wird übermäßig viel Treibstoff verbraucht.“

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Die Abgeordneten sind nicht die einzigen Vielflieger

Laut Umweltbundesamt (UBA) ist das Flugzeug das klimaschädlichste Verkehrsmittel überhaupt. Es setzt beim Verbrennen von Kerosin CO₂ frei. Das legt sich um die Erde, die eintreffende Sonneneinstrahlung kann nicht mehr ausreichend entweichen – der Treibhauseffekt entsteht. Zwar machen die Emissionen des Flugverkehrs nur drei Prozent aller weltweiten CO2-Emissionen aus, der Straßenverkehr etwa ist für 17 Prozent verantwortlich. Doch bei der Verbrennung von Kerosin, so Felix Poetschke vom UBA, entstünden auch andere Substanzen wie Stickoxide, Aerosole und Wasserdampf.

Die wirkten ebenfalls als starke Treibhausgase. „In luftiger Höhe haben die Stoffe durch den nur langsamen Abbau stärkere Auswirkungen als am Boden und vergrößern den Treibhauseffekt“, sagt Poetschke. Stickoxide bauten unter der Sonneneinstrahlung Ozon auf, das in Flughöhe als starkes Treibhausgas wirke, Aerosole und Wasserdampf veränderten die Wolkenbildung.

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„Die verschiedenen Effekte summieren sich derart, dass die Treibhauswirkung des Fliegens im Durchschnitt etwa zwei- bis fünfmal höher ist als die alleinige Wirkung des ausgestoßenen CO2.“ Demnach würden bei einem Flug von Berlin in den Kosovo und zurück ein Drittel der Treibhausgase freigesetzt wie bei einem durchschnittlichen Auto im Jahr. Bei einer Flugreise nach Peking ist es mehr als das doppelte.

Die Abgeordneten sind nicht die einzigen Vielflieger: Auch viele Mitarbeiter der Ministerien steigen häufig in den Flieger. Vor einigen Tagen war durch Recherchen der „Welt“ bekannt geworden, dass Ministerialbeamte und –angestellte 2018 fast 230.000 Flüge allein innerhalb Deutschlands gebucht hatten. Vorne mit dabei war das Bundesverteidigungsministerium: Das Haus kam auf rund 1119 Inlandsflüge pro Monat. Ein großer Teil dieser Flüge spielte sich zwischen Berlin und Bonn ab, wo immer noch sechs Ministerien ihren Hauptsitz haben, darunter auch das Verteidigungsministerium.

Kompensiert werden die Emissionen nicht mehr

Dass so viel geflogen wird, liegt auch daran, dass es häufig die billigere Alternative zur Bahn ist. Und gesetzlich ist festgelegt, dass Bundesbeamte so kostengünstig wie möglich reisen sollen, um nicht mehr Steuergeld auszugeben als nötig.

Dass Billigflieger klimatechnisch teuer werden, spielt dabei aktuell keine Rolle. Wenn es nach dem Bundesumweltministerium geht, soll sich das aber ändern: Das Haus von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) dringt darauf, das Bundesreisekostengesetz so zu ändern, dass nicht nur Preis, sondern auch Auswirkungen auf das Klima ein Auswahlkriterium ist: Bahnfahren solle auch für Politiker die Regel werden, erklärt ein Sprecher des BMU.

Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) verteidigte Flugreisen von Politikern im Interview mit unserer Redaktion: Natürlich sei er viel unterwegs, sagte Scholz. G7- und G20-Treffen fänden schließlich nicht virtuell statt. Und immerhin: Die Bundesregierung gleiche den Effekt, den der CO2-Ausstoß ihrer Dienstreisen hat, auch wieder aus.

Tatsächlich stehen 2019 im Bundeshaushalt 900.000 Euro für die Klimaneutralisierung von Flügen der Bundesregierung. Auch die Reisen von Abgeordneten wurden früher ausgeglichen – doch das findet nicht mehr statt. Die Grünen teilen auf Anfrage mit, dass die Fraktion die Flüge ihrer Abgeordneten in Eigenregie kompensiert. Die anderen Fraktionen konnten dazu keine Angabe machen.