Asien

Streit um Kaschmir – der gefährlichste Konflikt der Welt

Flammender Protest: Demonstranten in der pakistanischen Stadt Peschawar verbrennen die indische Flagge.

Flammender Protest: Demonstranten in der pakistanischen Stadt Peschawar verbrennen die indische Flagge.

Foto: FAYAZ AZIZ / Reuters

Die Atommächte Indien und Pakistan belauern sich grimmig. Beide erheben Anspruch auf Kaschmir – nun droht der Konflikt zu eskalieren.

Berlin. Sattgrüne Täler, reißende Gebirgsbäche, eine spektakuläre Sicht auf den Himalaja: Das Kaschmir-Gebiet gehört zu den grandiosesten Regionen der Erde. Ausgerechnet hier droht eine militärische Auseinandersetzung zwischen den Atommächten Indien und Pakistan, die beide das Gebiet für sich beanspruchen. Es ist der derzeit gefährlichste Konflikt der Welt.

Auslöser des neuen Streits ist ein von der Regierung in Neu-Delhi vorgelegtes Dekret, das den Sonderstatus des indischen Teil Kaschmirs aufhebt. In dem indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir sind – wie in Pakistan – die Muslime in der Mehrheit. Die Bevölkerung in Indien besteht hingegen zu rund 80 Prozent aus Hindus.

Am Mittwoch berief Pakistans Premierminister Imran Khan zum zweiten Mal innerhalb einer Woche das Sicherheitskomitee ein. Das Gremium beschloss, die diplomatischen Beziehungen zu Indien erheblich einzuschränken. Zugleich wolle man den bilateralen Handel mit Indien aussetzen und Abkommen zwischen den beiden Staaten überprüfen. Außerdem soll der indische Botschafter ausgewiesen werden.

Kaschmir-Konflikt – das Wichtigste in Kürze:

  • Indien und Pakistan erheben beide Anspruch auf die Region Kaschmir
  • Es droht eine militärische Auseinandersetzung
  • Auslöser ist ein Dekret Indiens, das den Sonderstatus des indischen Teils von Kaschmir aufhebt
  • Pakistan wies daraufhin den indischen Botschafter aus und will den Handel einschränken

Pakistans Premier warnt offen vor einem Krieg

Die Regierung kündigte zudem an, das Kaschmir-Thema vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Einen Tag zuvor hatte Premier Khan offen vor der Möglichkeit eines Krieges zwischen Indien und Pakistan gewarnt. Er rechne nun mit einer Eskalation wie im Fall des Terroranschlags in Pulwama, das im indischen Teil von Kaschmir liegt.

Im Februar wurden bei einem Bomben-Attentat auf indische Sicherheitskräfte in Pulwama 40 Menschen getötet. Die aus Pakistan stammende islamistische Terrorgruppe Jaish-e Mohammed reklamierte die Attacke für sich. Indien warf jedoch Islamabad vor, seine schützende Hand über Jaish zu halten. Indiens Luftwaffe flog rund zwei Wochen später einen Vergeltungsangriff gegen mutmaßliche Terrornester im Nachbarland. Pakistan schoss daraufhin einen indischen Militärjet ab.

In den kommenden Tagen könnte sich die Lage ähnlich zuspitzen, betonte Pakistans Regierungschef. „Ich kann schon prognostizieren, dass dies passieren wird. Sie werden versuchen, uns als Sündenbock darzustellen. Sie werden uns wieder angreifen, und wir werden zurückschlagen“, erklärte Khan, der früher einmal ein Cricket-Star war.

Beide Länder haben je knapp 150 nukleare Sprengköpfe

Der Kaschmir-Konflikt ist umso brisanter, als beide Länder über ein stattliches Atom-Arsenal verfügen. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri hat Pakistan 140 bis 150 nukleare Sprengköpfe, zehn mehr als vor einem Jahr. Indien kommt demnach auf 130 bis 140 Atomsprengköpfe. Beide Länder bauen ihre land-, see- und luftgestützten Raketensysteme aus, so Sipri.

Kaum ein Staat schießt so viel Geld in die Rüstung wie Indien. Es macht nach den USA, China und Saudi-Arabien die meisten Mittel für das Militär locker – 66,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist etwa ein Drittel mehr als der Etat der Bundeswehr. Indien zahlt fast sechsmal mehr für die Verteidigung als Pakistan. Allerdings hat die Islamische Republik China als Schutzmacht. Der chinesisch-pakistanische Wirtschaftskorridor gehört zu den wichtigsten Verbindungen der „Neuen Seidenstraße“ von Peking.

Indische Führung will Sonderstatus von Bundesstaat "Jammu und Kaschmir" aufheben
Indische Führung will Sonderstatus von Bundesstaat Jammu und Kaschmir aufheben

Der Konflikt um den ehemaligen Fürstenstaat im Himalaja dauert bereits mehr als 70 Jahre. Seit Britisch-Indien im Jahr 1947 unabhängig und in Indien und Pakistan geteilt wurde, streiten die beiden Länder um die gesamte Herrschaft über Kaschmir. Drei Kriege wurden deswegen geführt. Beide Atomstaaten beherrschen jeweils einen Teil von Kaschmir, ein weiterer, kleinerer Teil gehört zu China.

Indien fährt einen harten Kurs gegen die Region

Der per Dekret gestrichene Artikel 370 der indischen Verfassung garantierte dem indischen Teil Kaschmirs bisher unter anderem eine eigene Verfassung, eine eigene Flagge und weitgehende Kompetenzen mit Ausnahme der Außen- und Verteidigungspolitik sowie der Telekommunikation. Nicht-Kaschmirern war es bislang verboten, permanent in der Region zu leben, Land zu kaufen oder für die Verwaltung zu arbeiten.

Indiens Innenminister Amit Shah kündigte an, der Staat Jammu und Kaschmir werde nun umorganisiert. Die Gesetze dort seien zu anachronistisch. So dürfen Frauen, die einen Nicht-Kaschmirer heiraten, keine Grundstücke erben. Die Muslime im indischen Teil Kaschmirs befürchten hingegen eine Änderung der Demografie, sollten künftig auch Nicht-Kaschmirer Immobilien erwerben dürfen.

Neu-Delhi setzt auf harte Maßnahmen, um Proteste gegen die Entscheidung zu verhindern. Viele der rund sieben Millionen Einwohner des Kaschmir-Tals haben seit Sonntagabend keinen Zugang zu Internet und Fernsehen. Indien hat Hunderttausende Soldaten in die Region geschickt, die die Bewegungsfreiheit der Bewohner einschränken.

Die regierenden Hindunationalisten setzen Wahlversprechen um

Indiens harter Kurs hat auch innenpolitische Gründe. Premierminister Narendra Modi hatte bei den Parlamentswahlen im Mai mit seiner hindunationalistischen Partei Bharatiya Janata einen überwältigenden Wahlsieg errungen. Dabei fuhr er einen scharfen Kurs gegen Pakistan, vor allem mit Blick auf den Kaschmir-Konflikt.

Auch in Pakistan verschärft sich der Ton. Premier Khan verbreitete eine finstere Mahnung, sollte es zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan kommen. „Wenn wir Krieg führen und bis zu unserem letzten Blutstropfen kämpfen: Wer wird ihn gewinnen? Niemand, aber es wird schmerzliche Konsequenzen für die ganze Welt haben.“