Risikoforschung

Bundesinstitut: Glyphosat ist bei richtiger Anwendung sicher

BfR-Präsident Andreas Hensel in der Forschungsküche des Bundesinstituts in Berlin-Marienfelde.

BfR-Präsident Andreas Hensel in der Forschungsküche des Bundesinstituts in Berlin-Marienfelde.

Foto: Reto Klar

Der Chef des Bundesinstituts für Risikobewertung spricht über Glyphosat. „Wenn es krebserregend wäre, bliebe dies nicht unentdeckt“

Berlin. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) berät die Bundesregierung in allen Fragen, die die Gesundheit der Bürger in Deutschland betreffen - und vertritt mitunter Meinungen, für die die Behörde heftig angegriffen wird: etwa im Streit um den Unkrautvernichter Glyphosat. BfR-Chef Andreas Hensel sieht bei den Debatten der Deutschen einen „Schlaraffenland-Effekt“.

Herr Hensel, kaum eine Behörde steht so in der Kritik wie Ihr Institut. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Andreas Hensel: Unsere Risikobewertungen sind die unverzichtbare Grundlage des gesundheitlichen Verbraucherschutzes, wir erhalten dafür breite gesellschaftliche Unterstützung. In der Debatte um den Pflanzenschutzmittelwirkstoff Glyphosat stehen wir aber stellvertretend am Pranger. Dabei sind wir nicht einmal die Behörde, die Glyphosat zulässt. Viele Kritiker verkennen unseren unparteilichen Auftrag.

Wie lautet dieser Auftrag?

Hensel: Wir prüfen unabhängig sämtliche Studien nach streng wissenschaftlichen Kriterien und bewerten auf dieser Grundlage die Gesundheitsrisiken. Alles, was dann zur Zulassung eines Mittels erfolgt, geschieht nach Regeln, die der Bundestag und das Europäische Parlament festgelegt haben. Unsere Fachposition konterkariert aber so manches Weltbild und steht erkennbar politischem Kalkül im Wege. Beim Glyphosat hat unsere Arbeit offenbar das falsche Ergebnis geliefert.

• Alptraum Glyphosat : Bayer drohen nach dem US-Urteil weitere Urteile

Was treibt Ihre Kritiker an?

Hensel: Es geht in der Glyphosat-Debatte schon lange nicht mehr um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um die Erklärungshoheit zur Landwirtschaftspolitik. Glyphosat ist der meistverkaufte Pflanzenschutzmittelwirkstoff der Welt und damit auch die Projektionsfläche für Änderungswünsche im Agrar- und Umweltbereich. Glyphosat ist zudem eine Schlüsselsubstanz für gentechnisch veränderte Pflanzen, vertrieben von der Firma Monsanto – für Kritiker die Inkarnation des Bösen.

Doch Glyphosat ist bei bestimmungsgemäßer Anwendung sicher, was gesundheitliche Risiken angeht. Was mich sorgt ist, dass die Kritik einzig darauf abzielt, uns als wissenschaftliche Bewertungsinstanz zu diskreditieren, eine Diskussion über unsere fachlichen Ergebnisse findet gar nicht statt.

US-Gerichte sehen das anders. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, die IARC, hält Glyphosat für wahrscheinlich krebserregend. Das BfR selbst hat keine eigenen Untersuchungen durchgeführt. Wieso sind Sie sich so sicher?

Hensel: Wir halten dieses Urteil für nicht wissenschaftlich belegt. Die IARC ist die einzige wissenschaftliche Einrichtung der Welt, die Glyphosat für wahrscheinlich krebserregend hält. Sämtliche Zulassungsbehörden weltweit sehen keine Krebsgefahr, das wird durch strenge Zulassungsverfahren sichergestellt.

Glyphosat wird seit 40 Jahren flächendeckend eingesetzt. Wenn es krebserregend wäre, bliebe dies nicht unentdeckt.

Das Thema berührt auch die Frage, wie sehr die Menschen staatlichen Stellen wie Ihrem Institut noch glauben. Warum gibt es diesen Vertrauensverlust?

Hensel: Jede Information und Position stehen gleichwertig im Internet nebeneinander, und seien sie noch so abseitig. Wir befinden uns im Zeitalter der Sozialen Medien und bewerten alles mit Like- und Dislike-Buttons. Wie können wir unter diesen Umständen den Verbraucher überhaupt noch erreichen? Mit wissenschaftlichen Daten? Oder mit Emotionen? Wie gehen wir mit Fakten um? Klar ist: Trotz aller Kritik bleibt die Wissenschaft das zentrale Element des Erkenntnis- und Technologiefortschritts und damit der gesellschaftlichen Entwicklung. Was sonst?

Bleiben wir bei den Fakten und den Emotionen. Macht Ihnen der Klimawandel Angst?

Hensel: Mir persönlich macht der Klimawandel eher keine Angst, weil er für mich, wie für jeden anderen Bürger, noch schwer greifbar ist. Wir sollten zügig handeln bei dem Thema, aber bei den Fakten bleiben, eher die fachlichen Lösungsansätze analysieren und nicht in apokalyptisches Denken verfallen. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.

Forscht Ihr Institut zum Klimaschutz?

Klar. Wir wollen wissen, welche Risiken sich durch den Klimawandel ergeben. Es gibt zum Beispiel neue wärmeliebende Schadinsekten in Deutschland. Bekämpft man diese mit Pestiziden, finden sich Rückstände in Futter- und Lebensmitteln, die bewertet werden müssen.

Auch Wissenschaftler erheben ihre Stimme und demonstrieren mit Schülern für besseren Klimaschutz. Wie stehen Sie dazu?

Hensel: Ich sehe, dass Wissenschaftler für den Klimaschutz auf die Straße gehen, um politische Prozesse zu beschleunigen. Die Kollegen zielen darauf ab, dass man ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit zumisst als einer Privatperson. Aber in diesem politischen Kontext gehen sie über ihr wissenschaftliches Mandat hinaus. Aus ihrer fachlichen Arbeit heraus können sie jedenfalls kein politisches Mandat herleiten. Ihre Rolle ist ja gerade die unabhängige und faktenbasierte Analyse. Die fachliche Politikberatung wird so umgangen. Wissenschaft wird dadurch leider zum bloßen Mittel der politischen Überzeugung degradiert.

Fridays for Future - Schüler für den Klimaschutz
Fridays for Future - Schüler für den Klimaschutz

Was folgt daraus für Sie?

Hensel: Hier muss die Gesellschaft gegensteuern, da dieses Phänomen sämtliche Debatten durchdringt. Täglich prägen unumstößlich vorgetragene, wissenschaftsinterpretierende Positionen die politischen Prozesse. Inzwischen braucht auch jede NGO einen Wissenschaftler, der alles besser weiß. Hinzu kommt, dass unsere Standpunkte zum Klimaschutz in sich entwickelnden Ländern als Luxusdiskussion wahrgenommen werden.

Die Deutschen können es sich leisten, sich Sorgen zu machen – und andere nicht?

Hensel: Ich glaube, dass wir in vielen Debatten wohlfeil die Welt verbessern wollen, weil wir es uns schlicht leisten können. Eine schonungslose ganzheitliche Analyse unserer Maßnahmen erfolgt dagegen nicht. Gleichzeitig vereinen manche vermeintliche Klimaschützer widersprüchliche Positionen in sich. Sie wollen ein Auto haben, das wenig Sprit verbraucht, um ihren CO2-Fußabdruck klein zu halten. Aber schick und schnell soll die Karre bitteschön sein. Man gibt viel Geld für ein klimafreundliches E-Bike aus, fliegt dann aber mit ihm im Gepäck zu exotischen Urlaubstouren. Anderes Beispiel: Irgendwie sind alle gegen Massentierhaltung. Doch das günstige Fleischangebot beim Discounter kaufen die Leute trotzdem.

Was lernen Sie daraus?

Hensel: Ob es hier reicht, an Einsicht und Verantwortung zu appellieren, muss bezweifelt werden. Die Sozialwissenschaften diskutieren ja gerade, warum der Mensch damit zurecht kommt, dass er oft völlig widersprüchlich oder bei Entscheidungen paradox agiert. Hauptsache seine Komfortsituation und sein Weltbild werden nicht zerstört. Gleichzeitig ist Essen ein quasi-religiöses Thema geworden. Was ärmere Länder wohl über diese Debatten denken? Die bekommen ihre Leute nicht satt, und wir diskutieren, ob Milch giftig ist. Das ist schwierig. Wir haben es da mit dem Schlaraffenland-Effekt zu tun.

Schlaraffenland-Effekt?

Hensel: Uns geht es so gut, dass wir verlernt haben, echte Risiken zu erkennen. Viele Menschen regen sich über potenziell gefährliche Stoffe in Lebensmitteln auf, auch wenn es sich nur um kaum nachweisbare Spuren handelt. Es wäre ein Fehler, wenn wir uns auf das Urteil von lautstarken Aktivisten verlassen. Ich werbe stattdessen für die strukturierte Einbindung von unparteilichen Experten vor der politischen Entscheidungsfindung. Zum guten Handwerk gehört: Erst grübeln, dann dübeln.

Forscher der Uni Wien haben Mikroplastik im Darm des Menschen nachgewiesen. Das BfR untersucht gerade selbst, wie gefährlich Mikroplastik für den Körper ist. Können Sie etwas zu den Ergebnissen sagen?

Hensel: Wir haben eine Forschungsgruppe, die sich mit der Wirkung und dem Verbleib von Mikroplastik im Körper befasst. Bisher haben wir keinen Hinweis, dass Mikroplastik aus dem Verdauungstrakt in den Körper übergeht und gesundheitsschädlich ist.

Es steckt nicht nur in Kosmetik: Mikroplastik hat viele Verursacher

Was passiert mit Mikroplastik im Körper?

Hensel: Wir können bisher nicht feststellen, dass Mikroplastik etwas Irreversibles mit den Zellen im Körper macht. Die These, dass Mikroplastik aus Lebensmitteln Menschen krank macht, ist derzeit wissenschaftlich nicht belegt.