Belästigung

Trump steht trotz neuer Vorwürfe zu Kandidat Kavanaugh

Brett Kavanaugh, Kandidat für ein Richteramt am Obersten Gerichtshof der USA.

Brett Kavanaugh, Kandidat für ein Richteramt am Obersten Gerichtshof der USA.

Foto: J. Scott Applewhite / dpa

US-Präsident Trumps Kandidat für das Oberste Gericht, Brett Kavanaugh, wird mit immer neuen Sex-Vorwürfen konfrontiert. Was ist dran?

Washington.  Wenn nicht noch in letzter Minute jemand abspringt, kommt es am Donnerstag zum Showdown in einem Kulturkampf, wie ihn Washington seit Amtsantritt von Donald Trump in dieser Heftigkeit noch nicht erlebt hat.

Auf der Zielgeraden seines bereits in trockenen Tüchern gewähnten Bestätigungsverfahrens für einen der neun Posten am Obersten Gerichtshof der USA sieht sich der vom Präsidenten ausgesuchte erzkonservative Jurist Brett Kavanaugh massiven Anschuldigungen der sexuellen Belästigung ausgesetzt – und das ganze Land schaut hin.

US-Präsident Donald Trump hat seinen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof auch nach einem weiteren Vorwurf sexueller Belästigung in Schutz genommen. „Richter (Brett) Kavanaugh ist eine herausragende Person“, sagte Trump am Montag vor seiner Teilnahme an der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. „Ich stehe voll hinter ihm.“ Die Vorwürfe seien politisch motiviert.

Es hat angefangen mit Christine Blasey Ford. Die Psychologieprofessorin aus Kalifornien will nach Angaben ihrer Anwälte im Senat unter Eid ihre seit Tagen für hitzigste Kontroversen sorgenden Vorwürfe untermauern. Demnach wurde die 51-Jährige Anfang der 80er-Jahre bei einer Party unter Teenagern in einem Vorort von Washington Opfer einer versuchten Vergewaltigung. Der angebliche Täter: Brett Kavanaugh, damals 17. Blasey Ford war 15.

Kavanaugh sieht sich als Opfer einer Intrige

Der 53-Jährige streitet die Vorwürfe „kategorisch und unmissverständlich“ ab. Er sieht sich als Opfer einer Last-Minute-Intrige: Die bei den nahenden Kongresswahlen favorisierten oppositionellen Demokraten wollen die Top-Personalie durchkreuzen, um die Verfestigung einer sonst auf Jahrzehnte mehrheitlich stramm konservativ geprägten Richterbank zu verhindern. Seine Lesart wird von vielen Republikanern (und Trump) geteilt. Dagegen hält laut Umfragen eine Mehrheit der Amerikaner die Kandidatur Kavanaughs inzwischen für falsch.

Mitten in die Vorbereitungen des live im Fernsehen zu sehenden Sie-sagt-er-sagt-Spektakels platzte in der Nacht zu Montag die Nachricht, dass Blasey Ford kein Einzelfall gewesen sein könnte. Im „New Yorker“ berichtet Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow, der bereits mithalf, den übergriffigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein zu Fall zu bringen, von Deborah Ramirez.

Die 53-Jährige studierte in den 80er-Jahren gemeinsam mit Kavanaugh an der Eliteuniversität Yale. Bei einem Saufgelage unter Studenten soll Kavanaugh ihr seinen Penis ins Gesicht gestreckt haben. Laut „New Yorker“ habe Ramirez nach anfänglicher Unsicherheit eine Woche gebraucht, um ihre Erinnerungen so verlässlich zu rekonstruieren, dass sie ihre Vorwürfe an mehrere Senatoren der demokratischen Partei weiterleiten konnte. Sie fordern nun, das Nominierungsverfahren für den Richter komplett auszusetzen und die Bundespolizei FBI einzuschalten.

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Anhörung für Donnerstag geplant

Kavanaugh und das Weiße Haus reagierten umgehend im Schulterschluss. „Die von Ramirez beschriebene Szene ist nicht passiert“, erklärte Kavanaugh. Eine Trump-Sprecherin sekundierte mit der Aussage, die Vorwürfe folgten allein dem Ziel, „einen guten Mann zu zerstören“.

Die für Donnerstag angesetzte Anhörung birgt für die Republikaner, die seit Tagen Blasey Fords Glaubwürdigkeit zu erschüttern versuchen, hohe Risiken. Der Fall weckt Erinnernungen an 1991. Damals wurde der erzkonservative Richter Clarence Thomas an den Supreme Court berufen – obwohl seine ehemalige Mitarbeiterin Anita Hill ihn in einem von mehrheitlich weißen alten Männern schroff geführten Senatsverhör der fortgesetzten sexuellen Belästigung beschuldigt hatte.

Im Zeitalter der vor einem Jahr gegen männlichen Machtmissbrauch entstandenen #MeToo-Bewegung könnten sich im Falle einer unsensiblen Befragung der 51-jährigen Blasey Ford zigtausende Wählerinnen am 6. November zu einem „Denkzettel“ für die Republikaner veranlasst sehen, erklären Politik-Analysten in Washington.

Causa Kavanaugh zieht immer weitere Kreise

Obwohl Blasey Ford geschildert hat, warum sie ihr traumatisches Erlebnis 30 Jahre für sich behielt und erst 2012 in einer Paartherapie ihrem Ehemann davon erzählte, stellte ausgerechnet Trump den Wahrheitsgehalt ihrer Anschuldigungen infrage: Falls die Kavanaugh zugeschriebenen Attacken wirklich „so schlimm“ gewesen wären, hätten Opfer und/oder deren Eltern doch sofort Anzeige erstattet, erklärte er. Dass viele Frauen 20, 30 Jahre über sexuelle Übergriffe geschwiegen haben, weil sie nicht ernst genommen wurden und Repressalien fürchteten, ignorierte der Präsident.

Unterdessen zieht die Causa Kavanaugh immer weitere Kreise. In den nächsten Tagen will der Anwalt von Pornodarstellerin Stormy Daniels, die mit Präsident Trump eine mit 130.000 Dollar Schweigegeld bedachte Sex-Affäre gehabt haben will, noch schwerwiegendere Vorwürfe einer bisher anonym gehaltenen Mandantin präsentieren.

Laut Michael Avenatti soll Brett Kavanaugh in den 80er-Jahren gemeinsam mit seinem Schulfreund Mark Judge (der bei der versuchten Vergewaltigung von Christine Blasey Ford anwesend gewesen sein soll) auf Highschool-Partys mehrfach junge Frauen unter Alkohol und Drogen gesetzt haben. Mit dem Ziel, sie danach zusammen mit anderen jungen Männern sexuell zu missbrauchen.