Rechtsradikalität

Warum ich heute an ein besseres Chemnitz glaube

Ein Kind in Chemnitz mit Regenbogen-Plakat.

Ein Kind in Chemnitz mit Regenbogen-Plakat.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Chemnitz, das sind nicht nur „Faschos“. Unser Autor kennt die sächsische Stadt – und hofft, dass sie heute ein anderes Gesicht zeigt.

Chemnitz.  Wenn alles gut läuft, zeigt Chemnitz am Montag sein anderes Gesicht. Das Gesicht einer Stadt, die so viel besser ist als ihr Ruf. Eine Stadt mit einer lebendigen Kunst- und Kulturszene. Eine Stadt, in der die Kunstsammlungen mit aufsehenerregenden Einzelausstellungen wie der von Bob Dylan oder das Museum Gunzenhauser mit seinen Werken von Otto Dix von sich reden macht.

Eine Stadt, die mit dem Kaßberg eines der größten Gründerzeitviertel Europas hat. Eine Stadt, in der die Technische Universität sehr eng mit dem Mittelstand verbunden ist. Schon früher war die Region die Herzkammer der Industrialisierung und Heimat eines liberalen Bürgertums. Heute spricht vieles dafür, dass die Region wieder so eine Herzkammer werden wird.

Kraftklub wollen was verändern und nicht nach Berlin

Ich habe in Chemnitz studiert und denke in diesen Tagen oft an diese Zeit zurück. In Chemnitz gab es Freiräume und kulturelle Nischen, wie ich sie später nirgendwo anders mehr erlebt habe. Wenn du was machen wolltest, hast du es selbst getan. Heute ist die Chemnitzer Band Kraftklub so ein Beispiel für dieses Selbstverständnis. Alle Bandmitglieder kommen aus Chemnitz und haben schon in Schülerbands zusammengespielt. Drei Nummer-Eins-Alben später sind es genau diese Jungs („Ich will nicht nach Berlin“), die wieder etwas machen und nicht nur reden.

Demonstrationen in Chemnitz bleiben weitgehend friedlich

All dem blinden Hass und der Wut nach dem Mord am dem 35-jährigen Chemnitzer Daniel H. setzten sie etwas entgegen, das auch Daniel H gemocht hat: Musik. Kraftklub haben gerufen und einige der bekanntesten deutschsprachigen Künstler kommen, darunter Marteria, Casper und die Die Toten Hosen (hier geht es zur Live-Übertragung des Konzerts ab 17 Uhr).

Politisches Tatmotiv? Ach was, normale „Rauferei“

Die sächsische Landesregierung täte gut daran, genau dieses Chemnitz zu unterstützen. Denn das gehört zu Wahrheit auch dazu. Rechtsextremismus wurde in Sachsen, das seit der Wende fest in CDU-Hand ist, immer verharmlost und kleingeredet. Von den verbotenen Skindheads Sächsische Schweiz (SSS) bis zur aufgelösten Hooligan-Gruppe HooNaRa (steht für: Hooligans Nazis Rassisten): Die „Faschos“ waren immer irgendwie da und allgegenwärtig.

Nicht zuletzt konnte der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) auch deshalb in Sachsen untertauchen. In diesen Tagen fiel mir auch wieder ein Gespräch mit Polizisten ein. Damals, vor zehn Jahren, war ich bei einem Stadtfest in der Nähe von Chemnitz. „Glatzen“ jagten ein paar Jugendliche mit etwas zu bunten Haaren durch den Park. Die Polizei tat das damals auf Nachfrage als normale „Rauferei“ ab. Ein politisches Tatmotiv konnte wie so oft nicht nachgewiesen werden.

Was heute passiert hat eine lange Vorgeschichte

Auch viele Protagonisten von heute sind die Protagonisten von damals. Der Chef der rechten Partei „Pro Chemnitz“, Martin Kohlmann, der auch die Demonstration vor einer Woche organisierte und Chemnitz damit deutschlandweit in die Nachrichten katapultierte, sitzt seit Jahren im Stadtrat.

Nahles für AfD-Überwachung durch den Verfassungsschutz

Im Jahr 2009 musste er zum Beispiel von Polizisten aus dem Ratssaal getragen werden, weil der den Bürgermeister, die Oberbürgermeisterin und einen Abgeordneten der Linken heftig beleidigt hatte, des Saales verwiesen wurde, aber nicht gehen wollte. Auch der Taktgeber der neuen Rechten, Götz Kubitschek, trat schon vor zehn Jahren gemeinsam mit dem neurechten Autor Felix Menzel an der TU Chemnitz auf. Kurz: Vieles, was heute passiert, hat lange, zum Teil subtile Vorgeschichten.

Sprechen über „die Chemnitzer“ und „die Sachsen“

Aber, es gab auch schon immer das andere Chemnitz. Eine Stadt, die Bands wie Kraftklub hervorgebracht hat. Sie sind nicht nur erfolgreich, sondern haben viel für die Chemnitzer Jugendkultur getan. Sie haben ein jährlich stattfindendes Festival ins Leben gerufen, zahlreiche Konzerte organisiert, Proberäume am Leben erhalten – und sie sind geblieben. Sie tun das, was so viele machen: die Stadt lebenswerter machen. Solche Geschichten sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man über „die Chemnitzer“ oder „die Sachsen“ urteilt.

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