Pressefreiheit

G20-Akkreditierung entzogen: So rätselt betroffener Fotograf

Lesedauer: 4 Minuten
Christian Unger
Scholz bittet Hamburger um Entschuldigung

Scholz bittet Hamburger um Entschuldigung

Vier Tage nach den gewalttätigen Ausschreitungen beim G20-Gipfel hat sich Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz bei den Einwohnern der Hansestadt entschuldigt.

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War es sein Trip mit Flüchtlingen? Eine Tour in ein Kurdengebiet? Ein Fotograf rätselt, wieso er nicht mehr zum G20-Gipfel durfte.

Hamburg/Berlin.  Als der Fotograf Björn Kietzmann am Freitag zurück zum G20-Tagungszentrum in den Hamburger Messehallen will, halten ihn Polizisten an. Es gebe ein Problem, er solle warten. Und dann sagt ihm ein Beamter des BKA: Seine Akkreditieren für das politische Großtreffen gelte nicht mehr, sei ihm entzogen. Kietzmann weiß auch Tage nach dem Gipfel nicht die Gründe. Er wird nach eigenen Angaben vom BKA ans Bundespresseamt verwiesen – und von dort wieder zurück an das BKA. Seit fast 24 Stunden bleibe seine Anfrage an die Polizei unbeantwortet, sagt er dieser Redaktion.

Kietzmann fotografiert seit vielen Jahren. Beim Gipfel ist er für die große Fotoagentur ActionPress dabei, er arbeitet auch für den Spiegel, den Stern und die taz. Früher war er schon beim Obama-Besuch in Berlin dabei, begleitete Soldaten in Afghanistan, reiste zum G7-Gipfel. Kietzmann selbst ging früher selbst demonstrieren, seine Arbeit setzt sich häufig mit der Politik auseinander, mit der Fluchtkrise und auch Protestbewegungen. Aber nie habe es Probleme mit den Behörden gegeben, sagt er. „Ich habe keine Ahnung, was jetzt vorgefallen sein soll.“

In Gewahrsam wegen illegalen Grenzübertritts

Spielte seine Berichterstattung aus Griechenland eine Rolle? Damals habe er im Flüchtlings-Camp Idomeni fotografiert, begleitete Menschen bei ihrer Flucht über die Grenze und wurde gemeinsam mit Dutzenden anderen Journalisten von der mazedonischen Polizei festgehalten. Der Vorwurf: Illegaler Grenzübertritt. Nach wenigen Stunden seien sie jedoch wieder frei gekommen, erzählt Kietzmann.

Was dann? Spielte der Türkei-Besuch eine Rolle? Im Oktober 2014 reiste Kietzmann mit anderen Fotografen ins syrisch-türkische Grenzgebiet, begleitete einen Hilfskonvoi ins kurdische Kobane, das damals unter den Folgen des Krieges mit der Terrororganisation IS litt. Doch an der Grenze kam der Konvoi nicht weiter. „Wir haben dann über die Stimmung in der kurdischen Stadt Diyarbakir berichtet“, sagt Kietzmann. Dort nahmen türkische Polizisten die Journalisten fest. Sie prüften, ob die Gruppe ausländische Spione seien oder kurdische Aktivisten.Die türkische Regierung geht mit Härte gegen Kurden vor, wie die EU stuft auch die Regierung um Staatschef Recep Tayyip Erdogan die kurdische Arbeiterpartei PKK als Terrororganisation ein.

de Maizière spricht von Erkenntnissen deutscher Behörden

Nach mehr als 30 Stunden in einer Polizeizelle kommen die Fotografen frei. Mit Kietzmann war auch Chris Grodotzki dabei im Kurdengebiet. Auch Grodotzki wurde nun für den G20-Gipfel in Hamburg die Akkreditierung entzogen. Ein Beleg für einen Zusammenhang fehlt bisher, bleibt Spekulation. Die Bundesregierung dementiert hart.

Bundesinneninnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat den nachträglichen Entzug einzelner Presse-Akkreditierungen noch einmal gerechtfertigt: „Alleiniger Grund für die Entscheidungen war es, die Sicherheit des Gipfels und seiner Teilnehmer zu gewährleisten“, sagte der Minister unserer Redaktion. Dabei habe das Bundeskriminalamt (BKA) „ausschließlich auf Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden zurückgegriffen“.

Maas fordert Aufklärung

Vorwürfe, der Austausch von zusätzlichen Informationen mit ausländischen Behörden habe den Ausschlag gegeben, hat die Bundesregierung bereits in den vergangenen Tagen zurückgewiesen. Journalisten-Organisationen verlangen eine vollständige Aufklärung der Vorgänge. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sprach sich in der „Frankfurter Rundschau“ dafür aus: „Die Pressefreiheit ist ein sehr hohes Gut“, sagte er. „Deswegen müssen die Vorwürfe jetzt gründlich aufgeklärt werden.“

SPD-Politiker Burkhard Lischka will, dass das Vorgehen in Ausschüssen des Bundestags thematisiert wird. “Ich halte es für dringend geboten, dass sich die zuständigen parlamentarischen Gremien mit den Ereignissen in Hamburg beschäftigen“, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion der „Berliner Zeitung“.

Beim G20-Gipfel am 7. und 8. Juli in Hamburg war neun Journalisten nachträglich die Akkreditierung entzogen worden. 23 weitere akkreditierte Medienvertreternwurden ebenso auf einer entsprechenden Liste geführt. Sie kamen aber den Angaben der Bundesregierung zufolge nicht zum Medienzentrum des Tagungsortes. Zudem wurden weitere Personen gelistet, die beispielsweise zum technischen Personal gehörten. Insgesamt waren rund 5.100 Journalisten aus aller Welt für den G20-Gipfel in Hamburg akkreditiert. (mit epd)