Nachruf

Helmut Kohl gestorben – Ein großer Europäer aus der Pfalz

Helmut Kohl 2001 bei einer Feier zum Jahrestag der Wiedervereinigung-

Helmut Kohl 2001 bei einer Feier zum Jahrestag der Wiedervereinigung-

Foto: TOBIAS SCHWARZ / REUTERS

Er war der Kanzler der Einheit und der große Europäer, er war aber auch für manche die „Birne“. Altkanzler Helmut Kohl hat polarisiert.

Berlin.  Die Deutschen werden Helmut Kohl so in Erinnerung haben: Einsdreiundneunzig groß. Die Kilos? Staatsgeheimnis. Trotz jährlichem Abspeckversuch eine Masse Macht-Mensch, der die politischen Gegner bei den „Sozen“ von der SPD und in den eigenen Reihen instinktiv „in den Büschen“ orten und vertreiben konnte – wie seinen Pfälzer Freund Heiner Geißler oder 1990 den armen Eierwerfer von Halle. Den haben nur die Polizeisperren vor der Tracht Prügel gerettet.

Kohl war, das haftet im Gedächtnis der Nation, Gemütscharakter und Dampfwalze und 16 lange Kanzler-Jahre. Einer mit dem Sitzfleisch, den Netzwerken, der Witterung, dem Können und dem Quäntchen Glück des Tüchtigen - also mit den Politiker-Tugenden, mit denen er am Ende zielstrebig die große historische Leistung des ausgehenden 20. Jahrhunderts erledigte: Die Einheit seines Landes.

Kränkungen nie verwunden

War es so? Vielleicht hat ihn manches Mal mehr Glück als Witterung ins Ziel geleitet, manchmal mehr das Versagen seiner Gegenspieler in Bonn und Europa und auf der Weltbühne als die eigene Perfektion. Die Geschichtsschreibung dazu ist nicht abgeschlossen. Gekränkt von der Entwicklung hat Helmut Kohl die großen und kleinen Geheimnisse der Wiedervereinigung nach seiner Abwahl 1998 nie ganz offenbart.

Den 80. Geburtstag vor sieben Jahren erlebte er schon als kranker Mann. Er konnte nicht mehr verständlich sprechen, saß im Rollstuhl, lebte, abgeschirmt von Maike Richter, der zweiten Ehefrau nach dem Suizid von Hannelore Kohl, in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim. Nicht einmal mehr seine beiden Söhne, mit denen Kohl sich überworfen hatte, durften ihn dort besuchen.

Weggefährten zeichnen widersprüchliches Bild

2015 setzten Kohls Anwälte durch, dass nichts von dem aufgeschrieben wird, was er vor seinem damaligen Biografen in den Block diktiert hatte. Hat Kohls eigener Wille hinter diesem Nein gesteckt? Oder zog seine Ehefrau die Fäden? Das liegt jetzt im Dunkeln genauso wie die Frage, ob die letzten Jahre für den Alt-Kanzler eher private Tragik oder privates Glück waren.

Wie hat der Pfälzer regiert? Es bleiben Erzählungen der engen Mitarbeiter. Die sind widersprüchlich. Wolfgang Schäuble hat einmal gesagt: „Er sorgt für die Seinen, das bedeutet aber auch, dass sie alles so machen müssen, wie er will.“ Ex-Innenminister Rudolf Seiters hingegen: „Er duldete nicht nur Widersprüche. Er wollte sie.“

Kohl konnte skrupel- und rücksichtlos sein

Kohl beherrschte die kleinen Tricks der Mächtigen meisterhaft. „Wenn der Herr Bundeskanzler beim Kreisvorsitzenden anrief und zum Hochzeitstag gratulierte, dann war ihm dieser Kreisvorsitzende ergeben. Für immer“, erinnert sich einer aus Kohls Umgebung. Und wer abwich, der war erledigt. So schilderte der langjährige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler die brutale Szene seiner Entlassung durch Kohl: „Ich werde dich nicht wieder vorschlagen“. Darauf Geißler: „Das kannst du nicht machen“. Und Kohl: „Das werden wir ja sehen“.

„Das große Wasser nimmt das kleine Wasser mit.“ Helmut Kohl formuliert diesen Satz weit vor der Einheit in der Zeit, in der er in der Innenpolitik unglücklich operiert und die Zustimmung wegbricht. Die 80er-Jahre gehen ihrem Ende zu. Die Ära Kohl auch? „Reformstau“ wird zum Wort des Jahres, als der Bonner Regierungschef Bewegung in der Weltpolitik spürt. Das will er nutzen. 1988 hält der Kanzler Erich Honeckers SED-Regime in Ost-Berlin zwar noch für „stabil“. Dass seine Partei ausgerechnet jetzt auf das Ziel des einigen Deutschland verzichten will, bremst er dennoch aus.

Triumphaler Moment vor dem Reichstag

Per Telefon, über viele persönliche Drähte und auf eigenes Risiko führt er zwischen der Grenzöffnung in Ungarn und dem Beitrittsbeschluss der DDR-Volkskammer ein Jahr später die Nation nach vier Jahrzehnten Teilung zusammen. Ein Adrenalinstoß ist es, als er nach dem Mauerfall in Dresden vor den Trümmern der Frauenkirche redet und die Massen den Kanzler und seinen Kurs mit einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer bestätigen. Am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag bleibt der Kanzler der Sieger der Geschichte.

Einheit. Das Wort fällt allen zu Helmut Kohl ein. Euro? Das ist ein weiter entferntes Bild. Doch der europäische Überzeugungstäter hat die Einheit ohne Europa nie gewollt. Grenzen? Sie waren ihm fremd. Schon als junger Student hat er den Schlagbaum im Elsass zur Seite gedrückt. „Deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten einer Medaille.“ Das ist sein eigentliches Vermächtnis - und bis heute eine klare Botschaft an die Adresse der Nationalen in der Christdemokratie. Kohl war nie Nationalist. Nie Populist. „Angst hat der vor nichts und niemandem“, hat seine Schwester Hildegard Getrey einmal gesagt.

Intellektuelle blickten lange auf ihn herab

Doch Kohl hat auch gespalten. Seine Partei oder deren Gemeinschaft mit der CSU bei manchen Themen. Viel mehr noch die Schichten im Volk. Für die Intellektuellen blieb er bis in die 90er-Jahre die Witzfigur. Kohl war die Birne. Der Dicke. Der Bräsige. Der Kanzler, der rhetorisch nicht viel zu bieten hatte und nie mit dem „Spiegel“ reden wollte.

War er so tumb, so reaktionär, ohne die Fähigkeit zu intellektueller Auseinandersetzung? Viele Gesprächspartner sahen es zunächst so. Er gab ihnen auch die Munition. Später dachten sie, wie „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein, anders. Mit Kremlchef Michail Gorbatschow, den er mit Goebbels verglichen hatte, sprach er auf der Mauer hoch über dem Rhein über das Kriegsschicksal beider Familien.

Ein Mensch hinter der Machtmaschine

Sie wurden Freunde, und Gorbatschow empfing ihn später als „Mann mit einem großen Herzen“. Francois Mitterrand, der Franzose, erinnerte sich an den Tag des Gedenkens in Verdun: „Plötzlich griff er nach meiner Hand.“ Als der französische Präsident an Krebs starb, litt der deutsche Kanzler. Als das Leben von Willy Brandt, den er bewunderte, zu Ende ging, war Helmut Kohl einer der letzten Besucher. Es gab hinter der Machtmaschine den Menschen.

Passt das alles zu den schwarzen Kassen, zum Rechtsbruch? Zum Geständnis am 2. Dezember 1999, ein Jahr nach Ende der Kanzlerschaft, er habe „Spenden entgegengenommen zwischen 1993 und 1998 in einem Umfang zwischen eineinhalb und zwei Millionen Mark, die nicht angegeben wurden, weil die Spender ausdrücklich darum gebeten haben“? Zu Spekulationen, seine Regierung sei bestechlich gewesen? Passt es dazu, dass er Freunde wie den langjährigen politischen Gefährten Schäuble mit in den Abgrund reißen wollte? Oder dass die CDU ihm den Ehrenvorsitz nahm?

Platz unter den Großen Drei der Nachkriegszeit

Wenig ist geklärt über diese letzte Phase der aktiven politischen Tätigkeit Kohls. Ein Untersuchungsausschuss blieb im Ungefähren. Die schwarze Kasse? Er hat die Herkunft der Millionen nie offengelegt. Kohl hat bis ins Grab geschwiegen. Es war die Entscheidung dafür, nicht als blitzblanker Saubermann in die Geschichte einzugehen.

Den Platz dort unter den Großen Drei der deutschen Nachkriegszeit hat er ohnehin. Adenauer. Brandt. Kohl. Sie bestimmten die Richtung der alten Republik. Der Gründer durch die West-Bindung. Der Sozialdemokrat durch die neue Ostpolitik. Der letzte Bonner Kanzler durch die Einheit. Fast scheint es, als hätten sie sich abgesprochen. Als hätten sie den Masterplan gehabt.