Bundeswehr

Unter Terrorverdacht: Soldat gab sich als Flüchtling aus

Ein 28 Jahre alter Soldat der Bundeswehr soll sich als syrischer Flüchtling registriert haben und plante unter dieser Identität offenbar einen Anschlag.

Ein 28 Jahre alter Soldat der Bundeswehr soll sich als syrischer Flüchtling registriert haben und plante unter dieser Identität offenbar einen Anschlag.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Ein deutscher Soldat führt ein bizarres Doppelleben. Er registrierte sich als Flüchtling und plante offenbar einen Terroranschlag.

Frankfurt/Main.  Es ist der 30. Dezember 2015, als der 28 Jahre alte Franco A. die Erstaufnahmeeinrichtung im hessischen Gießen betritt. Er sei Syrer, gibt er an. Er spricht Französisch, hat allerdings einen Arabischkurs belegt. Er heiße David Benjamin, sagt A. den Mitarbeitern der Flüchtlingseinrichtung. Sie nehmen seine Fingerabdrücke und registrieren ihn als Asylbewerber in Deutschland. Die Behörde weist den Mann einer Unterkunft im bayerischen Zirndorf zu. Hier beantragt er Asyl und sucht Schutz – auf der Flucht vor dem Krieg in seiner Heimat.

Doch Franco A. war nicht auf der Flucht. Er ist auch kein Syrer. Er ist Deutscher, Oberleutnant der Bundeswehr, stationiert im Jägerbataillon 291 im französischen Illkirch.

Österreich informiert deutsche Behörden

Und die Ermittler prüfen nun, ob Franco A. auch Terrorist ist. Auf ihrem Radarschirm ist er seit Monaten. Am 3. Februar 2017 nehmen österreichische Polizisten A. zum ersten Mal fest, als er im Putzschacht einer Toilette am Wiener Flughafen versucht, eine Pistole zurückzuholen, die er dort versteckt hatte. Die Waffe, Kaliber 7,65 Millimeter, ist geladen und nicht von der Bundeswehr.

Im Januar war das Versteck entdeckt worden, seitdem überwachen Ermittler die Toilette – bis A. dort auftaucht. Was er mit der Waffe vorhat, ist unklar. Die Polizei lässt ihn nach einer Vernehmung laufen, nimmt aber Fingerabdrücke, macht Fotos. Für einen Haftbefehl reicht der illegale Waffenbesitz offenbar nicht aus. Die Wiener schalten die deutschen Behörden ein, das Bundeskriminalamt und der Militärische Abschirmdienst (MAD) ermitteln. Bunkerte er die Waffe, um am Flughafen zu töten? Die Polizei bleibt dran.

Bundeswehr-Offizier wegen mutmaßlicher Anschlagsplanung festgenommen
Bundeswehr-Offizier wegen mutmaßlicher Anschlagsplanung festgenommen

Fingerabdrücke führen zur Spur des „falschen Syrers“

Entscheidend sind die Fingerabdrücke, die Wiener Polizisten von Franco A. genommen hatten. Sie sind deutschen Behörden bekannt. Sie wissen jetzt, dass sich der Bundeswehr-Soldat getarnt als syrischer Flüchtling registriert hat. Er bekommt sogar Geld vom Sozialamt, zusätzlich zum Soldaten-Sold. In der Asylunterkunft soll Franco A. kaum oder gar nicht aufgetaucht sein. Und doch führt der Mann ein Doppelleben. Gehört das zum Plan?

Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei gibt es am Donnerstagnachmittag für einen Anschlag noch keine Beweise. Was derzeit bleibt, sind Indizien und Szenarien. Eines davon: Franco A. wollte einen Anschlag verüben – und durch seine Fingerabdrücke in der Asylbehörde den Verdacht auf Flüchtlinge lenken. Wer so handelt, heizt die Stimmung gegen Fremde an.

Äußerungen sprechen für fremdfeindliches Motiv

Macht Unschuldige zu Tätern – und das in einer Zeit, in der in Deutschland die Zahl der Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte ohnehin schon so hoch ist wie noch nie. Fast 1000 Mal wurden 2016 in Deutschland Asylunterkünfte attackiert. Dazu hat es laut Bundesinnenministerium mehr als 2500 Angriffe auf Geflüchtete gegeben.

Für einen solchen „fremdenfeindlichen Hintergrund“ der möglichen Anschlagspläne sprechen laut Staatsanwaltschaft die Äußerungen von Franco A. in Nachrichten, die er an den mutmaßlichen Komplizen geschickt hat, einen 24 Jahre alten Studenten aus Offenbach. In den Chats der beiden soll sich A. rassistisch geäußert haben. Nach Informationen dieser Redaktion war der Soldat zudem in rechtsextremen Internet-Foren unterwegs. Die Behörden sprachen bisher nicht von einem rechtsextremen Hintergrund.

Klar ist, die Sicherheitsbehörden ermittelten über viele Wochen verdeckt. Irgendwann gingen sie in die Offensive. Am 19. April vernimmt der MAD nach Information dieser Redaktion Franco A., dieser weiß spätestens seit der Festnahme in Wien, dass er im Visier der Ermittler ist. Doch erst an diesem Mittwoch rücken 90 Polizisten aus, durchsuchen 16 Objekte, Diensträume der Bundeswehr, zudem die Wohnungen von Franco A. und des mutmaßlichen Komplizen in Offenbach, sie sichern Handys, Laptops und schriftliche Unterlagen.

Auch an der Kaserne im bayerischen Hammelburg fahren Ermittler vor, nehmen A. fest. Der Soldat war dort auf einem Lehrgang, er machte eine Ausbildung zum Einzelkämpfer. Ermittler haben einen richterlichen Haftbefehl. Und auch der Komplize sitzt in Untersuchungshaft. Er gab an, dass A. ihm Patronen zugespielt hatte, größere Kaliber, die dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegen.

Bei dem Studenten lagerten weitere Waffen sowie laut Staatsanwaltschaft „Gegenstände“, die unter das Sprengstoffgesetz fallen. Sowohl Franco A. als auch der Student äußerten sich laut Behörden in ihrer ersten Vernehmung nach der Verhaftung am Mittwoch nicht. Motive und Hintergründe bleiben unscharf. Wie der ganze Fall. Bisher drangen wenig Belege für Anschlagspläne nach außen. Was bleibt, ist eine brisante Mischung: ein Soldat, illegale Waffen, Fremdenhass – und eine falsche Fährte als Flüchtling.