Syrien-Konflikt

Wie Donald Trump über Nacht zum Kriegspräsidenten wurde

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Dirk Hautkapp
US-Angriff in Syrien: Was Sie jetzt wissen müssen

US-Angriff in Syrien: Was Sie jetzt wissen müssen

Was bedeutet der US-Angriff in Syrien für Deutschland? Schlittert Amerika jetzt in einen Krieg? Diese Fragen beantwortet Auslandchef Michael Backfisch im Video.

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Donald Trump bezeichnet den Angriff als „grundlegend für die nationale Sicherheit“. Dabei hatte er zuvor vor einem Eingreifen gewarnt.

Washington.  Seezunge, grüne Bohnen, Karotten, Steak, Schokoladen-Kuchen und Früchte-Sorbet, dazu kühler Chardonnay aus Kalifornien. In Donald Trumps Florida-Domizil Mar-a-Largo waren die leer gegessenen Teller beim Staatsdinner zu Ehren des chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Donnerstagabend noch nicht abgeräumt, da war aus dem amerikanischen Präsidenten bereits der Commander-in-Chief geworden.

Gegen 20.45 Uhr US-Ortszeit stiegen von den im Mittelmeer stationierten Kriegsschiffen USS Porter und USS Ross 59 Marschflugkörper vom Typ Tomahawk auf und schlugen wenige Minuten später auf der syrischen Luftwaffenbasis Al-Schairat nördlich von Damaskus ein.

Konsequenzen sind unabsehbar

Mit dem gezielten Luftschlag, den sich Trump kurzfristig von Verteidigungsminister Mattis und dem Nationalen Sicherheitsberater McMaster als Strafaktion für den Giftgasangriff in der Stadt Chan Scheichun ausarbeiten ließ, hat sich Amerika nach sechs Jahren Bürgerkrieg zum ersten Mal gegen das Militär des syrischen Präsidenten Baschar-al-Assad gestellt. Konsequenzen? Unabsehbar.

Um 21.40 Uhr trat Trump mit ernster Miene in einem Nebensaal seines Anwesens vor die Kamera. Um keine Fehler zu machen, las er seine dreiminütige Rede vom Teleprompter ab. O-Ton: „Am Dienstag hat der syrische Diktator Baschar al-Assad einen schrecklichen Angriff mit Chemiewaffen auf unschuldige Zivilisten verübt. Mit dem Einsatz eines tödlichen Nervengases erstickte Assad die Leben hilfloser Männer, Frauen und Kinder. Es war ein langsamer und brutaler Tod für so viele. Sogar wunderschöne Babys wurden bei dieser barbarischen Attacke grausam ermordet. Kein Kind Gottes sollte jemals solch einen Horror erleiden. Ich habe heute Abend einen gezielten Militärangriff auf den Flugplatz in Syrien angeordnet, von dem aus die Chemieattacke gestartet wurde.“

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Damaskus bestreitet Vorwürfe vehement

Trump bezeichnete den Angriff als „grundlegend für die nationale Sicherheit“ Amerikas. Es gehe darum, die Verbreitung tödlicher Chemiewaffen zu verhindern. Er forderte alle „zivilisierten Nationen“ auf, das Blutvergießen in Syrien zu stoppen. Näheres? Fehlanzeige. Es ist die Geste, die zählen soll. Wer eine Linie überschreitet, sagte Außenminister Rex Tillerson später, wisse nun, dass Trump anders als Vorgänger Obama „handelt“.

Die Regierung in Damaskus bestritt die Vorwürfe vehement, sprach von einer „rücksichtslosen, unverantwortlichen und schändlichen Tat“ und kündigte an, noch unbarmherziger gegen die Opposition vorzugehen. Ähnlich äußerte sich Assads Schutzmacht Moskau. Um russische Opfer zu vermeiden, war der Kreml unmittelbar vor den Angriffen informiert worden. Genau wie mehrere ausländische Regierungen, darunter auch die deutsche.

Aktion hatte sich angedeutet

Nach syrischen Regierungsangaben starben bei den Raketenangriffen neun Menschen, darunter auch Zivilisten. Anders als das Pentagon behauptet, sollen sich die Schäden an der militärischen Infrastruktur von Treibstofftanks bis Landebahn in Grenzen halten. Durch einen Tipp Russlands, spekulierten US-Medien, seien Personal und Fluggerät rechtzeitig abgezogen worden.

Die Militär-Aktion hatte sich angedeutet. Trump reagierte auf die Horrorbilder der Giftgasopfer im Kindesalter mehr als schockiert. „Es muss etwas passieren mit Assad“, hatte er noch im Anflug auf Mar-a-Largo gesagt.

Die Gespräche mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping traten komplett in den Hintergrund. Dabei stand auch dort ein heikles Thema auf der Tagesordnung: die Frage der Eindämmung der atomaren Aktivitäten Nordkoreas. Wollte Trump mit seinem Angriff auf Syrien auch hier ein Warn-Signal geben?

Breite Zustimmung im eigenen Land

Alle Aufmerksamkeit richtet sich jetzt auf den vom militärische Zurückhaltung predigenden Nationalisten über Nacht zum Kriegsherrn gewordenen Geschäftsmann – und auf die Frage, ob es sich tatsächlich um ein „einmaliges Ausrufezeichen“ Trumps in Syrien gehandelt hat.

18 Mal, hat das Time-Magazin nachgerechnet, hatte Donald Trump in den vergangenen Jahren über Twitter massiv vor einem Eingreifen der USA in Syrien gewarnt. Als 2013 über 1000 Syrer Opfer von Giftgasangriffen Assads geworden waren, wandte er sich an Obama: „Noch einmal, an unseren sehr dummen Anführer. Greifen Sie Syrien nicht an. Wenn Sie es tun, werden viele sehr schlimme Sachen passieren.“ Im Wahlkampf 2016 sagte er seiner Konkurrentin Hillary Clinton nach, sie riskiere durch eine Intervention im Bürgerkriegsland den dritten Weltkrieg. Jetzt ist Trump selbst zum „Weltpolizisten“ geworden, schreiben US-Zeitungen.

Trotz breiter internationaler Zustimmung – nicht allen in Amerika gefällt das. Ultrarechte Internet-Medien mit großem Einfluss wie „Infowars“, die Trump bisher uneingeschränkt unterstützten und bei seinen Wählern großes Gehör finden, wenden sich bereits ab. Der Präsident, der sich als achtfacher Großvater offenbar über die ermordeten Babys in Syrien empört habe, sei nicht mehr als eine „Puppe der Neo-Konservativen“.

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