Pressefreiheit

Dündar: Deutschland reagiert zu spät auf Lage in der Türkei

Der regierungskritische türkische Journalist Can Dündar war auf dem Literaturfestival Lit.Cologne in Köln zu Gast.

Der regierungskritische türkische Journalist Can Dündar war auf dem Literaturfestival Lit.Cologne in Köln zu Gast.

Foto: Ralf Juergens / Getty Images

Der Journalist Can Dündar kritisiert, dass Deutschland sich lange nicht genügend für die Pressefreiheit in der Türkei engagiert habe.

Köln.  Der regierungskritische türkische Journalist Can Dündar hat Deutschland bescheinigt, vor der Verhaftung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel zu lange der Entwicklung in der Türkei zugesehen zu haben. „Hätte sich Deutschland vor der Verhaftung von Deniz Yücel – als 150 andere Journalisten in Haft waren – ausreichend für die Pressefreiheit in der Türkei eingesetzt, dann wäre Deniz Yücel jetzt vielleicht nicht in Haft“, sagte Dündar der Deutschen Presse-Agentur in Köln.

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Sollte der Korrespondent freigelassen werden, wäre das Problem damit auch noch nicht gelöst. Man müsse das ganze System infrage stellen, sagte Dündar. Der frühere Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“, soll sich in der Türkei wegen Unterstützung einer „bewaffneten Terrororganisation“ vor Gericht verantworten. Dündar war im vergangenen Mai in der Türkei zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft wegen Geheimnisverrats verurteilt worden. Er legte Revision ein.

Dündar: Auftrittsabsagen waren Vorlage für Erdogan

Dündar lebt seit vergangenem Sommer in Deutschland. In Köln war er Gast auf dem Literaturfestival Lit.Cologne. Der Streit zwischen Deutschland und der Türkei war zuletzt auch wegen der Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Yücel eskaliert. Hinzu kamen Absagen mehrerer Auftritte türkischer Minister in Deutschland, über die sich Ankara beschwerte.

Die Auftrittsabsagen hätten dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan eine Vorlage geliefert, sagte Dündar. „Er wird das bis zum Schluss nutzen“, sagte er. Er glaube auch nicht, dass ein Treffen zwischen Außenminister Sigmar Gabriel und seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu wie am Mittwoch viel an den Spannungen ändern könne. „Ich denke, dass sich Erdogan von der Politik der Anspannung nährt.“

Gabriel - Keine Alternative zu Gesprächen mit der Türkei
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Dündar fordert Merkel zum Handeln auf

Er habe zudem beobachtet, wie sich auch die Spannungen innerhalb der Türkei in Deutschland widerspiegelten, sagte Dündar. „Alles, was in der Türkei passiert, reflektiert sich hier wie in einem Spiegel und verstärkt sich sogar noch in der Diaspora“.

Aber Deutschland habe die Chance, dabei ein gutes Beispiel für das Zusammenleben zu geben, sagte er. „Warum lädt Angela Merkel nicht die Vertreter der verschiedenen türkischen Communitys ein und bringt sie an einen Tisch?“, fragte er. „Statt die Spannungen in Deutschland zu beobachten könnte sie intervenieren.“ (dpa)