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Vorsicht mit der Rassismuskeule

HA-Logo Hamburger Kritiken Matthias Iken

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Foto: Hamburg

Hamburg. Es gibt gute Gründe, den Schalker Aufsichtsratschef Clemens Tönnies nicht zu mögen: Sein Verein hat bei Fußballromantikern verspielt, seitdem sich die Gelsenkirchener vom russischen Erdgasunternehmen Gazprom sponsern lassen. Und Tönnies’ Geschäft – die Fleischindustrie – sehen nicht nur Veganer und Vegetarier kritisch. Mit seiner unsäglichen Aussage, Afrika benötige vor allem neue Kraftwerke, „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“, hat er sich noch mehr Sympathien verscherzt. Zu Recht.

Was aber seit der Rede auf Clemens Tönnies einprasselt, hat bei aller berechtigten Kritik das Maß verloren. Die mediale Aufregung ist einen Ton zu schrill, die öffentliche Anklage und Verurteilung zu gnadenlos, das Thema als Spitzennachricht zu hoch gehängt. Um es klar zu sagen: Meinungsfreiheit gilt auch für Andersdenkende – seltsame Meinungen müssen erlaubt sein, solange sie nicht den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Zwar wurde Tönnies fast alles vorgeworfen – das war noch nicht dabei.

Nicht vorschnell die Rassismuskeule schwenken

Es drängt sich der Eindruck auf, der Schalker Aufsichtsratschef, der nun sein Amt für drei Monate ruhen lassen muss, sei der schlimmste Rassist im Lande. Schön wär’s für Deutschland – aber angesichts eines Björn Höcke, der mit seiner AfD vor einem Triumph in Ostdeutschland steht, sowie angesichts rechten Terrors und Kübeln von rassistischem Hass im Netz reichen die Probleme leider viel tiefer. Um diesen Hass zu bekämpfen, sollte man nicht vorschnell die Rassismuskeule schwenken. Nicht jeder Blödsinn ist gleich Rassismus.

Es ist erschreckend, dass Akzentuierungen in der öffentlichen Empörung kaum noch möglich scheinen. So kritisiert Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Stiftung Amadeu Antonio, die Aussagen Tönnies’ sind „nicht mehr im Rahmen des Tolerierbaren“. Das zeigt ein seltsames Toleranzverständnis: Wer bestimmt eigentlich, was noch gesagt und nicht mehr gesagt werden darf? Timo Reinfrank? Oder die Stiftung Amadeu Antonio?

Tönnies und sein Altherrenwitz sind peinlich

Um nicht missverstanden zu werden: Die Sätze von Tönnies und sein Altherrenwitz sind peinlich. Aber Tönnies ist kein Inte­grationsminister, sondern Fleischfabrikant. Er hat seine Rede nicht bei einer Einbürgerungsfeier oder im Bundestag gehalten, sondern beim Tag des Handwerks in Paderborn. Für seinen Fehlgriff gab es dort keine Buhrufe, sondern Lacher und Applaus. Sind das auch alles Rassisten? Oder klingt eine Rede einfach anders als ein Zitat, das sich wie ein Lauffeuer auf Twitter und Facebook verbreitet?

Als das Wort dann in der Welt war, begann in Politik und Medien ein Wettrüsten der Empörung. Einer schreit Rassist – und alle brüllen mit. Es ist ja auch so einfach – man stellt den Bösewicht (Tönnies) ins Aus und inszeniert sich als besserer, moralischer Mensch. Je härter man den bösen „Rassisten“ kritisiert, umso edler steht man als Antirassist da. Interessant, wer sich da zu Wort meldet, um Tönnies noch einen mitzugeben. Manche waren wohl auch froh, endlich wieder gefragt zu sein. „Moralischer Bankrott“, „erschütterndes Weltbild“ zürnte die „Welt“ und schreibt: „Die Aussage ist gleich auf so vielen Ebenen rassistisch, dass man annehmen könnte, Tönnies habe den Preis für den menschenverachtendsten Satz des Jahres gewinnen wollen.“ Das ist maßlos.

Die Religion des Politisch-Korrekten kennt keine Vergebung

Es gibt nur wenige, die dagegen halten: FDP-Querdenker Wolfgang Kubicki hat es gewagt – und Prügel bezogen. Der ARD-Chefredakteur Kai Gniffke hat mit einem mutigen Kommentar einen Shitstorm geerntet. Sigmar Gabriel, den die SPD jeden Tag mehr vermissen müsste, hält den „Rassisten-Vorwurf“ für „absoluten Quatsch“. Günter Nooke, der Afrika-Beauftragte der Kanzlerin, kritisierte klar die Tonalität Tönnies‘, forderte aber eine ehrliche Debatte.

„Die angesprochenen Probleme wie das Verschwinden des Regenwalds und das Bevölkerungswachstum sind real.“ Darüber müsse gestritten werden. Aber offenbar geht es vielen nicht um die Rettung des Weltklimas, sondern um Diskurshoheit. Da hilft auch nicht, dass Tönnies sich umgehend entschuldigt hat. Die Religion des Politisch-Korrekten kennt keine Vergebung, sie kennt nur Strafe.

Ob das ein Sieg im Kampf gegen den Rassismus war? Vermutlich war es eher ein Pyrrhussieg. Wie sagte Pyrrhos von Epirus? „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“