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"Markus Lanz": FDP will mitregieren – unter einer Bedingung

| Lesedauer: 7 Minuten
Karina Krawczyk
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Die FDP möchte mitregieren und stellt hohe Forderungen. Bei "Markus Lanz" wird klar, dass sich die Liberalen am Ende verheben könnten.

Berlin. Olaf Scholz (SPD) möchte der nächste Kanzler werden, Annalena Baerbock (Die Grünen) und Armin Laschet (CDU) auch. Christian Lindner (FDP) dagegen – das bestätigte der Parlamentarische Geschäftsführer der Liberalen, Marco Buschmann bei "Markus Lanz" – will in der nächsten Regierung (nur) Bundesfinanzminister sein – dann aber auch egal, ob in einer Ampel-, Jamaika- oder der so genannten Deutschland-Koalition, wie sie Sachsen-Anhalt gerade erprobt wird.

Selbst Markus Lanz staunte, wie zielbewusst der Spitzenkandidat der Liberalen seinen Wunsch-Posten schon jetzt ansteuert: Wahlkampfplakate zeigen ihn bereits vor dem angepeilten Dienstsitz an der Wilhelmstraße in Berlin. "Finden Sie diese Kandidatur nicht komisch?", wollte er an diesem Donnerstag von seinem einzigen Politik-Gast wissen. "Wieso?", entgegnete Buschmann siegesgewiss: "Die anderen wollen uns in der Regierung, also müssen sie auch auf uns zukommen."

"Markus Lanz" – Das waren die Gäste:

  • Marco Buschmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion
  • Kristina Dunz, Journalistin des "RedaktionsNetzwerk Deutschland"
  • Zarifa Ghafari, Frauenrechtlerin und ehemals Afghanistans jüngste Bürgermeisterin
  • Alexander Kekulé, Epidemiologe

Die "Leitplanken" des FDP-Programms

Besser hätte es an diesem Abend für die FDP sowieso nicht laufen können: Erst durfte der Parteivorsitzende Lindner bei "Maybrit Illner" gefühlte 75 Minuten lang die "Leitplanken" seiner Finanz- und Haushaltspolitik erläutern. Gleich im Anschluss nahm dann der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion Platz im Hamburger Studio von "Markus Lanz", um bei den Kernzielen noch einmal nachzulegen: Steuern senken, Privatinvestitionen mobilisieren, Staatsverschuldung reduzieren. Wenn die Wirtschaft wachsen und aus der Corona-Krise kommen soll, wäre es nur logisch, dass die FDP das Bundesministerium der Finanzen besetzte.

Fast schien es so, als wäre die geballte Dauerpräsenz der Liberalen im ZDF eine Art Wiedergutmachung für bisher entgangene Medien-Aufmerksamkeit: Seit der Zuspitzung des Bundestagswahlkampfs auf das Kanzlerkandidaten-Triell, kamen die Freien Demokraten im deutschen Fernsehen so gut wie gar nicht mehr vor. Mehr zum Thema: TV-Triell – Laschet müht sich um den Befreiungsschlag

Gerade das musste Buschmann ärgern, der an dem Kanzlerkandidaten-Format vor allem zu viel "Symbolpolitik" bemängelte: "In Deutschland werden immer noch Parteien gewählt", erläuterte er, also Inhalte und Programme, nicht Köpfe.

Dabei war doch kaum eine Partei so stark auf ihren Vorsitzenden fokussiert wie die FDP, warf Markus Lanz ein, bevor er, leicht angespitzt, zu der Frage ansetzte, die ihn besonders interessierte: "Und wenn Christian Lindner nicht Bundesfinanzminister wird, dann machen Sie gar nicht erst mit?" Angeblich: "Nein, dann nicht." Weiterlesen: Entscheidet die FDP am Ende, wer Kanzler wird?

Bei Steuern "Spielräume nutzen"

Vieles, was Marco Buschmann im Verlauf des Talks nahezu gebetsmühlenartig wiederholte, mochte Markus Lanz kaum glauben: "Garantieren Sie hier und heute, dass es mit der FDP wenigstens keine Steuererhöhungen geben wird?", versuchte der Moderator ein weiteres Mal, den FDP-Mann festzunageln.

Kurz davor hatte Buschmann schon das erste Versprechen – "Steuern senken" – gegen "alle Spielräume nutzen" kassiert. Ein solider Haushalt und die Einhaltung der Schuldenbremse gingen in jedem Fall vor, gestand er ein. Aber erhöhen, auf keinen Fall: "Wir sind jetzt schon Weltmeister bei Steuern und Abgaben." Allein die Belgier würden noch stärker vom Staat zur Kasse gebeten.

Für die RND-Journalistin Kristina Dunz, die aufmerksam zuhörte, war noch längst nicht ausgemacht, dass die FDP bei Koalitionsgesprächen auch bekommen würde, was sie einforderte: "Wenn Christian Lindner nach dem Jamaika-Ausstieg 2017 jetzt wieder die Regierungsbeteiligung verweigert, wäre er als Parteivorsitzender erledigt."

Außerdem glaubte sie, bezogen auf die Alles-oder-Nichts-Ansage Buschmanns, dass "ein Mann wie Olaf Scholz durchaus in der Lage ist, ganz schnell die Fantasie für eine Ampel-Koalition zu beflügeln". Vorbedingungen zu stellen, gehörte für sie eher in den Bereich "Kasperletheater von Politikern".

"Stille Durchseuchung" an den Schulen

Dass die heiße Phase des Wahlkampfs zu allerlei Zuspitzungen führte, erkannte auch Alexander Kekulé. Im Hinblick auf die Corona-Politik glaubte der Epidemiologe, der diesmal als "Experte für Seuchenbekämpfung" in der Lanz-Runde firmierte, dass wir gerade "eine stille Durchseuchung der Kinder erleben, nur weil Wahlkampf ist".

Auf jeden Fall redete niemand darüber, was gerade wieder an den Schulen passiere, kritisierte Kekulé. Während die Erwachsenen zum großen Teil geimpft waren, seien es jetzt die Unter-18jährigen, "die das Virus richtig abkriegen." Sogar neuerliche Schulschließungen hielt für möglich.

"Die Geimpften wiegen sich in falscher Sicherheit", erläuterte er weiter: "Sie können infiziert sein, ohne es zu merken, lassen sich auch nicht mehr testen und geben das Virus unkontrolliert weiter." Deshalb vor allem sprach er sich auch gegen die 2G-Regelung aus, wie sie zum Beispiel in Hamburg und anderen Großstädten erprobt wird.

"Warum sollen wir jetzt den Preis zahlen?"

Es mag an der Simultanübersetzung gelegen haben, dass die Freude von Zarifa Ghafari, in dieser Runde fast eine ganze Stunde ganz still zu sitzen, etwas schräg herüberkam. Aber sie war erschütternd echt: Die Frauenrechtlerin, 2018 gegen 138 männliche Kandidaten zur jüngste Bürgermeisterin Afghanistans gewählt, war froh, dass es in diesem Talk keine Sekunde lang um Krieg gegangen war, wie bei allen Gesprächen in ihrer Heimat.

Nach drei Mordanschlägen auf ihr Leben, die sie knapp überlebte, und nach dem Mord an ihrem Vater, war sie erst vor wenigen Tagen aus Afghanistan geflüchtet. Immer noch sehr aufgewühlt über die unerwartet schnelle Einnahme Kabuls durch die Taliban, berichtete sie mit brüchiger Stimme, was das für die Frauen, die bleiben mussten, bedeutete: "Alles, was wir in den 20 Jahren aufgebaut haben, wird jetzt zerstört. Dabei war unsere Generation nie Teil dieses Krieges. Warum sollen wir jetzt den Preis dafür zahlen?"

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