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„Markus Lanz“: Kann man in Deutschland seine Meinung sagen?

| Lesedauer: 5 Minuten
Helena Düll
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Viele Menschen haben den Eindruck, man dürfe heute nichts mehr sagen. Bei „Markus Lanz“ soll darüber diskutiert werden – eigentlich.

Berlin. Geht es um Themen wie Rassismus, Sexismus oder Gender, wird häufig darüber gestritten, ob zu viel Political Correctness einer offenen Debatte schade und ob man überhaupt noch sagen dürfe, was man denkt. Moderator Markus Lanz nimmt eine aktuelle Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, die im Auftrag der „FAZ“ durchgeführt wurde, zum Anlass, genau darüber zu diskutieren. Denn darin geben nur 45 Prozent der Befragten an, dass sie ihre eigene Meinung in Deutschland frei äußern können. 44 Prozent hingegen glauben, das sei nicht möglich.

„Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht gefährdet. Denn die klassisch unterdrückerischen Instanzen Staat, Kirche und Wirtschaft hätten hierzulande keinen Einfluss auf die freie Meinungsäußerung. Was zu diesem Eindruck führe und neu sei, sei der Druck, der aus der Gesellschaft komme.

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Giovanni di Lorenzo, Publizist („Die Zeit“)
  • Emilia Roig, Politikwissenschaftlerin
  • Thea Dorn, Autorin
  • Sascha Lobo, Blogger

Sascha Lobo bei „Lanz“: Gegenwind in Social Media

„Natürlich gibt es Meinungsfreiheit“, sagt die Autorin Thea Dorn. Sie selbst sei mit Sexismen oder Rassismen aufgewachsen. Damals seien derartige Beleidigungen „völlig selbstverständlich“ mitgelaufen. Inzwischen sagt sie, seien „wir behutsamer geworden“. „Man muss überlegen, was man mit Worten anrichtet“, so ihre Einschätzung zu den Ergebnissen der Studie.

Sascha Lobo blickt anders als der Rest der Runde auf die Allensbach-Umfrage. „Zum ersten Mal haben wir die Situation, dass Menschen (auf Social Media) immer und überall ihre Meinung äußern können“, so seine Einschätzung. Weil der rassistische Onkel, der sonst einmal im Jahr bei einer Familienfeier für seine Aussagen kritisiert wurde, nun für derartige Postings im Internet wesentlich mehr Gegenwind bekäme, fühle es sich für ihn so an, als würde er in seiner Meinungsfreiheit beschränkt werden. Lobo nennt diese Art der gesellschaftlichen Regulierung gar einen Fortschritt.

„Lanz“: Wut der Menschen ernstnehmen

Den sinnbildlichen „rassistischen Onkel“ zum Anlass nehmend, verläuft sich die Talk-Runde in der Diskussion und lässt sich über prominente Einzelfälle von Fehlverhalten so ziemlich jeder Art aus. Da geht es um die Antisemitismusvorwürfe, die CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gegen die Autorin Carolin Emcke erhoben hatte, um die rassistische Nachricht von Jens Lehmann an Dennis Aogo oder auch um die Vorwürfe des Machtmissbrauchs am Berliner Maxim-Gorki-Theater gegen die Intendantin Shermin Langhoff.

Alle Beteiligten zanken sich heftig darüber, ob und in welchem Maß Konsequenzen für etwaiges Fehlverhalten gerechtfertigt waren und welche Mechanismen Shitstorms in den Sozialen Medien auslösen. Jeder und jede hat etwas dazu zu sagen. Das eigentliche Thema der Meinungsfreiheit scheint vergessen.

Lanz kann die wild diskutierenden Gäste erst gegen Ende der Sendung wieder einfangen. Politikwissenschaftlerin Emilia Roig findet: „Die Wut der Menschen ist der Schlüssel zu allem.“ Man müsse fragen, woher die Wut komme und sie ernstnehmen. Statt Diskussionen über individuelles Fehlverhalten müsse über die dahinterstehenden Strukturen gesprochen werden.

Lanz: „Menschen haben Angst vor Reaktionen“

Doch eine aufgeklärte Debatte sei bei Themen wie Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen oder der höheren Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus in Großfamilien nicht möglich, wirft Markus Lanz ein. Viele Menschen würden aus Angst vor den Reaktionen auf ihre öffentlichen Aussagen, etwa in Medien lieber schweigen oder nur anonymisiert Informationen weitergeben. Di Lorenzo teilt diese Beobachtung und sagt: „Wir müssen anerkennen, dass es einen einschüchternden Effekt gibt.“ Lobo ergänzt: „Menschen haben Angst, als Stichwortgeber für die Rechte vereinnahmt zu werden.“

Die Debatte bei Lanz zeigt, dass sich das, was gesagt werden darf und was nicht, ändert. Eine Tatsache, die Menschen verunsichert und bei ihnen den Eindruck erweckt, dass sie in ihrer Redefreiheit eingeschränkt würden. Die Lanz-Runde beweist genau das an diesem Abend fast lehrbuchartig. Dadurch, dass alle Beteiligten Benennungen beinahe krampfhaft umschiffen, um selbst stets auf allen Ebenen möglichst korrekt zu bleiben, wirkt der Talk über weite Strecken ungeschickt distanziert, unkonkret und stellenweise aus der Zeit gefallen. Beim gerne genannten „rassistischen Onkel“ werden derartige Diskussionsrunden wohl kaum einen Lerneffekt haben.

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