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„Markus Lanz“: Das Impfen von Schülern wird dauern

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Karina Krawczyk
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Neue Beschlüsse, alte Fehler: Detailliert und kritisch diskutierte „Markus Lanz“ mit seinen Gästen die Entscheidung des Impfgipfels.

Berlin. „Das Impftempo gibt nicht die Politik vor“, mahnte Karl-Josef Laumann (CDU) bei „Markus Lanz“, „sondern die verfügbaren Impfdosen.“ Dann rechnete der NRW-Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales kurz vor, wie schnell er die 1,2 Millionen Schüler, die in NRW lebten, durchimpfen könnte. Leider nicht so schnell, wie die Kanzlerin am Nachmittag noch glauben lassen wollte, als sie ankündigte, dass sich ab 7. Juni auch Kinder ab 12 Jahren um einen Impftermin „bemühen“ könnten.

In den nächsten vier bis fünf Wochen, kalkulierte Laumann, sei für die Hausärzte in seinem Land eine Lieferung von insgesamt 2,7 Millionen Impfdosen zugesagt – für alle, Erst- und Zweitimpfung inklusive. Dabei war die „Prio 3“ längst noch nicht durch, die Liste also, nach der systemrelevante Berufsgruppen immer noch vorrangig geimpft werden sollten, bis Anfang Juni zumindest.

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Karl-Josef Laumann, NRW-Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales (CDU)
  • Yasmine M’Barek, Redakteurin „Zeit Online“
  • Prof. Dirk Brockmann, Physiker
  • Prof. Jörg Dötsch, Kinder- und Jugendmediziner

„Es wird keinen zusätzlichen Impfstoff geben, das ist heute auch deutlich geworden“, bedauerte er. Als Politiker alter Schule, seit 1994 in der CDU und „der erste überhaupt, der mit einem Hauptschulabschluss als Staatssekretär auf Bundesebene aufstieg“ – wie Markus Lanz bewundernd betonte – beantwortete er als Hauptgast alle Fragen mit „westfälischer Gelassenheit“ und „einem fatalen Hang zur Ehrlichkeit“ (Lanz).

Darunter fielen auch die unangenehmen Fragen, die vor allem Richtung Wahlkampf zielten und nach möglichen Fehlern suchten, die der NRW-Landesregierung unter schon zu Anfang der Pandemie unterliefen: teure FFP2-Masken, Schutzkittel von Van Laack, die durch Laschet Jr. angebandelt und als Auftrag ohne Ausschreibung vergeben wurden, nicht beachtete Angebote der westfälischen Firma Seidensticker und mehr.

NRW-Gesundheitsminister: Pandemie wird die Bundestagswahl bestimmen

„Ein Mensch wie ich, wünscht sich natürlich, dass die CDU gewinnt“, sagte Laumann am Ende. „Aber ich weiß auch, dass bei der Bundestagswahl eine große Rolle spielen wird, wie wir die Pandemie hinkriegen.“ Nicht alles sei schlecht gewesen, vieles gut gelungen.

„Ehrlichkeit ist etwas, was gerade supergut bei der Bevölkerung ankommt“, lobte dann auch Yasmine M'Barek den NRW-Minister für seinen glaubwürdigen Auftritt. Umso mehr ärgerte sich die „Zeit Online“-Redakteurin über die „Deadline“ für die Kinder-Impfung, die an diesem Tag festgelegt wurde, ohne garantieren zu können, dass das Konzept aufgehen würde.

Gerade die junge Generation, sagte die 22-Jährige, mache das wütend: „Es wird eine Erwartung geweckt, die wieder enttäuscht wird.“ Dann empfahl sie den traditionellen Parteien, sich doch mehr um die Anliegen der Jungen zu kümmern, wenn sie die in 20 Jahren noch als Wähler haben wollten.

„Das ist wie mit dem Lockdown“, kommentierte Physiker Dirk Brockmann die Entscheidung des Impfgipfels, „statt auf die tatsächliche Entwicklung zu reagieren, setzt die Regierung wieder auf einen festen Termin, ab dem alles besser werden soll. Und muss dann wieder nachbessern.“

Dass sein Berufsstand neuerdings in die Kritik stand, mit dramatischen Kurvenverläufen zusätzlich „Angst und Schrecken“ verbreitet zu haben, konnte den Modellierer nicht aus der Fassung bringen. Dass nicht jede RKI-Vorhersage der Pandemie-Entwicklung in den letzten Monaten eintrat, erklärte er mit der Schwierigkeit, das tatsächliche Verhalten der Menschen zu kalkulieren.

„Bei der Berechnung der Infektionsdynamik ist das ein wesentlicher Aspekt“, erläuterte er, weshalb er nie eine Prognose erstellen würde, die länger als eine Woche in die Zukunft sieht. Für die komplexe Berechnung müssten „wie in einem Spinnennetz“ Informationen aus allen Bereichen zusammengetragen werden: „In Deutschland gibt es zu wenig mögliche Experten.“

Markus Lanz: Die Verantwortung wird wieder einmal auf die Eltern geschoben

Obwohl der „Lanz“-Talk an diesem Donnerstag über weite Strecken wie eine „Vergangenheitsbewältigung“ in Sachen Pandemie wirkte, ging es doch hauptsächlich um die Ergebnisse des Impfgipfels. Und also um die Frage, ob und warum Kinder geimpft überhaupt werden sollten.

Markus Lanz regte besonders auf, dass – wieder einmal – die Verantwortung an die Eltern abschoben wurde: Wie aber sollte eine Mutter, die den ganzen Tag an der Kasse sitzt oder ein Vater, der am Steuer eines LKWs keine Zeit hatte, sich so intensiv mit dem Thema zu beschäftigen wie die Teilnehmer seiner Talk-Runde, die richtige Entscheidung für ihr bzw. sein Kind treffen?

Kinderarzt Jörg Dötsch riet dazu, auf die noch ausstehende Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu vertrauen. Grundsätzlich begrüßte er die Entscheidung, dass Kinder – vorbehaltlich der EMA-Freigabe – ab 7. Juni die Wahl haben sollten, sich impfen zu lassen.

Schulbesuche nicht von Impfung abhängig machen

Eltern sollten sich mit dem Kinderarzt beraten und sorgfältig prüfen, was in ihrem individuellen Fall das Beste war, empfahl er: Kinder mit einem gesundheitlichen Risiko sollten die Möglichkeit möglichst nutzen, doch sonst sollte bei jeder Impf-Entscheidung „der Eigennutz der Kinder und nicht der Gesellschaft“ im Vordergrund stehen.

„Glücklicherweise erkranken Kinder viel seltener an Corona und dann nicht so schwer“, relativierte der Kinder- und Jugendmediziner von der Uniklinik Köln die Gefahren: Vier Kinder waren 2020 in Deutschland an Corona verstorben. Wegen des relativ geringen Risikos sollten Schulbesuche wie auch das soziale Leben der Kinder daher nicht von einer Impfung abhängig gemacht werden, bekräftigte er. Und möglichst niemals sollten Eltern (oder die Medien) noch behaupten, dass ein Kind womöglich „schuld sein“ könnte, jemand anderen zu infizieren, und sei es die Oma: „Das können Kinder nicht ermessen“, begründete er und setzte noch hinzu: „Wir alle können nichts für dieses Virus.“

Nur eine Verantwortung könnten, sollten Erwachsene in dieser Pandemie übernehmen: Wer sich problemlos impfen lassen konnte, sollte es tun – um die Kinder und Jugendlichen zu schützen.

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