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"Hart aber fair": Wenn der Lohn nicht zum Leben reicht

Lesedauer: 6 Minuten
Ulrike Borowczyk
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Eine Mutter berichtet bei "Hart aber fair" von ihrer Armut - dabei hat sie einen Job. Ein Unternehmer erteilt ihr krude Ratschläge.

Berlin. Als alleinerziehende Mutter mit einem Stundenlohn von 10,64 Euro ist Djamila Kordus oft schon am Monatsdritten pleite. Sie spart an vielem. Nur nicht am gesunden Essen. Warum, verriet sie bei "Hart aber fair": "Ich will als Mutter ein Vorbild für meine Tochter sein." Für ihr Kind hält sie auch den anstrengenden 16-Stunden-Tag durch, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen.

Im Montagstalk diskutierte Djamila Kordus nun mit als eine der über zehn Millionen Menschen in Deutschland, deren Lohn von vorn bis hinten nicht reicht. Die maximal noch hoffen, aber ihren Kindern nicht mehr sagen können: "Ihr werdet es einmal besser haben." Moderator Frank Plasberg fragte daher seine Gäste: "Arm trotz Arbeit - wird sozialer Aufstieg zum leeren Versprechen?"

"Hart aber fair" - Das waren die Gäste:

  • Djamila Kordus: alleinerziehende Mutter
  • Hubertus Heil (SPD): Bundesminister für Arbeit und Soziales
  • Lencke Wischhusen (FDP): Fraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft und Mitglied des FDP-Bundesvorstands
  • Julia Friedrichs: Journalistin und Filmemacherin, Buchautorin "Working Class"
  • Arndt Kirchhoff: Unternehmer, geschäftsführender Gesellschafter der Kirchhoff-Gruppe, Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW

"Hart aber fair": Aufstocken trotz Vollzeitjob

Dass Menschen von ihrem Lohn nicht mehr leben können, ist schon lange kein Einzelfall in prekären Verhältnissen mehr, sondern längst auch eine Erfahrung, die Akademiker machen. Journalistin und Filmemacherin Julia Friedrichs hat darüber das Buch "Working Class" geschrieben. Darin berichtet sie, dass es immer schwerer geworden ist, sich Wohlstand aus eigener Kraft zu erarbeiten.

Aufgrund ihrer Erkenntnisse warnte Julia Friedrichs in der Talkrunde vor zukünftigen Problemen, weil fünfzig Prozent der Arbeitenden keine Rücklagen aufbauen können: "Diese Menschen verbindet, dass sie zu wenig verdienen. Sie können kein gutes, sicheres Leben führen." Als Beispiel führte sie Sahid an, der U-Bahnhöfe in Vollzeit reinigt, aber aufstocken musste. "Sein Vater hätte sich früher als Ungelernter mit diesem Gehalt nicht mal den Hintern abgewischt. Jahrelang sind die Löhne im unteren Bereich nicht nur nicht gestiegen, sondern gesunken. Das konnte der Mindestlohn nicht aufholen."

"Hart aber fair": Heil will Mindestlohn auf 12 Euro anheben

Das sah der Bundesarbeits- und sozialminister Hubertus Heil (SPD) genauso. Er plädierte dafür, oberhalb des Mindestlohns anständige Tariflöhne zu zahlen, die aktuell nur noch 47 Prozent der Arbeitnehmer erhielten. Hubertus Heil erklärte zudem, warum er den Mindestlohn unbedingt noch vor der Bundestagswahl im Herbst auf zwölf Euro anheben möchte: "Die gute Nachricht: Der Mindestlohn hat geholfen. Aber nicht genug, um untere an mittlere Einkommen heranzuführen." Für ihn sei eine angemessen bezahlte Arbeit auch eine Frage von Würde und Anstand. Wie im Fall von Djamila Kordus.

Für die Bremer FDP-Vorsitzende Lencke Wischhusen alles nur eine Frage der richtigen Besteuerung. Mit dem FDP-Wahlprogramm wäre ihrer Meinung nach auch Djamila Kordus geholfen, die im boomenden Online-Handel Waren zusammenstellt und verpackt. Lencke Wischhusen war überzeugt, man müsse sich nur den passenden Arbeitgeber suchen: "Im Mittelstand verdient man ganz andere Löhne als bei den größeren Unternehmen. Da verdient man die schlechtesten Löhne." Aus ihrer Politikerinnen-Sicht war es da offenbar nur logisch, den Arbeitsplatz zu wechseln. Auch dann, wenn man, wie im Fall von Djamila Kordus, in eine andere Stadt ziehen und die Tochter aus dem sozialen Umfeld reißen müsste.

"Hart aber fair": 3,5 Millionen Multijobber in Deutschland

Lencke Wischhusen bewies im Wahlkampfmodus wiederholt, dass sie von der Lebenswirklichkeit alleinerziehender Mütter mit geringem Einkommen wenig Ahnung hat. Der Buhmann der Sendung war jedoch Unternehmer Arndt Kirchhoff, der sich quasi permanent Unmut zuzog. Von Hubertus Heil, weil Kirchhoff eine Erhöhung des Mindestlohns ablehnt.

Von Frank Plasberg, der Kirchhoff mehrmals ermahnte, beim Thema zu bleiben. Vom Zuschauer, weil Kirchhoff fand, dass es in Deutschland gerecht zugehe. Trotz 3,5 Millionen Multijobber, Tendenz steigend. Arndt Kirchhoff hatte zudem eine Lösung, um alle am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen: "Wir müssen den Kuchen größer machen." Prompt grätschte Julia Friedrichs rein mit der lakonischen Bemerkung: "Der Kuchen ist gewachsen, nur nicht gleichmäßig verteilt worden. Ganz oben haben sich die Vermögen prächtig entwickelt."

Mindestlohn reicht oftmals nicht für Miete

Damit übrigens auch Djamila Kordus in den Genuss des Mittelstandsbauchs kommen könnte, schlug Arndt Kirchhoff berufliche Weiterbildung vor. So könne es klappen mit den Aufstiegschancen. Während sich Djamila Kordus noch fragte, woher sie die Zeit dafür nehmen sollte, konstatierte Hubertus Heil: "Weiterbildung und Aufstieg sind keine Lösung für alle. Wir brauchen nicht nur Häuptlinge. Wir brauchen auch Busfahrer und Pfleger. Warum zahlen wir diese Jobs nicht besser?"

Dass man trotz Arbeit arm sein kann, hat aber noch andere Gründe, die "Hart aber fair" nicht erörterte. Ein Zuschauer der Sendung schrieb allerdings online ins Gästebuch: "1200 Euro Miete für eine Dreiraum-Wohnung kann man auch von zwölf Euro Mindestlohn nicht zahlen." Von allen weiteren Preissteigerungen in den letzten Jahren mal ganz abgesehen.

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