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Maybrit Illner: Jan Josef Liefers fühlt sich missverstanden

Lesedauer: 6 Minuten
Georg Altrogge
Maybrit Illner im Portrait

Maybrit Illner im Portrait

Maybrit Illner ist nur seit über 20 Jahren das Gesicht der gleichnamigen Sendung "maybrit illner" im ZDF. Beruflich erfolgreich, hat Illner auch privat ihr Glück gefunden.

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Schauspieler verteidigt im ZDF umstrittenen Künstler-Protest gegen Lockdown: „Haben ja nicht zum Sturm auf den Reichstag aufgerufen.“

Berlin. 
  • Die Protestaktion "#allesdichtmachen" sorgte vergangene Woche für viele Schlagzeilen - auch bei "Maybrit Illner" war die Aktion Thema
  • "Tatort"-Schauspieler Jan Josef Liefers rechtfertigte sich anschließend, auch bei "Maybrit Illner" am Donnerstag war das so - der Schauspieler verlor an manchen Stellen den Faden
  • Schützenhilfe erhielt der Schauspieler von Wolfgang Kubicki und Boris Palmer
  • Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim kritisierte dagegen scharf

Vielleicht war „Maybrit Illner“ für Jan Josef Liefers der eine Talk zu viel. Vielleicht war das Grund, warum der Schauspieler etwas arg von der Rolle wirkte. Ganz sicher war der Auftritt am Donnerstagabend im ZDF nicht sein souveränster. Zweimal musste der 53-Jährige einräumen, den „Faden verloren“ zu haben und nicht mehr zu wissen, „was ich sagen wollte“.

Das passiert einem Profi eigentlich nicht. Aber Liefers, der als spleeniger Pathologie-Professor im Münster-„Tatort“ mit einstudierten Texten brilliert, präsentierte sich in eigener Sache eher unbeholfen. Die Widersprüche der umstrittenen Künstler-Protestaktion #allesdichtmachen konnte er jedenfalls nicht so recht auflösen.

Bei "Illner" bekam Liefers eine Menge Redezeit

An der Redezeit lag es kaum. Moderatorin Maybrit Illner ließ Liefers ausführlich zu Wort kommen und seine Beweggründe für das Video mit der Pandemie-Kritik an Politik und Medien erklären. „Ich bin ein Riesen-Fanboy von Drostens Podcast“, sagte der Schauspieler. Aber ab dem zweiten Lockdown hätten sich ihm „viele Dinge nicht mehr erschlossen“, er sei vor den täglichen Nachrichten regelrecht geflüchtet: „Ich hatte diesen Corona-Overkill.“ Die Aktion mit den ironisch-zynischen Beiträgen der 53 Künstler sei als „Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“ gedacht gewesen. Um die „Sache“ sei dann ein „irrer Buzz entstanden“.

Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion
Corona: Heftige Debatte um #allesdichtmachen Aktion

Angesichts massiver Kritik fühle er sich auch von den Medien missverstanden: „Ich hätte gedacht, dass sie die Freiheit der Kunst auch dann verteidigen, wenn sie sich gegen die Presse richtet.“

„Maybrit Illner“: Das waren die Gäste

  • Jan Josef Liefers, Schauspieler
  • Mai Thi Nguyen-Kim, Wissenschaftsjournalistin, Chemikerin
  • Wolfgang Kubicki (FDP), Bundestagsvizepräsident, stellv. FDP-Vorsitzender, Jurist
  • Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister Hamburg, Mediziner
  • Boris Palmer (B´90/Die Grünen), Oberbürgermeister Tübingen

Ob er und andere Künstler sich von den Initiatoren der Aktion nicht benutzt gefühlt hätten, wollte Illner wissen. Er habe keine „saubere Recherche“ zu den Hintergründen gemacht, räumte Liefers ein: „Ich kannte sechs, sieben Leute, die da mitmachen, alles gute Kumpels, da dachte ich, ich bin safe.“

So kontrovers #allesdichtmachen im Land diskutiert wurde, so sehr gingen auch unter den übrigen Gästen des ZDF-Talks die Meinungen auseinander. FDP-Vize Wolfgang Kubicki fand die Aktion „sehr pointiert“, auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer schien grundsätzlich angetan. Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim dagegen kritisierte den „destruktiven“ Ansatz, der „die belohnt, die sich empören“.

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher konnte überhaupt keinen tieferen Sinn in dem Statement von Liefers erkennen: „Mir war bei dem Video nicht klar, was jetzt eigentlich Ihre Botschaft sein soll.“ Der SPD-Politiker spielte auch auf den Beifall aus der Querdenker-Szene und der AfD an: „In benzinhaltiger Luft zünden Sie ein Streichholz an.“ Tschentscher, selbst Arzt, wies auf die dramatische Situation auf den Intensivstationen hin. Die gerieten ans Limit, das Pflegepersonal sei an der Belastungsgrenze. Vorschlag von Liefers: „Warum sagt die Politik nicht: Wir verdoppeln Euer Gehalt, wir hauen noch einen drauf?“

Liefers bekommt Schützenhilfe von Kubicki und Palmer

Der Schauspieler nahm einen neuen Anlauf. Er habe den Eindruck, dass „Machtinteressen und Pandemiebekämpfung vermischt wurden“. Durch seine Bekanntheit werde er von vielen Menschen in Gespräche verwickelt und höre immer öfter den Satz: „Das darf man nicht mehr sagen.“ Nachfrage der Moderatorin: „Sind Sie so allergisch gegen die Maßnahmen, dass Sie mit dem Sound von Demokratieverächtern nachgeben?“ Und Nguyen-Kim wollte wissen: „Haben Sie den Künstlern mit Ihrer Aktion geholfen? War Ihnen nicht klar, dass Sie das Narrativ der Querdenker benutzen? Sie haben sich zum Kronzeugen der Rechten gemacht. Jedes Kind hätte das gewusst.“ Liefers trotzig: „Wir haben ja nicht zum Sturm auf den Reichstag aufgerufen.“

Schützenhilfe erhielt der Schauspieler von Kubicki und Palmer. Wer bei #allesdichtmachen nach Verboten rufe, so der FDP-Politiker, kenne den Grundgesetz-Artikel der Presse- und Kunstfreiheit nicht: „Mit dem Virus verhandelt man nicht, mit der Verfassung aber auch nicht.“ Für Palmer sind Liefers und seine Kollegen Opfer „eingespielter Rituale“, mit denen kritische Stimmen mundtot gemacht würden: „Auch wenn viele es so hinstellen: Lockdown-Maßnahmen sind nicht die einzigen Mittel zur Bekämpfung der Pandemie.“ Fazit der Runde zu den Künstler-Videos: Die hätten vor allem gezeigt, dass in der Pandemie auch die Debattenkultur „infiziert und vergiftet“ sei, wie Illner anmerkte.

Corona-Modellprojekte drohen zu scheitern
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Verhärtete Fronten in Sachen Ausgangssperre

So folgte der Streit um Liefers & Co. bei „Maybrit Illner“ dem typischen Verlauf eines Shitstorms – er ebbte ohne Annäherung in der Sache langsam ab. Für das anwesende Politiker-Trio die willkommene Gelegenheit, mit der Ausgangssperre ein weiteres und ebenso kontroverses Thema in den letzten Sendeminuten abzuhandeln. Dabei standen sich vor allem Kubicki, dessen Partei gegen die „Bundesnotbremse“ Verfassungsklage eingereicht hat, und Hamburgs Regierungschef Tschentscher unversöhnlich gegenüber. „Dass die Ausgangssperre wirkt“, so der FDP-Mann, „ist eine bloße Behauptung.“ Tschentscher warf Kubicki vor, dieser gefährde mit irreführenden Vergleichen „den Erfolg der ganzen Pandemiebekämpfung“. Dabei sei der angesichts sinkender Inzidenzwerte greifbar nahe: „Jetzt geht es doch darum, die Nerven zu behalten.“

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