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"Hart aber fair": Wenn niemand Corona-Regeln erklären kann

Lesedauer: 5 Minuten
Ulrike Borowczyk
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Bei „Hart aber fair“ diskutierte Frank Plasberg die Corona-Lage. Selbst eine CDU-Politikern tat sich schwer, die Regeln zu erklären.

Berlin. Die Menschen in Deutschland sind pandemiemüde und sehnen sich nach Normalität. Der Impfstoff könnte helfen, aber der ist noch Mangelware. Stattdessen grätschen gefährliche Virus-Mutationen in die Urlaubsträume von Millionen. Die von der Bundeskanzlerin beschworene Notbremse machte schon vor dem Ende des Gipfels im Bundeskanzleramt klar, der Lockdown geht in die Verlängerung.

Während das Treffen zwischen Angela Merkel und den Ministerpräsidenten noch andauerte, diskutierte Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ bereits mit seinen Gästen die Frage: „Der verschobene Frühling - dritter Lockdown statt weiter lockern?“

Es ging dabei natürlich auch mal wieder um Frage, wie wir dem ewigen Lockdown endlich entkommen können. Sowohl Journalist Georg Mascolo als auch Volker Wissing, FDP-Generalsekretär und Wirtschaftsminister von Rheinland Pfalz in Personalunion, stellten gleich zu Beginn erst einmal fest, dass die Probleme politikgemacht sind. Nicht nur, dass der Impfstoff fehle, man hätte auch versäumt, dafür zu sorgen, dass die Vakzine schnell genug produziert werden könnten. Lesen Sie hier: Lockdown statt Lockerungen – weil wir zu wenig impfen!

Doch Frank Plasberg ging gleich dazwischen. Er war fest entschlossen, diese Meckereien nicht zuzulassen: „Das sind Diskussionen über verschüttete Milch.“ Er wollte wissen, wie wir zukünftig mit der Pandemie umgehen. Und, ob wir zu viele Bedenken, aber zu wenig Mut für praxisorientierte Lösungen haben.

“Hart aber fair“: Das waren die Gäste

  • Karin Maag, CDU: Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Mitglied im Fraktionsvorstand
  • Volker Wissing, FDP: Generalsekretär, Wirtschaftsminister Rheinland Pfalz
  • Georg Mascolo: Journalist, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung
  • Elvira Rosert: Politikwissenschaftlerin, Mitautorin Strategiepapier "No Covid"
  • Sibylle Katzenstein: Fachärztin für Allgemeinmedizin und Geriatrie, führt eine Hausarztpraxis in Berlin

Corona-Tests als Lösung und Mangelware zugleich

Einig waren sich die Talkgäste darin, dass ein beschleunigter, effizienter Impfungsprozess der Schlüssel in der Pandemie und der Weg aus dem Lockdown sind. Hausärztin Sybille Katzenstein aus Berlin-Neukölln forderte zudem, Verantwortung an die Menschen zurückzugeben, statt Maßnahmen von oben zu diktieren.

Schließlich seien die Alten und Pflegebedürftigen mittlerweile weitestgehend geschützt. „Wir müssen den Menschen jetzt endlich das Werkzeug an die Hand geben, damit die sie sich selber schützen können. Das ist fürchterlich einfach: FFP2-Masken auch im geschlossenen Raum tragen, mal ein Fenster aufmachen und wenn man sich krank fühlt, einfach mal einen Test machen“, erklärte sie.

Leider sind auch die Schnelltests, die Öffnungen möglich machen könnten, oft noch Mangelware. „Wir sehen, dass die Tests bei uns hergestellt und in Österreich genutzt werden“, stellte Volker Wissing fest. Ihn trieb auch das Fehlen einer stringenten Strategie seitens der Politik um. Einerseits fordere der Staat Eigenverantwortung von den Bürgern, erkläre ihnen bis ins Kleinste, was erlaubt ist und was nicht. Andererseits versage der Staat. „Inzwischen ist bei den Bürgern Frust entstanden. Keine Maske getragen, fünfzig Euro Strafe. Als Minister keine Masken und keinen Impfstoff besorgen, kein Problem“, empörte sich Volker Wissing.

Corona-Beschlüsse: Plasberg fehlt die Logik

Frank Plasberg erinnerte auch daran, wie schwierig es immer wieder ist, die von der Politik gefassten Beschlüsse auf Logik zu überprüfen und fragte: „Kanzleramtsminister Helge Braun bezeichnete Mallorca als Mutantenschmelztiegel. Warum wird Urlaub dort nicht verhindert? Warum schaut man dort zu?“

Sogar Karin Maag, immerhin gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Mitglied im Fraktionsvorstand, musste zugeben: „Ich habe damit auch Schwierigkeiten, das zu erklären.“ Sie fügte noch hinzu: „Es ist zwar juristisch, die Reisewarnung für Mallorca aufzuheben. Das heißt aber nicht, dass es klug ist, dort Urlaub zu machen.“

Deutsche Gründlichkeit contra Impftempo

Ein weiterer Diskussionspunkt war die deutsche Gründlichkeit angesichts schleppender Impfungen und fehlender Öffnungsstrategien. So zeigte ein Einspieler, wie der Arzt Hans-Christian Meyer in Nordrhein-Westfalen mit Null-Totraum-Spritzen sieben statt sechs Impfstoffdosen aus einer Ampulle des Vakzins von Biontech/Pfizer holen wollte. Da weder die Spritzen noch die Anzahl der Dosen in einer Anordnung erlaubt waren, stritten sich Ärzte und Ministerium. Erst nach vier Wochen wurde es Hans-Christian Meyer erlaubt, sieben Dosen aus einer Ampulle zu verimpfen.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Schattenseite des deutschen Perfektionismus in der Pandemie

„Deutschland hat sich für einen Organisationsweltmeister gehalten, schaut in den Spiegel und erlebt so was“, meinte Frank Plasberg regelrecht resigniert. Volker Wissing stimmte ihm zu: „Wir erleben gerade, dass wir eine Pandemie nicht mit Ärmelschonern und gespitzem Bleistift meistern können. Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Die Politik muss schnell entscheiden. Aber der Staat will alles an sich ziehen und überhebt sich am Detail.“

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