ARD-Krimi

Zürich-Tatort "Schoggiläbe": Leider kein Zuckerschlecken

Lesedauer: 5 Minuten

50 Jahre Tatort

50 Jahre Tatort

Am 29. November 2020 feiert 50. Geburtstag. 1146 Folgen aus 37 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Krimiserie zeigt nicht nur den Umgang mit dem Verbrechen, sondern zeichnet auch ein Bild der deutschen Gesellschaft und ihres Wandels

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Die Schweizer Ermittlerinnen sind dem Mörder eines Schokoladenfabrikanten auf der Spur. Dabei entdecken sie einige Familiengeheimnisse.

Berlin. Ein Mord in Zürichs nobelster Wohngegend gibt den Ermittlerinnen Ott (Carol Schuler) und Grandjean (Anna Pieri Zuercher) Rätsel auf. Schokoladenfabrikant Hans-Conrad Chevalier wurde in seiner Villa erschossen und erschlagen. Zudem hat das Opfer einen Abschiedsbrief hinterlassen, wie es eigentlich nur bei einem Suizid üblich ist.

Für Profilerin Tessa Ott ist der Fall eine Rückkehr in ihre Vergangenheit. Schließlich wuchs sie in unmittelbarer Nachbarschaft der Chevaliers auf. Sie kannte die Familie. Als sie der Tochter des Ermordeten ihr Beileid ausspricht, wirkt Claire Chevalier (Elisa Plüss) seltsam unberührt. Die Mutter des Toten empfindet gar Erleichterung und weiß: „Jetzt wird alles gut.“

"Tatort": In der Schokoladenfabrik herrscht ein Machtkampf

Schnell wird klar, im Familienunternehmen tobt ein Machtkampf. Und Hans-Conrad Chevalier führte wahrlich kein wunderbares Schoggiläbe, also Schokoleben, wie man es von reichen Menschen erwarten könnte. Der Firmenchef war vielmehr depressiv und suizidal, weil er seine Homosexualität nie offen leben konnte. Vor allem Mutter Mathilde (Sibylle Brunner) hat den schwulen Sohn nie akzeptiert. Sie hat ein öffentliches Image für ihn kreiert, das nichts mit ihm zu tun hatte. Dazu gehörte auch Tochter Claire. Für deren strenge Erziehung sorgte nicht Chevalier, sondern seine Mutter.

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Nach dem Tod des Firmenchefs putscht sich Mathilde regelrecht an die Unternehmensspitze zurück, die sie einst nach einem Schlaganfall ihrem Sohn überlassen hatte. In den letzten Jahren hat Claire die Firma geleitet, die mittlerweile tiefrote Zahlen schreibt. Nicht ganz unschuldig daran ist Claires dubioser Verlobter (Urs Jucker), der ganz eigene Interessen verfolgt.

Ott und Grandjean kämpfen sich durch das Familiengeflecht der Chevaliers, gehen aber auch anderen Spuren nach. So gerät ein Liebhaber Chevaliers in ihr Visier. Und sie erkennen, dass es beim Mord eine Zeugin gab: Haushälterin Esmeralda Rivera (Isabelle Stoffel). Doch sie ist abgetaucht, weil sie eine illegale Migrantin ohne Papiere ist.

Claire und Mathilde Chevalier sind die Stars des "Tatorts"

Während der Ermittlungen ringt Kommissarin Isabelle Grandjean mit sich, ob sie überhaupt in Zürich bleiben soll, nachdem sie bei einer Beförderung übergangen wurde. Da sie auch wieder näher bei ihrem Sohn sein möchte, reicht sie die Kündigung ein. Aber sie hat Zweifel. Auch an ihrer Kollegin Tessa Ott, die Grandjean für wenig professionell hält.

Anna Pieri Zuercher mit charmantem französischen Akzent und Carol Schuler als lebenshungrige, unangepasste Tessa Ott sind eines der spannendsten Tatort-Teams. Zwei selbstbewusste, komplett unterschiedliche Frauen, die in ihrem Job vorwärts kommen möchten, was wie im echten Leben nie richtig glatt läuft.

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Stars in diesem Tatort sind aber Claire und Mathilde Chevalier. Jedes Wort, das sie wechseln, trieft vor Verachtung. Die Damen kämpfen mit allen Waffen um die Pole Position in der Firma. So lässt Claire etwa ein Testament verschwinden, während Mathilde ein furchtbares Geheimnis lüftet. Von schweizerischer Toblerone-Idylle keine Spur. Bei so viel Frauenpower würden die Männer fast zu Statisten degradiert werden, wären sie nicht ebenso mordverdächtig.

Das noble Zürich wird aus einer ungewöhnlichen Perspektive gezeigt

Regisseurin Viviane Andereggens zeigt Zürich immer wieder mit ungewöhnlichem Blick. Filmt nächtliche Straßenzüge aus der Vogelperspektive und die erstaunliche Enge der noblen Wohngegend am Zürichberg, dessen Villen klein und düster wirken. Wie unter eine Glocke scheinen die Vermögenden hier zu leben und die Geschicke Zürichs als Klüngelnetzwerk zu lenken.

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Doch hinter den schmucken Fassaden knirscht es gewaltig. Wie auch in der Familie von Tessa Ott. Die Profilerin hat zudem noch ein schwieriges Verhältnis zu Waffen. Als Grandjean bei einer Verfolgung in eine lebensgefährliche Situation gerät, kann Ott nicht schießen. Was das Vertrauen im Team nachhaltig erschüttert.

Zu viele Themen machen den "Tatort" zäh

„Schoggiläbe“ aus der Feder der Drehbuchautoren Stefan Brunner und Langenegger will unglaublich viel, verzettelt sich bis ins Unübersichtliche. Es geht unter anderem um ein Familiendrama, Homophobie und das Illegale in der Schweiz.

All das wird parallel erzählt, wodurch der "Tatort"unfassbar zäh wird. Der Fall selbst wirkt zudem wie aus der Zeit gefallen: Mord in bester Gesellschaft hinter schicken Fassaden, hinter denen sich Abgründe auftun. Kennt man nur zu gut aus beschaulichen Vorabendserien. Da helfen auch die teils skurrilen Outfits der Darsteller nicht.

Nachdem die Schweizer Ermittlerinnen in ihrem ersten Fall „Züri brännt“ letzten Oktober Lust gemacht haben auf mehr, bleibt „Schoggiläbe“ weit hinter den Erwartungen zurück. Dem Mordfall selbst fehlt es an Spannung, dem Tatort insgesamt an Esprit. Das Ergebnis ist trotz einiger bemerkenswerter schauspielerischer Duelle gepflegte Langeweile.

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Das Erste, 28.2. um 20.15 Uhr