Interview

Schauspieler Charly Hübner: „Man muss Fehler machen“

Lesedauer: 6 Minuten
Rüdiger Sturm
Hat als Student mal Bücher geklaut, ist heute sehr offen für die nächste Situation: Schauspieler Charly Hübner.

Hat als Student mal Bücher geklaut, ist heute sehr offen für die nächste Situation: Schauspieler Charly Hübner.

Foto: Reto Klar

Schauspieler Charly Hübner, bekannt aus dem „Polizeiruf 110“, spricht im Interview über falsche Entscheidungen, Faulheit und Luxus.

Berlin.  Von „Polizeiruf 110“ bis zur Horrorserie „Hausen“ – Charly Hübner scheint düstere Stoffe zu favorisieren. Dazu passt nun auch die Daniel Kehlmann-Verfilmung „Das Verhör in der Nacht“ (am 30. November um 20.15 im ZDF), die sich um eine mögliche terroristische Verschwörung dreht.

Der 47-Jährige hat auch einen klaren Blick für die Verwerfungen der Realität, beleuchtete in seiner Dokumentation „Wildes Herz“ etwa den Kampf gegen den Rechtsextremismus . Doch gleichzeitig schätzen der Wahl-Hamburger und seine Frau, Kollegin Lina Beckmann, die absolute Gemütlichkeit.

Sie verkörpern in „Das Verhör in der Nacht“ den Vertreter der Staatsmacht – einen Kommissar, der eine anscheinend unschuldige Frau eines terroristischen Verbrechens bezichtigt. Vertrauen Sie selbst eigentlich unserem System?

Charly Hübner: Prinzipiell halte ich unser Grundgesetz für einen historischen Multigewinn. Ich weiß nicht, ob es eine bessere Verfassung gibt. Aber natürlich funktioniert das nicht alles zu 100 Prozent, um es mal diplomatisch auszudrücken. Das liegt auch daran, dass Menschen aus irrationalen Gründen Fehler machen.

Und so wie wir uns täglich waschen, so müssen wir unser System permanent hinterfragen: Ist das noch richtig? Ist das noch zeitgemäß? Im Einzelnen gibt es also noch genug zu tun.

Gab es Situationen, wo Sie mit dem bundesrepublikanischen System aneinander gerieten?

Hübner: Bei „Wildes Herz“, der Dokumentation zu Feine Sahne Fischfilet, haben wir so manches erlebt. Ein Polizist bestand zum Beispiel darauf, dass unser Kameramann das Material eines ganzen Tages löschte, obwohl wir eine Dreherlaubnis hatten. Ansonsten habe ich als Student Bücher geklaut und hatte deshalb mit der Berliner Kriminalpolizei zu tun.

Welche Bücher haben Sie geklaut?

Hübner: „Das Glasperlenspiel“ von Hesse. Christa Wolf, „Kassandra“, etwas von Heiner Müller und Christoph Hein. Halt so manches, was ich meinte als Student zu brauchen.

In dem Film fällt der Satz „Es ist besser, das Falsche zu tun als nichts.“ Können Sie den unterschreiben?

Hübner: In der Arbeit auf jeden Fall immer. Man muss Fehler machen. Rudi Völler hat in seiner kurzen Zeit als Trainer gesagt, um die Mannschaft kennenzulernen, war es für ihn das Wichtigste zu sehen, was die für Fehler machen. Nur dadurch kann man erkennen, welche Dynamik in jemandem steckt und so das Optimum herausholen.

Wann haben Sie zum Beispiel etwas Falsches getan, was sich dann als richtig herausgestellt hat?

Hübner: Mit dem Album mit Schuberts „Winterreise“ und den Songs von Nick Cave. Eigentlich mussten wir davon ausgehen, dass das ein totaler Fehler ist. So etwas kann gar nicht gutgehen. Aber weil uns das früh bewusst war, ist das ein herrlicher Trip geworden, der jetzt so gut ankommt.

Und als ich 1991 am Theater anfing, haben alle den Kopf geschüttelt. Schauspieler war zuvor in der DDR ein geschützter Beruf, und als dieser Schutz aufgehoben wurde, konnten viele das werden. Dadurch vergrößerte sich die Zahl der Kollegen ums Zehnfache. Die staatliche Ausbildung war nur noch eine Möglichkeit von vielen. Aber trotzdem bin ich da hingegangen. Das war ein so genannter Fehler, der Sinn machte.

Gibt es Fehler, die Sie bereuen?

Hübner: Jüngst las ich von Keith Richards den Satz: „Reue zählt nicht!“ und ich mochte den Gedanken. Da ich auch eine große situative Faulheit in mir habe, ertappe ich mich oft dabei, dass ich mich in Entscheidungsmomenten sehr lange mit dem für und wider befasse, um vermeintliche Fehler vorher zu verstehen – heißt, ich renne meistens offenen Auges in sogenannte Fehler.

Wieso sind Sie faul? Sie drehen doch ständig. Gerade erst ist Ihre Serie „Hausen“ gestartet, Sie standen dieses Jahr noch in anderen Projekten vor der Kamera...

Hübner: Das Jahr hat zwölf Monate. Und die Serie war fünf Monate. Ich genieße es, gar nichts zu machen – außer Essen, Trinken, Schlafen. Das ist fantastisch.

Und Ihre Frau treibt sie nicht an?

Hübner: Nein, ihr geht es ja ähnlich (lacht).

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Wussten Sie dann die erzwungene Lethargie dieses Jahres zu schätzen?

Hübner: Wir haben uns hier eingemummelt und haben das erstmal gut hingekriegt. Aber das ist ein historisch krasser Einschnitt, der einen zum Nachdenken bringt, weil man nicht immer zu solche Verwerfungen um sich haben will. Für viele Menschen ist das seelisch und ökonomisch eine Katastrophe. Ich selbst bin noch nicht in Not gekommen, aber wenn das so weitergeht, dann ändert sich das auch für mich.

Sehen Sie eigentlich die Zukunft optimistisch?

Hübner: Man hat in seinem Kopf genügend Mühlen, die ins Morgen und ins Gestern arbeiten. Es gibt auch hier immer den Versuch zu kapieren: Wie müssen wir uns zu dem Thema verhalten? Muss ich das sofort erledigen oder kann ich das liegen lassen? Ich denke auch gar nicht positiv oder negativ in die Zukunft. Ich bin sehr offen für die nächste Situation, und dann kläre ich das, was am dringendsten ist und erst im Nachhinein leiste ich mir den Luxus: zu schauen, ob es schön oder nicht so schön war.

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